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Buchpreis-Gewinner Ruge: Chronist einer DDR-Familie

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Buchpreis-Gewinner Eugen Ruge Ein allzu geradliniger Gewinner

Nein, wirklich kein Überraschungssieger. Eugen Ruge hat den Deutschen Buchpreis gewonnen. Sein Debütroman erfüllt die Formel "Deutsche Geschichte plus Familienroman gleich Buchpreis". Der verspricht Verkaufserfolg, auch im Ausland. Dort sollte man aber wissen: Wir können auch unkonventioneller.

Der Preisträger lächelte, doch er blieb sitzen, als Gottfried Honnefelder, der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, im Frankfurter Römer die Entscheidung verkündete: Der Deutsche Buchpreis 2011 geht an Eugen Ruge. Tatsächlich gab es keinen Grund für Ruge, überrascht zu sein. Ließ es sich doch absehen, dass er gewinnt.

Schon unter den 20 Titeln der Longlist war sein Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" der typischste Buchpreis-Roman. Auf der Shortlist, Mitte September bekannt gegeben, fand sich kein anderes Buch, das so sehr aus jenen Bestandteilen gemacht war, die bislang häufig zum Buchpreis verholfen haben: deutsche Geschichte plus Familienroman gleich Deutscher Buchpreis.

Der Roman, er ist das Debüt des 57-jährigen Ruge, erzählt am Beispiel von vier Generationen vom Verblassen der sozialistischen Utopie: die Großeltern als überzeugte Kommunisten während des Nationalsozialismus im mexikanischen Exil. Der Vater, unter Stalin in ein sowjetisches Lager verbannt, bringt es später zu einem prominenten Intellektuellen in der DDR. Der Sohn flüchtet noch vor dem Fall der Mauer 1989 nach Westdeutschland. Der Enkel mag schließlich 1995 nicht einmal mehr zu Beerdigung seiner Großmutter kommen: Dort träfe er zu viele Altgenossen aus der SED. All das ist autobiografisch gefärbt: Seine Figuren tragen, wie Ruge selbst im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt hat, Züge der eigenen Verwandtschaft.

Alexander, der Vertreter der Nachkriegsgeneration, ist ein Abbild des Autors selbst. 2001, kurz nach dem 11. September, wann sonst, steigt er ins Flugzeug - wenn es doch nur für die Handlung Bedeutung hätte! Doch alles, was bei diesem Herbeischreiben der Weltgeschichte herauskommt, sind einige globalisierungskritische Gedanken gegen Ende des Buchs. Es ist nicht der einzige ziemlich angestrengte Verweis auf ein historisches Ereignis in diesem Roman.

Bodenständig in Sprache und Struktur

Thematisch mag "In Zeiten des abnehmenden Lichts" eine gewisse Nähe zu Uwe Tellkamps Epos "Der Turm" haben, dem Buchpreis-Träger des Jahres 2008. Auch das ein Roman über die DDR und eine Familie in der DDR. Stilistisch allerdings liegen die Bücher weit auseinander. Als "DDR-Buddenbrooks", wie schon geschehen, lässt sich "In Zeiten des abnehmenden Lichts" schwerlich bezeichnen. Die reichen Mittel des klassischen bürgerlichen Romans findet man eher bei Uwe Tellkamp.

"In Zeiten des abnehmenden Lichts" ist ein sprachlich schlichteres, geradlinig aufgebautes Buch, dem man durchaus anmerkt, dass sein Verfasser Erfahrung als Drehbuchautor gesammelt hat. Literarische Volten sind von ihm nicht zu haben. Anders als etwa seine Shortlist-Konkurrentin Sibylle Lewitscharoff mit ihrem so bildungsgesättigten wie mitreißenden Philosophenroman "Blumenberg", bleibt sein Buch bodenständig in Sprache und Struktur - das breite Publikum, auf das der Buchpreis zielt, und das meist mit Erfolg, wird das kaum stören.

Die Hoffnung des Börsenvereins, mit dem Buchpreis auch etwas für den besseren Verkauf deutschsprachiger Romane ins Ausland zu tun (was in einem Land, das sich gern "Exportweltmeister" nennt, einen unangenehm an ausgeglichene Außenhandelsbilanzen erinnernden Beigeschmack hat), könnte mit einem so straight erzählten Titel wie diesem aufgehen. Es sei bei aller gebotenen Höflichkeit dem Preisträger gegenüber aber doch der Hinweis an die Leser in anderen Ländern erlaubt: Wir haben auch etwas unkonventionellere Titel im Angebot.

Kommunistische Charakterköpfe

Ruges Stärken sind weniger die Schilderung der Atmosphäre in der DDR ("die Stuckfassaden vom Rauch der Kohleöfen geschwärzt", die Gaststätten geschlossen) oder die der jüngeren Vergangenheit (der Protagonist onaniert vor der Sex-Hotline-Werbung im Spätprogramm), es sind eher die kleinen zwischenmenschlichen Sottisen zwischen den Hauptfiguren der ersten und der zweiten Generation, allesamt kommunistische Charakterköpfe: Der Wissenschaftler Kurt, angelehnt an Ruges eigenen Vater, den DDR-Nationalpreisträger Wolfgang Ruge; dessen aus der Sowjetunion stammende Frau Irina; die Schwiegermutter Charlotte. Dem DDR-Durchschnitt mag diese Familie nicht entsprechen - doch erzählt sie in ihrer ganz eigenen Art von manchem, was diesen Staat entstehen und untergehen ließ.

"Wenn man in meinem Roman durch die Maske hindurch die Menschen sieht, wäre mein Ziel erreicht" hatte Eugen Ruge im Interview gesagt - mit seinen Hauptfiguren ist ihm das gelungen. Und so gilt es, ihm nicht nur zum Deutschen Buchpreis zu gratulieren, sondern auch zu einer Figur wie der schönen, lebensklugen, mit russischem Akzent sprechenden Irina - vielleicht sogar mit einem kleinen Schnäpschen: "Nur eins, da war sie eisern. Um sich zu wappnen für den Tag. Um den Irrsinn auszuhalten. Ihrsinn, wie Irina sagte."

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