Buchmesse-Resümee Bohlen ist überall

An die Frankfurter Buchmesse 2003 wird man sich erinnern, weil fast überall ein nicht besonders großes, blondes Männlein mit kantig-bubenhaften Gesichtszügen präsent war: Dieter Bohlen. Die Buchbranche bewältigt ihre Krise mit Kommerzialisierung. Auf der Strecke bleibt die Debatte über Literatur.

Von Daniel-Dylan Böhmer


Bohlen-Leserin auf der Buchmesse: Was die Branche prägt
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Bohlen-Leserin auf der Buchmesse: Was die Branche prägt

Seine leibhaftige Gegenwart war dazu gar nicht zwingend nötig - in Dieter Bohlen vereint sich alles, was die Realität der Branche in diesen Tagen prägt: Einerseits die Angst vor der Preiskonkurrenz, die Bertelsmann mit dem Beispiel des Bohlen-Buches "Hinter den Kulissen" schürt, andererseits die Beobachtung, dass die Kommerzialisierung auch die darbenden Literaturverlage unter Druck setzt. So war Bohlen in den Gesprächen vieler präsent, die sich sonst weder aus privaten noch aus beruflichen Gründen für derlei Prominenz interessieren müssen.

Vielleicht handelt es sich aber auch nur um einen psychologischen Effekt des Kontrasts zwischen einer Medienkampagne, die rund um Bohlen auch die Wirtschaftsressorts erfasst, und einer Messelandschaft, auf der sich die anhaltende Krise in kleinen Signalen des Niedergangs zeigt: Die Einladungslisten für Empfänge, die sichtbar zusammengestrichen wurden, die wachsende Zahl von Freelancern, die sich auf den Partys tummelte, die Brezeln, die bei manchen Feiern das Büffet ersetzten, der Sandwich-Mann, der am Freitag durch die Hallen wandelte, auf Brust und Rücken Stoffbanner mit der Aufschrift: "Verlagserfahrener Werbeprofi sucht 'Job'." Allein dass jemand auf die Idee kommen konnte, das sei gute Eigenwerbung, stimmt nachdenklich.

Wie diese Episode ist auch der Niedergang der Empfangskultur mehr als ein Detail: Deutsche wie ausländische Verleger geben zu, dass der hauptsächliche Wert der Frankfurter Messe in ihrer Bedeutung als Kommunikationsforum liegt. Dass am Rahmen dafür gespart wird, zeigt, dass auch dieser Standortvorteil ins Wanken gerät - aus guten Gründen: Während die Verlage weitere Umsatzrückgänge verbuchen müssen, kommen sie die Empfänge in Nobelhotels heute zum Teil so teuer zu stehen wie vor wenigen Jahren noch das gesamte Messe-Budget inklusive Hotel- und Standkosten.

Ruth Geiger, Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Schweizer Diogenes Verlag, sieht einen Trend, der von Frankfurt wegführt: "Wir setzen in Zukunft mehr auf gezielte Treffen unserer Autoren mit Journalisten als auf die großen Foren. Und wir werden damit nicht alleine sein. Der Nutzwert eines großen Empfangs ist eben schwierig zu bemessen." Dass das ganzjährige Kommunikationszentrum Berlin die Messe-Kommunikation in Frankfurt ersetzen kann, bezweifelt die Marketingfrau. In Berlin sei es schwierig, gezielt Aufmerksamkeit zu erregen. Nur Großveranstaltungen seien in der Hauptstadt wirklich ideal platziert.

So könnte diese Messe auch Vorbote einer Entwicklung sein, die von Bohlen ausgehend auch die Sprechsituation im literarischen Bereich prägen würde: Durch wachsende Konkurrenz und schrumpfende Ressourcen zu effizienterem Marketing gezwungen, könnten sich die Verlage dafür entscheiden, den Gesprächsrahmen um die Literatur zu verkleinern. Nicht nur auf der Buchmesse. Weil auch die öffentlichen Haushalte immer weniger für die Ausgestaltung dieses Rahmens tun können, kann man befürchten, dass Literatur in Zukunft stärker strategisch lanciert wird und sich weniger bei Branchentreffen und kleinen Veranstaltungen durchsetzt.

Das stellt Anforderungen an die Planer der Frankfurter Buchmesse: Auch wenn die Ausstellerzahlen dieses Jahr wieder stiegen, glauben die meisten Verleger nicht, dass die Messe zugleich intimer Handelsplatz und Publikumsmagnet sein kann. Das neue Messekonzept versuchte, beide Aspekte auszubauen. Als Umschlagsplatz für Lizenzen ist Frankfurt nach Aussagen der Beteiligten trotzdem nicht attraktiver geworden. Und wenn Literatur noch weniger im öffentlichen Raum diskutiert wird, dann bleibt auch für das Publikum unter dem Strich weniger von der Frankfurter Messe übrig. Nämlich vor allem eine Verkaufsschau.



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