Buchpreis-Kandidatin Marion Poschmann Schlossgespenst im Irrenhaus

Ein Arzt jagt Erlkönige - und dann verschlägt es ihn auch noch in eine heruntergewirtschaftete Klinik in den Weiten Ostdeutschlands: Marion Poschmanns "Die Sonnenposition" erzählt ein modernes Schauermärchen mit den Mitteln des Psychiatrieromans.

Marion Poschmann
Jürgen Bauer/ Suhrkamp

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Wer heute noch an Gespenster glaubt, wird eingewiesen. Da ist es nur konsequent, dass sich in Marion Poschmanns neuem Roman "Die Sonnenposition" die psychiatrische Anstalt als Spukschloss erweist - und umgekehrt. War in der Literatur der Romantik das Spukschloss Ort dunkler Sehnsüchte und symbolisch gebannter Ängste, hat bei Poschmann diese Funktion ein psychiatrisches Krankenhaus übernommen. Das befindet sich in einem einstigen Herrensitz, weitab Berlins in den dünnbesiedelten Weiten Ostdeutschlands, nach der Wende für eine D-Mark verkauft.

Hier arbeitet Altfried Janich als Arzt. Er ist dicklich, rothaarig, Anfang 30 - und einem derart tief altbundesrepublikanischen Westen entstammend, dass man seinen berufsbedingten Umzug in die ostdeutsche Provinz für eine Versuchsanordnung halten könnte. Doch darum geht es Poschmann nicht. Wenn die deutsche Geschichte, besonders die Euthanasie im NS-Staat und die Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg auch anklingen - "Die Sonnenposition" ist kein historisch-politischer und auch kein sonderlich handlungsorientierter Roman. "Die Sonnenposition" ist ein Stilleben mit den Mitteln der Literatur, eine Wortmalerei.

In deren Zentrum steht Janich. Äußert feinfühlig, wenn nicht hypersensibel, als Psychiater seinem Metier schutzlos ausgeliefert. Die Wahnvorstellungen und das zwanghafte Verhalten der Patienten setzen ihm zu. Der Pilz- und Uringeruch des heruntergewirtschafteten, aus der Welt gefallenen Gebäudes belasten ihn, er schläft schlecht, beim Anblick der altmodischen Tapetenmuster bedrängen ihn Erinnerungen und Assoziationen. Die übersteigerte Wahrnehmung Altfried Janichs gebiert Ungeheuer, deren mächtigstes der Erlkönig ist.

Gemeinsam mit Odilo, Altfrieds Jugendfreund, Liebhaber seiner Schwester und neben ihr die dritte Hauptperson des Buchs, pflegt Janich eine besondere Leidenschaft: Die Jagd auf gut getarnte Prototypen der Automobilhersteller, die tragen bekanntlich die gleiche Bezeichnung wie der Todesbote in Goethes Gedicht. Poschmann bedient sich dabei beider Bedeutungsebenen: Bei ihr wirken die Testwagen fast wie Geisterwesen, bedrohlich und im Dunkel der Nacht kaum wahrnehmbar. Schon zu Beginn des Buchs ist Odilo tot, gestorben unter nie ganz geklärten Umständen. Ein Erlkönig spielte dabei die entscheidende Rolle.

Buchpreis-Schwerpunkt Depression

Es sind nicht nur die Gespenster des eigenen Seelenlebens, die Poschmanns Figuren verfolgen, sondern auch die Gespenster der Literaturgeschichte: Von Goethe, der Romantik bis hin zur Nachkriegsmoderne, so Hermann Kasacks "Die Stadt hinter dem Strom" oder gar Gegenwartsklassikern wie Rainald Goetz' "Irre" reichen die Anspielungen in diesem Buch, der entscheidende Rückgriff ist dabei der auf die Stilmittel Franz Kafkas - am offensichtlichsten die Wahl des Handlungsortes, des Schlosses, und die Feinfühligkeit des Hauptprotagonisten. Auch die klare Sprache Poschmanns erinnert mitunter an die Kafkas. Seine Romane aber waren Ausdruck eines existentiellen Ernstes.

Poschmanns Text hingegen verdankt seinen Titel "Die Sonnenposition" nicht nur Janichs Begeisterung für Lichtwahrnehmungen, sondern steht vor allem auch für die Leidenschaft der Autorin, den Text mit eher speziellen Lichtwesen und Lichteffekten zu bevölkern - darunter fluoreszierenden Mäusen.

Offenbar ist sie verliebt in Oberflächenreize. So konsequent ästhetisch durchgearbeitet "Die Sonnenposition" auch sein mag - am Ende bleibt der Eindruck, dass die psychische Krankheit der Patienten ebenso wie das langsame Wegrutschen Janichs für Poschmann nichts anderes ist, als die leuchtende Maus: Ein Kuriosum, eine interessante Anomalie.

Glaubhaft porträtierte psychisch Kranke sind Poschmanns Protagonisten nicht. Sie wirken wie Gespenster in einem Spukschloss, angetreten, um dem Leser jenen wohligen Schauer zu bereiten, für den im 19. Jahrhundert noch die Erlkönige zuständig waren. "Die Sonnenposition" ist eher eine harmlose Variante des Coen-Brüder-Films "Barton Fink" als eine ernsthafte Auseinandersetzung mit menschlichen Nöten.

Auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, auf der Poschmanns Buch steht, lässt sich 2013 ein Schwerpunkt ausmachen: die Beschreibung von psychischen Grenzzuständen, Depressionen und Unglück. Neben Terézia Moras "Das Ungeheuer" und Mirko Bonnés "Nie mehr Nacht" gehört auch Marion Poschmanns "Die Sonnenposition" dazu. Bonné nimmt sein Thema ernst, bietet aber keine ernstzunehmende Form. Bei Poschmann verhält es sich umgekehrt.

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