Buchmessen-Bilanz Mehr Besucher, viel Ruhe und gestohlene Socken

Gao statt Grass: Trotz wenig Prominenz war die Buchmesse nach Ansicht der Veranstalter ein "voller" Erfolg.


Buchmesse in Frankfurt: Vom kriminalistischen Standpunkt aus ruhig
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Buchmesse in Frankfurt: Vom kriminalistischen Standpunkt aus ruhig

Frankfurt/Main - Die 52. Frankfurter Buchmesse, der weltweit größte Branchentreff, ist am Montag mit einem deutlichen Besucherzuwachs zu Ende gegangen. An den Messetagen durchstöberten insgesamt etwas mehr als 300.000 Fach- und Privatleute das immense Titelangebot der rund 6900 Verlage. Das bedeutet ein Besucherplus von 7,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie die Messe nach sechs "erfolgreichen und ruhigen" Tagen bilanzierte.

Entgegen früheren Jahren, als etwa der Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass auf der Messe seinen Geburtstag feierte, Oskar Lafontaine mit einem Buch aus der politischen Versenkung auftauchte oder Salman Rushdie bei der Eröffnung plötzlich durch eine Hintertür erschien, ging die Messe ohne größere Ereignisse über die Bühne. Einzige Ausnahme war die Pressekonferenz mit der wegen ihrer Nähe zum Nazi-Regime umstrittenen Regisseurin und Fotografin Leni Riefenstahl.

Comics auf der Messe: "Das Genre nach vorne gebracht"
DPA

Comics auf der Messe: "Das Genre nach vorne gebracht"

So fand sich, abgesehen vom Auftritt des neuen Literatur-Nobelpreisträgers Gao Xingjian, keine große Prominenz auf der Messe ein. Dafür gab es für die Sonderpräsentation Comics mehr Aufmerksamkeit. "Ich glaube, der Schwerpunkt hat das Genre nach vorne gebracht", sagte der Frankfurter Comic-Händler und Mitorganisator des Messe-Schwerpunkts, Wolfgang Strzyz. Auch wirtschaftlich sei das Comic-Zentrum für Verlage ein Erfolg gewesen.

Erfreulich war der Auftritt des Gastlandes Polen, der auch nach Ansicht des neuen Buchmesse-Direktors Lorenzo Rudolf ein "intellektuelles und emotionales Highlight war". Fünf Millionen Mark hatte es sich der östliche Nachbar kosten lassen, um mehr als 100 Veranstaltungen von politischen Foren bis zu Kunstschauen und 70 Autoren-Vorstellungen zu präsentieren. "Es hat sich gelohnt", hieß es unisono in der Polen-Halle. "Unsere Erwartungen sind weit übertroffen worden", meinte Andrzej Nowakowski, der Cheforganisator des polnischen Gastauftritts.

Eher überflüssig kamen sich die Polizeibeamten auf der Messe vor. Auf der - unter kriminalistischem Gesichtspunkt - eher "ruhigen" Woche musste gerade einmal ein erwischter Dieb vernommen werden: Seine Beute waren Socken mit Comic-Motiven. Immerhin rund sechzig Strafanzeigen wegen Diebstahls - vor allem von Büchern - gingen bei der Polizei ein. Am Schlusstag meldete sich noch, mehr amüsiert als empört, ein "bestohlener" Verlag: Von 400 Bänden des Titels "Milka - Das Kochbuch" mit Schokoladen-Kochtipps waren während der Messe 270 verschwunden.

Markus Elsner, dpa



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