Buchpreis-Kandidatin Terézia Mora Die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten

Depression und psychische Krisen bilden 2013 einen Themenschwerpunkt auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Eindringlich beschrieben werden sie in Terézia Moras "Das Ungeheuer": Es ist Trauerbuch, Roadtrip - und auch formal in Leben und Tod geteilt.

Schriftstellerin Terézia Mora: Formaler Coup
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Schriftstellerin Terézia Mora: Formaler Coup

Von Thomas Andre


Einem "Niemandskind" schuldet keiner etwas. Erst recht nicht Respekt. Flora ist eine Zugezogene, sie stammt aus dem Osten und lebt in Berlin. Raue Stadt, raues Leben: Am Anfang hat sie eine 100-Euro-Wohnung und täglich drei Euro zur Verfügung. Der Alltag besteht aus Studium, Jobs und flüchtigen sexuellen Bekanntschaften. Weder hier noch da fasst sie Fuß, einzig die Ehe mit dem Systemtechniker Darius Kopp verheißt zunächst etwas Sicherheit. Prekär und gefährdet war ihre Existenz von Anfang an. Die Verzweiflung am Leben begleitet sie, seit ihre Mutter sie im Kindesalter bei den Großeltern zurückließ.

Mütter kommen allgemein nicht gut weg in Terézia Moras für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman "Das Ungeheuer". Er gilt zu Recht als einer der Favoriten für die Auszeichnung. Schließlich hat Mora, 1971 in Sopron, Ungarn, geboren, ein ohne Frage reichhaltiges und eindringliches Buch geschrieben, in dem sie weit mehr schildert als das totale Scheitern einer jungen Frau. In einem der Geschichte Floras unversöhnlich gegenüberstehenden Kontrast erzählt Mora vor allem auch von diesem Darius Kopp, den ihre Leser schon aus Moras Buch "Der einzige Mann auf dem Kontinent" kennen. Nach Floras Selbstmord bleibt er als einer zurück, der mit dem Tod seiner Frau klarkommen muss und zu einer Art Odyssee für Witwer aufbricht: mit der Asche der Toten im Kofferraum. Zunächst will er nur die Heimat Floras besuchen, dann verliert sich sein Ziel in den Weiten des Ostens. Er fährt nach Ungarn, Georgien, Albanien, Armenien, Griechenland - und liest dabei das Tagebuch Floras.

Deren Leben war unter dem Strich ein aussichtsloser Kampf, der am Ende in eine unheilbare Depression mündete, ohne dass Kopp davon etwas geahnt hätte. Die Grundidee von "Das Ungeheuer" baut auf die Konstruktion eines bipolaren Erzählraums: An dessen einem Ende weiß ein Liebender von seiner Geliebten gleichsam nichts und zerbricht daran fast, am anderen steht ein expliziter Bekenntnistext . "Das Ungeheuer" ist Trauerbuch, Roadtrip, Niederschrift einer psychischen Erkrankung und erzählerisches Experiment zugleich. Jede Seite des Romans ist zweigeteilt, die obere Hälfte erzählt Kopps Reise, die untere, einschließlich seitenlangem Weißraum, ist Floras Vermächtnis, dem Tagebuch vorbehalten.

Engel unter Schweinen

Dort findet sich ein um das eigene Unglückszentrum kreisender Diskurs über das Wesen der Melancholia, die in der Sprache der Medizin "bipolare affektive Psychose" heißt und unter Umständen denselben Unwillen beim Leser hervorruft, der Gemütskranken oft in der Realität entgegenschlägt - als vermeintlich penetrant Traurigen, deren Verstimmung sich doch wohl nur graduell von derjenigen unterscheide, die jeden hin und wieder befalle. Moras Romanfigur Flora referiert aufgelöst ihre Alltagsunfähigkeit, ihr Tagebuchtext ist eine fortgesetzte Selbstanklage und ohne Hoffnung für die gesamte Menschheit und deren Sinngebungen: "90 % aller Menschen sind zu nichts anderem da, als die Variabilität des Genpools zu sichern".

Indem Mora den Lesefluss unterbricht, gelingt ihr formal ein Coup. Durch die Trennlinie scheidet sie die Welten der Protagonisten, die weniger voneinander wissen (wollen), als einander nahestehende Individuen das sonst tun. Und sie verdeutlicht auch das Weiter-machen-Müssen derer, die zurückbleiben. "Zwischen den Lebenden und den Toten verläuft eine Grenze", heißt es einmal. Die Unterseite des Romans ist statisch, sie führt in eine Sackgasse, in den Tod. Die obere handelt vom Unterwegssein und damit vom Leben.

In beiden Fällen geht es Mora darum zu zeigen, wie jemand den Härten des Lebens begegnen kann: Wo bei Flora die Selbsthygiene versagt, bleibt bei Kopp deren Funktionieren offen. In ihrem stellenweise schmerzlich dichten Buch wirkt das Versagen des Überlebenswillens wie ein düsteres Schreckbild. Floras Ausstieg aus dem Leben - ihr Umzug in eine Landkommune, das Verweigern der Nahrungsaufnahme - wird von ihr selbst bitter kommentiert. Barthes' Behauptung ("Liebe als Heilpotenz gegen den Wahnsinn") gilt bei ihr nicht. Darius Kopp ist ein kräftiger Mann, der viel isst; verstehen kann der die "Nervenschwäche" der Frau nicht. In der krankhaften Spirale einer Verschwindenden spielt er auch kaum eine Rolle. Er kommt im Tagebuch kaum vor.

In der doppelten Perspektive ist in literarischer Hinsicht die Verständnisgrenze festgelegt: Sie ist fühllos-depressiv, er hilflos-aggressiv.

Moras Leidensfigur hat beinah automatisch die Aura einer Heiligen, als ewiges Opfer ihrer Chefs und der Menschen auf der Straße ist sie ein Engel unter Schweinen, eine Schwache unter Starken. Vielleicht könnte man monieren, dass ihre vielfach begründete Angststörung überdeterminiert ist. Gleiches gilt für Kopps Reise durch das kalte Osteuropa. Der Trip versucht sich zwar am Umfahren von Stereotypen, ist aber ein wenig zu gut konstruiert. Kopp trifft eine neue Frau (die mit ihrem Mutterkomplex entschieden besser zu Recht kommt als Flora), einen Witwer, eine Selbstmord-Hinterbliebene - und seinen Vater beim Karaoke-Singen im Urlaubs-Resort. Spätestens da hat "Das Ungeheuer" etwas freilich nicht unangenehm Surreales.

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