S.P.O.N. - Der Kritiker Die Gewalt in unseren Gehirnen

Es brennt der Asphalt, es lodert die Seele. Übersehen vom Büchnerpreis-Bürokratiefeuilleton und getrieben von rastloser Gewalt erschienen 2013 ganz unterschiedliche dringliche literarische Werke mit hohem Wirklichkeitsfaktor. Warum noch Zeitung lesen, wenn es solche Bücher gibt?

Im Jahr acht, zehn, zwölf der Zeitungsmalaise wird deutlich, wie sehr diese Medienkrise auch eine Krise der Inhalte geworden ist, der Erzählweisen, der Stimmen, des Mutes, des Eigensinns - ich lese oft nur noch unter Schmerzen Zeitungen, weil sie alle gleich klingen, weil sie alle das Gleiche sagen, weil sie wie Zombies sind, die ihren eigenen Tod überlebt haben und sich weigern, daraus Konsequenzen zu ziehen.

Im Jahr acht, zehn, zwölf der Zeitungsmalaise wird aber auch deutlich, dass es einen überraschenden Gewinner gibt, weil sich hier eben genau dieser Eigensinn findet, dieser Mut, diese Stimmen, die ihre eigene Geschichte erzählen, als wäre sie so noch nie erzählt worden. Ich lese so viele Bücher wie noch nie, ich komme gar nicht hinterher, sie stapeln sich vielversprechend, es war so ein gutes Jahr 2013, denn diese Bücher sind reicher, weiser, aktueller, schärfer, politischer, relevanter, gerade in ihren privatesten Momenten.

Ich rede jetzt gar nicht von den sogenannten Sachbüchern, die voller neuer Philosophie und neuer Physik sind, voll von dunklen Geschichten aus dem Reich des globalen Bankbetrugs, den wir Finanzkrise nennen, oder aus der Realität der Kriege, die wir nicht sehen - ich rede von dünnen Büchern wie "Wir Tiere" von Justin Torres oder "Exodus" von DJ Stalingrad, ich rede von alten Romanen wie "Blutsbrüder" von Ernst Haffner oder neuen Romanen wie "Jage zwei Tiger" von Helene Hegemann, ich rede von amerikanischen Romanen über Europa wie "Abschied von Atocha" von Ben Lerner oder "Die irgendwie richtige Richtung" von Gideon Lewis-Kraus und einer kleinen Novelle über die Welt wie "Im Kopf von Bruno Schulz" von Maxim Biller: Bücher, die einem existentiellen Zwang folgen, zu verstehen, wie wir leben, und deshalb so begeistern.

Junot Díaz: Da brennt der Asphalt

Diese Bücher sind keine literarischen Ausweichmanöver, sind keine Täuschungsversuche, sind keine selbstgefälligen Sprachspielereien - sie sind angetrieben vom Zwang zu schreiben und werden befeuert von den Fragen an die eigene Biografie, besonders virtuos dabei etwa bei Junot Díaz, der in einer normalen Welt gefeiert werden müsste als sexy und sleek und die Stimme unserer Zeit, der aber natürlich im deutschen Büchnerpreis-Bürokratiefeuilleton schön übersehen wird: "Und so verlierst du sie" heißt sein Band mit Kurzgeschichten, da brennt der Asphalt, so windet sich die Liebe um die Menschen und droht sie zu erdrosseln. Díaz ist intensiv und direkt und öffnet seinen dominikanisch-amerikanischen Kosmos in aller epischen Schönheit, kurz angerissen, Funken, Fetzen, lyrische, brutale Liebe.

Die Bücher von Justin Torres und DJ Stalingrad funktionieren ähnlich und sind doch ganz anders, sie sind Waffen in den Händen von jungen Männern, die sich wehren gegen ein Leben, das sie zu verschlingen droht, und die eine Schönheit finden, nicht in der Ordnung, sondern in der Zerstörung, die ja eine Realität ist: Die drei Brüder in "Wir Tiere" etwa, eine Armutskindheit in Brooklyn, Teenager-Eltern, er ist Puerto Ricaner, sie ist weiß, die Kinder sind wilder als Max und seine wilden Kerle, und es ist ein Glück und Geschenk für sie, dass sie einen Schriftsteller wie Justin Torres haben, der sie mit seinen Sätzen birgt und begleitet - und auch "Exodus" von DJ Stalingrad ist ein literarischer Selbstverteidigungskurs im russischen Gewaltelend, ein knappes, hartes Stück Prosa, das so voller Schmutz und Leben ist, dass man sich danach wie verprügelt fühlt und widersinnig beglückt.

Helene Hegemann: Gleichzeitig älter und jünger

Literatur kann eben doch so sein, wenn sie nur will, wenn sie sich nur traut, wenn die Zeiten so sind wie für die Drifter der dreißiger Jahre in Ernst Haffners wiederentdecktem Berlin-Roman "Blutsbrüder", einer Bandengeschichte, die unbedingt zusammen mit Erich Kästners neu herausgegebenem Berlin-Roman "Der Gang vor die Hunde" (vormals "Fabian") gelesen werden sollte - und auch zusammen mit Helene Hegemanns furiosem zweiten Roman "Jage zwei Tiger", so traurig, so wütend, so voller Hass, Selbstverlorenheit und Intelligenz, noch eine Geschichte über das Erwachsenwerden, das heute so lange dauert, weil die Welt so schnell ist und die Drogen so gut und die Musik so laut, dass man sich gleichzeitig älter und jünger fühlt, als man ist: Ganz ähnliche Geschichten erzählen auch die Bücher von Nicola Karlsson "Tessa" und Oscar Coop-Phane "Bonjour Berlin", die Nacht, die Nacht und die Jagd, weil der Tag so hell ist und die Sonne so grell.

Etwas zuckt in diesen Büchern, eine Gewalt, die von außen oder von innen kommen kann, die eine Rastlosigkeit erzeugt, ein Rasen, auch eine Ratlosigkeit - Ben Lerners Roman etwa ist eine Ode an dieses Herumirren, an die Ziellosigkeit, an die verkiffte Verbummeltheit, was Hemingway in "Fiesta" für das Spanien seiner Zeit erzählte, erzählt Lerner in "Abschied von Atocha" für das Madrid unserer Zeit, eine planlose Männlichkeit auf der Suche nach Erfüllung oder nicht mal das: Sehr lustig ist das und klug und essayistisch geschrieben, von einer traurigen Leichtigkeit getragen, so wie auch Gideon Lewis-Kraus schreibt, eine weitere Geschichte aus dem Irgendwo unserer Gegenwart, mehr Reisebericht als Roman, ein weiteres Porträt dieser amerikanischen Lost Generation, die in Europa alles mögliche sucht, nur nicht ihr Heil.

Etwas kulminiert da gerade, man weiß nur noch nicht genau was; etwas geht da auch zu Ende, und wenn man zurückschaut, dann kann man Muster sehen, wie es weitergehen könnte: Geschichte wiederholt sich nicht, aber die Gewalt, die in den Gehirnen steckt, muss ja irgendwie raus, sie drängt auf Erlösung oder auf Vernichtung - und vor diesem Hintergrund spielt auch Maxim Billers sehr alteuropäische Novelle, angeblich über Bruno Schulz, möglicherweise eher über Thomas Mann, sehr viel wahrscheinlicher aber über Maxim Biller selbst, der die Ängste "Im Kopf von Bruno Schulz" zu seinen eigenen gemacht hat, der seinen Ekel vor Thomas Mann seinem Schulz als aberwitzige Verehrung aufgepackt hat und deutlich macht, woher das Lodern kommt und was das flackernde Licht unserer Zeit ist.

Wer etwas über unsere Gegenwart erfahren will, sollte Bücher lesen, Bücher, Bücher, und den Zeitungen zuschauen, wie sie langsam zu Kompost zerfallen.

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