Buchpreis-Kandidat Mirko Bonné Vorsicht, Pointe von hinten!

Auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2013 ist Mirko Bonnés "Nie mehr Nacht" eine der Überraschungen. Die Geschichte einer Familienkatastophe ist trotz einiger Schwächen reizvoll - wäre da nicht das Ende, das den gesamten Roman in Frage stellt.
Schriftsteller Mirko Bonné: Flaubert einen Gebrauchtwagen verkaufen

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Foto: Sabine Bonné

"Nie mehr Nacht" ist ein Buch über eine familiäre Katastrophe und über ein Familiengeheimnis. Am Anfang steht die Katastrophe: Ira, die Schwester des Ich-Erzählers Markus Lee, hat sich das Leben genommen. Um diesen Verlust zu verarbeiten, lässt sich Lee auf eine Reise in die Normandie ein. Dort soll er für ein Magazin Brücken zeichnen, die bei der Landung der Alliierten im Juni 1944 eine militärisch wichtige Rolle spielten. Außerdem soll er seinen Neffen Jesse, den Sohn Iras, in die Ferien eskortieren. Auf den Jungen wartet in Frankreich die Familie eines befreundeten dänischstämmigen Ornithologen.

"Nie mehr Nacht" ist bereits der vierte Roman des Hamburger Schriftstellers, Lyrikers und Übersetzers Mirko Bonné - und auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2013 eine der Überraschungen. Denn "Nie mehr Nacht" ist ein Buch, das von Anfang an irritiert - weniger durch sein Thema, sondern durch seine Machart. Gegliedert in drei Teile, die in Hamburg, der Normandie und schließlich wieder in Hamburg spielen, erzählt Bonné die Geschichte eines Menschen, der sich selbst und die Welt zunehmend aus dem Blick verliert.

Deren Konstruktion allerdings ist fraglich. Mit weitausholender Geste führt Bonné im ersten Teil des Buches den Neffen Jesse ein und Kevin Brennicke, Artdirector und Jugendfreund von Markus Lee, der ihn beauftragt, in die Normandie zu fahren. Davon abgesehen, dass eine Zeitschrift, die einen Schwerpunkt zum D-Day mit aufwändigen Brückenzeichnungen illustrieren würde, in der realen Medienbranche ein ziemlich exotisches Objekt wäre - in der Erzähllogik von "Nie mehr Nacht" hat diese Vorgeschichte keine zwingende Funktion: Der Neffe verschwindet ebenso fast vollkommen aus dem Buch, wie Brennicke und sein Zeichenauftrag, um dann im dritten Teil, in kurzen, wie erzählerische Notlösungen erscheinenden Szenen zurück zu kehren.

Irrlichternde Tote

Diese erzählerische Inkonsequenz zieht sich durch das Buch. Wenn Bonné auch den Anschein zu erwecken versucht: Eigentlich ist "Nie mehr Nacht" kein konventioneller, handlungsorientierter Roman. Die Dialoge des Buchs sind häufig ungelenk, die Szenen zu Beginn mit verzichtbaren Details aus den nördlichen Vororten Hamburgs befrachtet, später hingegen mit kulturhistorischer Bedeutung überladen: Großzügig hat Bonné den Text mit Anspielungen, vielsagenden Namen verziert - und zudem einigem Fachwissen über historische Automobile.

Ira hat sich das Leben in einem 35 Jahre alten Alfa Romeo Guiletta genommen, Markus Lee fährt ein brombeerfarbenes Mercedes T-Modell, Baujahr '89. Er verkauft es an einen Gebrauchtwagenhändler, der heißt wie der Schriftsteller Flaubert. Er verguckt sich in eine dralle, aber erotisch vielversprechende Belgierin, die den gleichen Nachnamen trägt wie die Hauptfigur in Stendhals Romanklassiker "Rot und Schwarz" und zudem den gleichen Vornamen wie eine Freundin des Joy-Division-Sängers Ian Curtis. Immer wieder ist vom Selbstmord Curtis' die Rede, ebenso von dem Kurt Cobains und außerdem von "Tusk", der berüchtigen Drogenplatte von Fleetwood Mac, die Lees Schwester bei ihrem Tod hörte.

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Buchpreis Shortlist 2013: Von B wie Bonné bis Z wie Zeiner

Foto: Milena Schlösser

Der dritte Teil des Buchs ist sowohl eine Paraphrase einer Szene aus Gottfried Kellers "Grünem Heinrich", in der eine junge Tote keine Ruhe findet, als auch - und das noch viel deutlicher - eine Weiterschreibung des von Ovid überlieferten Mythos von Orpheus in der Unterwelt. Eine Doppelgängerin der toten Schwester Ira tritt auf, sie arbeitet in einem Fährbüro in Calais. So, wie in der griechischen Antike der Fährmann Charon mit den Verstorbenen über den Fluß Styx setzte, schippert sie Markus Lee längs des Ärmelkanals nach Bremerhaven.

Derart viel von Toten und ihren rastlos durch Mitteleuropa irrlichternden Seelen war in der deutschsprachigen Literatur wohl zuletzt bei W. G. Sebald (1944-2001) die Rede. Zu Bonnés Stärken gehören die Reflexionsebene, das poetisch Ungefähre. Anders als Sebald aber konzentriert er sich nicht darauf. Was bei Sebald traumwandlerisch wirkt, wirkt bei Bonné allzu häufig bemüht. Er erzählt nicht souverän, sondern als wolle er die eigene Unentschlossenheit überspielen - wie ein Kartenspieler, der um die Partie zu gewinnen, zu viele Trümpfe auf den Tisch legt, darunter einige gezinkte.

Das kann durchaus liebenswert sein. Und so ist "Nie mehr Nacht" trotz seiner vielen Konstruktionsschwächen ein sympathisches Buch. Wäre da nicht das geradezu ärgerliche Ende. Denn zuletzt läuft alles auf eine Pointe hinaus. Die ist klischeehaft, plump, stellt die psychologische Konstruktion der Hauptfigur - und damit die Art, wie Bonné die Geschichte erzählt - vollends in Frage.

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