Science-Fiction-Dystopie Furor im Weltall

Schreckensbilder und Science-Fiction-Mythen: In "Nichts von euch auf Erden" zeigt Reinhard Jirgl ein apokalyptisches Szenario - als radikaler Sprachkünstler ist der Autor auf der Buchpreis-Shortlist fast so exotisch wie seine Geschichte aus dem 23. Jahrhundert.

Schriftsteller Reinhard Jirgl: Zeichensetzung wie ein Pfeilregen
Isolde Ohlbaum

Schriftsteller Reinhard Jirgl: Zeichensetzung wie ein Pfeilregen

Von Hans-Jost Weyandt


An den idealen Leser, den passionierten Leser, den radikalen Leser, für den Lesen eine Lebensform ist, also den Arno-Schmidt-Leser wird im Vorfeld des Deutschen Buchpreises seltsamerweise kaum gedacht. Doch Schmidt-Leser bedürfen keiner Zuwendung, wenn sie die Textlandschaften des Meisters aus der Heide erforschen. Was dem gemeinen Leser eine Qual, ist ihnen ein Vergnügen, und umgekehrt müsste ein echter Schmidt-Leser schon masochistisch sein, um mit Buchpreiskandidaten glücklich zu werden.

"Masochistische Arno-Schmidtianer": Ausgerechnet diese Spezies hat jüngst die "Welt" als ideale Adressaten eines Romans auf der Buchpreis-Shortlist entdeckt. Das war nicht als ironischer Witz zu verstehen, etwa mit Blick auf Monika Zeiners Debüt "Die Ordnung der Sterne über Como", in dem den liebenden Leidenden offenbar immer so komisch kulturell nach Thomas Mann zumute ist. Es war zähneknirschend ernst gemeint, denn gemeint war Reinhard Jirgls jüngster Streich, und da gibt es erfahrungsgemäß nichts zu lachen.

Auf den Namen des Büchnerpreisträgers reimen seine Gegner alle literarischen Zumutungen, mit denen die Stoßtrupps der literarischen Moderne ganze Lesergenerationen gepiesackt haben. Jirgl, das ist ihnen eine Dechiffriertortur ohne jenes -vergnügen, das Arno Schmidt immer noch gönnte.

Wie zum Hohn lässt Jirgl die Leser seines jüngsten, zudem für den Buchpreis nominierten Romans "Nichts von euch auf Erden" wissen, dass mit den längst für tot erklärten Avantgarden noch geraume Zeit zu rechnen sein wird, allerdings als Karikatur ihrer selbst. Bis sie als verballhornte, wie er schreibt, "Aff-Fang-Garden" in Lächerlichkeit verenden, treiben sie, aller Stoßkraft beraubt, mit der wohlfahrtstotalitär befriedeten Menschheit im orangefarbenen Dämmerlicht eines künstlichen Imago-Himmels aus Glasfaser-Hightech durch viele hundert Jahre und Seiten des neuen Romans, um schließlich von ihren aggressiven Marsbrüdern in eine letzte Schlacht des Menschengeschlechts gezwungen zu werden.

Posthumane Zukunft

Das ist Science-Fiction auf Jirgl-Art, und das ist eine Überraschung, weil seit je in den gewaltigen, düster funkelnden Roman-Panoramen dieses literarischen Schwarzmalers die Zukunft und ihre Versprechen für alle Zeit unter den Trümmern der Vergangenheit begraben zu sein schien: verwesend in Nazi-Bunkern und Schützengräben, wo schon Jirgls Lehrmeister Heiner Müller mit dem germanischen Mythenmuff der tausend Jahre alle Hoffnung beerdigt sah. Und so gleicht Jirgls Gegenwart, wie er sie in seinem Meisterwerk "Hundsnächte" durchpflügt, einer unrettbar verstrahlten Todeszone, in deren Ruinen die letzten Überlebenden ihr Leben ausröcheln. Ihre bizarren Zuckungen verleibt er mitleidlos seiner expressionistisch exaltierten Sprache ein. Denn der Text ist ihm ein Körper, dessen impulsive Reflexe er mit affektiven Schreibweisen und einer Zeichensetzung, die gleich einem Pfeilregen in die Sätze eindringt, provoziert. "!Keiner betritt noch 1 Mal diese Ruine. Um !Nichts in der Welt würde jemand Das noch 1 Mal tun", beginnen die "Hundsnächte", was nur zeigt, dass Jirgl vor seinem Werk besser warnen kann als der vielstimmige Chor seiner Gegner.

Wer jedoch dem dunklen Sog dieser Warnung nachgibt, wird sich bald gefährdet sehen, vor der monströsen Gewalt einer Prosa ehrfürchtig zu kapitulieren, die Geschichte und Gegenwart mit irrwitzig anmaßender Sprachmacht herausfordert und den Leser überfordern kann. Schon nach zwei Seiten Lektüre fühlte sich der ansonsten respektvoll lobende "FAZ"-Kritiker beim Erscheinen des Romans im Frühjahr durchgewalkt wie nach "zwei Wochen Raumstation bei Wasser und Kunstbrot".

Das klingt nicht verlockend, wobei besonders der Speiseplan stutzig macht. Harte Kost war das Jirgl-Lesen schon immer, geschmacksneutral war es nie. Nun ist sie auch noch das. Denn auch wenn Jirgl sich alle Mühe gibt, mit allerlei Geschmacklosigkeiten den Leser zu reizen - etwa mit der unappetitlichen Aussicht, seine Nachfahren würden dereinst mit Vergnügen lammzarte Babys verspeisen -, so bleibt doch dieser Zukunftsentwurf erstaunlich bieder, wenn nicht synthetisch. Recht simpel abgeleitet aus den Schreckensbildern und Sci-Fi-Mythen des 20. Jahrhunderts, von den Konzentrationslagern bis zur Peter Weirs Film "Truman Show", könnten die apokalyptischen "Star Wars"-Szenerien auch aus der Blockbuster-Werkstatt Roland Emmerichs stammen. Erkennbar präpariert für ihre Zerstörung und notdürftig gestützt von allerlei, sehr ausführlich erklärtem technizistischem Klimbim, halten die Kulissen dem jirglschen Prosaangriff nicht stand, sein Furor fegt über sie hinweg ins Leere.

Vielleicht jedoch ist gerade darin die infame Pointe des Romans zu finden: Denn wie Georg Klein in seinem kürzlich erschienen "Die Zukunft des Mars" nimmt Jirgl den Ewigkeitsanspruch der Literatur, der längst genauso erledigt schien wie der Avantgardegedanke, ernst und führt ihn über den sentimentalen Trostgedanken, die Literatur sterbe zwangsläufig mit ihren Lesern, hinaus in eine posthumane Zukunft. Diese vom Menschen befreite Literatur ist im Roman nicht durchbustabiert, sie schimmert nur auf im fast widerstandslosen Spiel einer aus sich selbst generierenden Prosa: als eisig monotone Projektion. Kein wärmender Stoff für lange Herbstabende, und sollte die Buchpreisjury unter Vorsitz des Jirgl-Bewunderers Helmut Böttiger Lust auf ordentlich Putz in der Branche haben, so stünde der diesjährige Gewinner längst fest.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: William Boyds "Solo", Terézia Moras "Das Ungeheuer", Marion Poschmanns "Die Sonnenposition", Thomas Pynchons "Bleeding Edge", Paul Austers "Winterjournal", Karl-Markus Gauß' "Das Erste, was ich sah", Mirko Bonnés "Nie mehr Nacht", Monika Zeiners "Die Ordnung der Sterne über Como", Norbert Gstreins "Eine Ahnung vom Anfang", Daniel Kehlmanns "F", Peter Stamms "Nacht ist der Tag", Helene Hegemanns "Jage zwei Tiger", Clemens Meyers "Im Stein"und Wolf Wondratscheks "Mittwoch"



insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
shran 04.10.2013
1.
Ich kann diesen ganzen Müll nicht mehr ertragen. Es werden fast nur noch Dystopien gezeichnet. Seien es Filme wie Elysium, After Earth, und andere, oder seien es Autoren wie Schirrmacher, Spitzer, Dan Brown oder andere. Oder seien es Computerspiele die eine düstere Zukunft zeichnen. Schreckensszenarien verkaufen sich wahrscheinlich besser. Oder sind diese Leute wirklich so dämlich all die positiven Dinge zu sehen. Meine Güte was nerven mich diese Apokalyptiker. Nicht nur dass es in der Kultur deswegen an schönen und positiven Zukunftsperspektiven fehlt, sie befördern damit auch bei einigen Leuten den Eindruck, jeglicher Fortschritt führe ins Desaster. Deshalb boykottiere ich inzwischen radikal alle dystopischen Werke. Solche Panikmacher gab es schon immer in der Menschheitsgeschichte.
prefec2 04.10.2013
2. Was möchte der Autor damit sagen?
Der Kommentar ist sichtlich bemüht möglichst literarisch daherzukommen und schwurbelig zu sein ohne eine Aussage zu machen. Vielleicht steht ja was zwischen den Zeilen, allein, wir leben nicht in einer Diktatur und man muss seinen Kommentar nicht verstecken. Wäre ja zum Beispiel sehr interessant gewesen zu erfahren ob es bei der Beschreibung um eine simple Beschreibung der Dystopie handelt oder doch ein Geschichte in der Welt erzählt wird. Vielleicht wurde aber nur versucht die Sprache des Buchautors wiederzugeben. Wer weiß?
prefec2 04.10.2013
3. Dytopien
Zitat von shranIch kann diesen ganzen Müll nicht mehr ertragen. Es werden fast nur noch Dystopien gezeichnet. Seien es Filme wie Elysium, After Earth, und andere, oder seien es Autoren wie Schirrmacher, Spitzer, Dan Brown oder andere. Oder seien es Computerspiele die eine düstere Zukunft zeichnen. Schreckensszenarien verkaufen sich wahrscheinlich besser. Oder sind diese Leute wirklich so dämlich all die positiven Dinge zu sehen. Meine Güte was nerven mich diese Apokalyptiker. Nicht nur dass es in der Kultur deswegen an schönen und positiven Zukunftsperspektiven fehlt, sie befördern damit auch bei einigen Leuten den Eindruck, jeglicher Fortschritt führe ins Desaster. Deshalb boykottiere ich inzwischen radikal alle dystopischen Werke. Solche Panikmacher gab es schon immer in der Menschheitsgeschichte.
Die ganzen Dystopien kommen aus dem untergehenden Hegemon USA und von Menschen, welche z.B. wie Schirrmacher lange Zeit an den Segen des Kapitalismus geglaubt haben. Diese Welt geht zu Ende und sie haben auch keine Ideen sie mehr zu retten. Es werden in der Tat neue Ideen gebraucht. Aber der Westen hat keine Kraft mehr diese Ideen voranzubringen. Wir wissen was wir besser machen müssen. Sind aber nicht gewillt das zu tun. Also schaukeln wir dem Ende entgegen. Fragen sie einfach mal in China nach. Dort gibt es viel Utopien, weil dort an den Fortschritt noch geglaubt wird.
war:head 04.10.2013
4.
Also wenn der Roman ebenso daherkommt wie das aufgeblasene Gesappel dieses "Kommentars zum Thema", dann lass' ich lieber die Finger davon. Sprache sollte transparent sein und der Geschichte dienen (was nicht heisst, dass sie einfältig oder simpel sein muss), nicht umgekehrt. Und ich lehne mich jetzt mal aus dem Fenster (ohne den Autor bisher gelesen zu haben) und vermute, dass das Buch die Bezeichnung Sci-Fi sowieso nicht verdient hat und letztlich, wie so viele, eher im Bereich Fantasy einzuordnen ist. Aber vielleicht finde ich irgendwo eine Leseprobe, dann schau' ich mal rein und lass mich auch gerne eines besseren belehren, sollte ich mich geirrt haben.
Karbonator 04.10.2013
5.
Zitat von war:headAlso wenn der Roman ebenso daherkommt wie das aufgeblasene Gesappel dieses "Kommentars zum Thema", dann lass' ich lieber die Finger davon. Sprache sollte transparent sein und der Geschichte dienen (was nicht heisst, dass sie einfältig oder simpel sein muss), nicht umgekehrt. Und ich lehne mich jetzt mal aus dem Fenster (ohne den Autor bisher gelesen zu haben) und vermute, dass das Buch die Bezeichnung Sci-Fi sowieso nicht verdient hat und letztlich, wie so viele, eher im Bereich Fantasy einzuordnen ist. Aber vielleicht finde ich irgendwo eine Leseprobe, dann schau' ich mal rein und lass mich auch gerne eines besseren belehren, sollte ich mich geirrt haben.
Schauen Sie bei Amazon ins Buch rein. Ich wolte nach dieser Un-Rezension - denn sie sagt wirklich kaum etwas aus - einfach aus Protest das Buch kaufen. Dann habe ich einen Blick in das Buch geworfen und die Seite wieder sofort zugemacht. Wirklich sehr heilsam.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.