Empfehlungen aus der Kulturredaktion Das sind unsere Bücher des Sommers

Sommer, Urlaub, endlich Zeit zum Lesen! Brauchen Sie noch Anregungen für die Reiselektüre? Unsere Tipps.

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Die Wahl der richtigen Reiselektüre kann zum Gelingen oder Misslingen des Urlaubs durchaus beitragen. Redakteurinnen und Redakteure der Kultur-Ressorts von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE verraten, welche Bücher sie einpacken.

Behaglich murmelnd

Thomas Mann am Mikrofon
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Thomas Mann am Mikrofon

Das ist ja großartig, dass man bei Spotify Thomas Mann zuhören kann, wie er seine Geschichte vom Eisenbahnunglück liest. Ok, zugegeben, wenn Sie mit dem Zug verreisen, ist es vielleicht nicht die beste Ferienlektüre. Aber das Behagliche an der Geschichte ist ja eigentlich, dass der Erzähler so glücklich ist, dass überhaupt mal was passiert, in seinem ruhigen Leben. Und so ein ganz großartiges Unglück ist es dann am Ende auch gar nicht. Aber allein wie er da sein zweiräumiges Schlafgemach für die Reise von München nach Dresden, wo er aus seinen Werken lesen soll, beschreibt, ist extrem beruhigend. "Ich reise gern mit Komfort, vor allem, wenn man es mir bezahlt." Ok, damit ist man schnell durch.

Danach werde ich diesen Sommer endlich die Erzählungen von Juan Carlos Onetti lesen, letztes Jahr bei Suhrkamp erschienen, 50 Texte, superkurz und jeder so reich und welteröffnend wie ein Roman. Außerdem lese ich jede Ferien einen Band Balzac und ich frage mich, ob ich je genug Ferien für alle Bände haben werde. Dieses Jahr der Band "Buch der Mystik", weil er da auf der ersten Seite die Küste Norwegens so abenteuerfroh beschreibt. Und wer zu Hause bleibt, verreist ja immer am besten mit den Erzählungen von W. Somerset Maugham. Er hat ja ungefähr alles für uns erlebt und aufgeschrieben. Und auch Thomas Mann, der murmelt seine Geschichte ja eher, als dass er sie liest, ist am Ende froh über das überstandene Unglück. Er weiß sich jetzt sicher: "Obgleich die Logiker Einwände machen, glaube ich nun doch gute Chancen zu haben, dass mir sobald nicht wieder dergleichen begegnet." Das Unglücksmaß war voll. Logik eines Dichters. Der schließen wir uns an. Schönen Sommer! Volker Weidermann

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Dance, Dance, Dance

Clubbing
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Clubbing

Ein Buch, das einen DJ-Mix als selbstverständlichen Teil der versammelten Texte begreift, hat mein Vertrauen, schon bevor auch nur ich eine Zeile gelesen habe. Vor allem, wenn die zusammengestellten Gespräche und Aufsätze um die Zukunft Europas gehen - nichts ist schließlich so selbstverständlich europäisch wie die elektronische Tanzmusik und ihre transnationale Öffentlichkeit. Dass "Euro Trash", herausgegeben von Svenja Bromberg, Birthe Mühlhoff und Danilo Scholz, diese Haltung ziemlich mühelos in ein Gespräch mit dem linksradikalen italienischen Philosophen Toni Negri einwebt und dazu Aufsätze von Denkern wie Etienne Balibar oder dem Schriftsteller Michel Houllebecq stellt, kann man in diesem eigenartigen euroskeptischen Krisensommer eigentlich gar nicht hoch genug loben. Europa endlos! Der DJ-Mix ist übrigens von Carlos Souffront, einem DJ aus Detroit. Von dort aus geschaut, glitzert Europa immer noch wie ein großes Versprechen. Tobias Rapp

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Städtereisen mit unschicklichen Offenbarungen

Peggy Guggenheim im Garten ihres Palazzo
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Peggy Guggenheim im Garten ihres Palazzo

Mein Sommer wird ohne lange Wochen am Strand vergehen, ohne Tiefenentspannung, ohne Belletristik. Stattdessen plane ich kurze Städtereisen - und lese dabei drei Biografien über Frauen mit furchtlosem Nonkonformismus. Zuerst nehme ich nach Venedig die Autobiografie von Peggy Guggenheim mit, die 30 Jahre lang im Palazzo Venier dei Leoni am Canal Grande gelebt hat. Ihre Memoiren "Ich habe alles gelebt" sind aufgrund ihres plumpen Mangels an Diskretion die perfekte Urlaubslektüre. Ganz offenherzig plaudert Guggenheim über ihre zahlreichen Liebesaffären mit berühmten Künstlern und Literaten in den Fünfzigerjahren: über Max Ernst ("Er hat nie jemand anderen geliebt als sich selbst"), Yves Tanguy ("Seine Frau war eifersüchtig und unglücklich") oder Samuel Beckett ("Er vergaß nie, Champagner ins Bett zu bringen").

Während eines längeren Wochenendes in Köln lese ich dann weitere unschickliche Offenbarungen aus dem Privatleben von Künstlern. Mary Bauermeister wird mir in "Ich hänge im Triolengitter" von ihrem Künstlerleben in den Sechzigerjahren erzählen, von den Prä-Fluxus-Partys in ihrem Kölner Atelier und ihrer Dreiecksbeziehung mit Karlheinz Stockhausen und dessen Frau ("Er hat gesagt: 'Ich liebe euch beide'").

Im Spätsommer geht es dann nach London mit noch mehr Skandalen im Gepäck - gemeinsam mit den sechs adligen "Mitford Sisters", die in Großbritannien in etwa so bekannt sind wie in Deutschland die Familie Mann. In "Das rote Schaf der Familie" schildert Journalistin Susanne Kippenberger, wie die exzentrischen Mitford-Schwestern in den Dreißigerjahren für Schande sorgten und sich für den Faschismus begeisterten. Einzig Jessica, das "rote Schaf", wurde zur lebenslustigen Kommunistin, lebte unangepasst und kämpferisch. Sommerlektüre mit Temperament. Carola Padtberg-Kruse

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Ausreißversuch aus dem Alltag

Radprofi Jens Voigt
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Radprofi Jens Voigt

Kaum jemand kann wohl mit dem letzten Arbeitstag das, was bei der Arbeit wichtig war, sofort abschütteln, es ausziehen wie die Berufskleidung. In den Kleidern hängen geblieben, sozusagen, ist mir der Roman, den Tilman Rammstedt im Frühjahr unter Beobachtung geschrieben hat - jeden Tag ein Kapitel, das Abonnenten morgens per Mail erhielten - und am Ende wird ein Buch draus. Nun ist "Morgen mehr" als Buch da, und ich freue mich darauf, die Geschichte des Erzählers, der seine zukünftigen Eltern zusammenbringen will, damit sie ihn zeugen, mit all ihren Zickzackwegen und Kniffen am Stück zu lesen.

Doch dann, wenn die Erholung einsetzt, sollte die Lektüre möglichst wenig mit der Arbeit zu tun haben. Bei Frankreichreisen genieße ich es, täglich in der Sportzeitung "L'Equipe" in allen Einzelheiten die Tour de France zu verfolgen - ganz altmodisch am nächsten Morgen. Weil es aber diesmal erst im August in den Urlaub geht und das Rennen schon zu Ende ist, muss Ersatz her: Der Radprofi Jens Voigt hat seine Memoiren geschrieben, er gehörte fast zum Inventar der Tour mit seinen 17 Starts. "Shut Up Legs" ist nicht sehr elegant geschrieben, aber Eleganz prägte ja auch nicht seine Fahrweise: Voigt war ein Kämpfer, immer emotional, aber in der Lage, über sich selbst zu lachen. Über Stilfragen können wir dann nach dem Urlaub wieder reden. Felix Bayer

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Urlaub vom Leben aus kurzen Sätzen

Hermann Broch auf einer Aufnahme von 1937
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Hermann Broch auf einer Aufnahme von 1937

Wo ich hinfahre, ist es ruhig. Das Meer wird rauschen, die Kinder und die Angeln werden leise in Entfernung kreischen, und hin und wieder ein Schritt... Von Hermann Brochs "Tod des Vergil" habe ich nur noch den Anfang in atmosphärischer Erinnerung, als ungeheuren Atemzug, als eine wirksame Verführung, in einen hellen Dämmer des Geistes zu tauchen, der alles umfasst, das Geschehen und die Reflexion, der alles amalgamiert in mäandernden Passagen, suggestiv durch Rhythmus und Melodie. Warum ich damals herausgefallen bin, zurück ins Leben aus kurzen Sätzen, ich weiß es nicht mehr. Aber ich will dahin zurück.

Und wie es die unbewusste Fügung will, ist auch das Thema des neuen Buches von Katja Lange-Müller offenbar die Erinnerung. Und ihre Art, prägnante Sätze mit Ingrimm, Humor, Genauigkeit zu vereinen, ist sicher ein wirksames Antidot gegen den Brochschen Schlummer. Zumal ihre Heldin in heller Verzweiflung im Heute steht: Eine Krankenschwester, der das Helfen nicht mehr zu helfen scheint. "Drehtür" heißt der Roman, und ich bin jetzt schon sicher, man wird sich an ihn erinnern. Elke Schmitter

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Auf Schriftstellerbeobachtung in der Stammkneipe

Die Kneipe als Ort der Literaten
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Die Kneipe als Ort der Literaten

Ich bin schon aus vielen Gründen alleine in Kneipen gegangen, zu den zweifelsfrei blödesten gehört dieser: die Verehrung von Schriftstellern, die ich dort vermutete. Der Literaturkritiker als Groupie. Es handelt sich um das Gemalte Haus in Frankfurt am Main, eine Apfelweingaststätte, und um das Anzengruber in Wien, ein sogenanntes Kaffeehaus, das seine besten Stunden jedoch abends und nachts hat. Warum ich das hier erzähle? Nun, weil mir eine andere Gemeinsamkeit zwischen den beiden noch lebenden deutschsprachigen Schriftstellern, die ich am meisten verehre, gerade nicht einfällt: der eine ein Melancholiker der Literatur, der andere Literaturmacho, der eine ein nostalgischer Landvermesser der deutschen Provinz, der andere ein großstädtischer Ich-Vermesser, der eine subtil humorvoll, der andere pointensatt. Es handelt sich um Andreas Maier und Thomas Glavinic, und zu meiner Entlastung sei hier kurz angefügt, dass beide an jenen Abenden zwar in ihren Stammkneipen saßen, dass ich sie aber nicht angesprochen, sondern nur ab und an still über den Glasrand hinweg beäugt habe. Jedenfalls hocken beide gerne in Kneipen - und machen das fast ebenso gerne in ihren Büchern zum Thema.

Okay, das wäre dann noch eine Gemeinsamkeit: Sie schreiben oft autobiografisch grundiert, der eine eher mit philosophischem Fokus, der andere mit psychoanalytischem. Jedes neue Buch von ihnen sehne ich herbei, fast jedes der älteren habe ich schon mal verschenkt: "Wäldchestag", "Onkel J: Heimatkunde", "Das Zimmer", "Mein Jahr ohne Udo Jürgens", "Das Leben der Wünsche", "Das größere Wunder", "Der Jonas-Komplex". Die beiden folgenden Sachbuch-Exoten hingegen kenne ich als einzige Titel bislang noch nicht: "Bullau - Versuch über Natur", ein nachdenkliches Büchlein, das Andreas Maier vor Jahren gemeinsam mit seiner Frau geschrieben hat, der Theologieprofessorin Christine Büchner. Und "Meine Schreibmaschine und ich", das Thomas Glavinic aus den Vorträgen entwickelt hat, die er 2012 im Rahmen einer Poetikprofessur an der Uni Bamberg gehalten hat. Spröde akademisch, da bin ich mir sicher, wird es nicht sein. Schon eher höchst kneipentauglich. Tobias Becker

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Was für einen Unterschied 35 Jahre machen

Viv Albertine mit ihrer Punkband, den Slits
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Viv Albertine mit ihrer Punkband, den Slits

Der Held hieß Pinneberg, die Heldin Lämmchen. Als ich vor 35 Jahren Hans Falladas "Kleiner Mann - was nun?" gelesen habe, kam mir das von Arbeitslosigkeit und Faschismus bedrohte Kleinkleinbürgerglück des Paares piefig vor. Wahrscheinlich weil ich jetzt ein bisschen älter bin, auf jeden Fall weil die gerade erschienene Neuausgabe des Romans um einige zuvor gestrichene, düstere Nazi-Passagen ergänzt wurde, ist das Buch für mich inzwischen eines der bewegendsten über den Kampf um die Liebe in Zeiten gefährlicher gesellschaftlicher Umbrüche. Die Idylle ist tot! Es lebe die Idylle!

Die Bands hießen The Clash oder Sex Pistols. Als ich vor 35 Jahren zum ersten Mal Punk hörte, kamen mir die Musiker wie überlebensgroße Gestalten vor. Wahrscheinlich weil ich jetzt ein bisschen älter bin, auf jeden Fall weil die Musikerin Viv Alberine unlängst ihr Memoire "A Typical Girl" über die frühen Tage des Punk veröffentlicht hat, erscheint mir Punk inzwischen eine recht piefige Sache. Die Gitarristin der Slits erzählt herzerweichend offen, wie erbärmlich, dreckig und gemein es streckenweise im frühen Londoner Untergrund zuging. Eine grandiose Selbstentblößung, die zeigt, welch dann eben doch monströse Kraft aus so einem Ego-Kleinklein erwachsen kann. Punk ist tot! Es lebe Punk! Christian Buß

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Kaputte Balkons in Köpfen

USA, California, Route 66
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USA, California, Route 66

Ich arbeite derzeit viel - bevor Mitleid aufkommt: Ich hatte meine großen Ferien bereits und kann an dieser Stelle Namibia als Reiseziel empfehlen. Was ich dann abends nach der Arbeit aus dem Bücherstapel neben meinem Bett ziehe, hängt aber so dennoch weniger von meiner Muße, als von meinem Müdigkeitslevel ab. Noch sehr wach gehen soziologische Sachbücher und Dostojewksi. Mittelmüde: aufgesparte Zeitungsartikel, Juli Zehs "Unterleuten". Kurz vom Wegnicken greife ich nach "Tim und Struppi" oder, wenn es ganz schlimm kommt, nach meinem Tablet für eine Dosis Netflix. Auch Stuckrad-Barres Druffi-Selbstbespiegelung "Panikherz", macht es erstaunlich wenig aus, wenn man die Lindenberg-Huldigungen und Entziehungskuren nur halbwach mitbekommt.

Eine Autorin aber sprengt diese Dreiteilung: Die US-Amerikanerin Amy Hempel - weil sie unglaublich fein erzählt, ohne anzustrengen. Hempels Kurzgeschichten handeln von älteren Frauen, die in Motels in Kalifornien analog zur Wandtapete verblassen, von Autounfällen, Haiangriffen und von kaputten Balkons in Köpfen. Hempel erzählt viel von verletzten Menschen - verliert sich aber nie in Innenansichten, weil der Leser hinter jedem Wort immer auch eine größere Verwundung ahnt.

Zudem ist jeder ihrer Satz so präzise und sanft pointiert, dass man sie immer wieder liest, nur, um sich an ihnen zu erfreuen. "Es war eine Zeit, in der der einzige Schmerz von Bienen herrührte " schreibt Hempel selbst. Wenn an einem Hamburger Abend das Fenster offensteht und die Nacht doch mal lau statt sommerstickig ist, fühlt man sich zwar noch nicht im Urlaub. Aber Hempels verwehte Zwischenwelten liegen für einen Moment nicht mehr fern. Eva Thöne

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Hätte es verdient, verschlungen zu werden, dieses Buch

Arno Geiger: Es geht uns gut

Arno Geiger: Es geht uns gut

Leider, leider habe ich Arno Geigers Roman "Uns geht es gut" bereits vorm Urlaub gelesen. Dabei hätte dieses Buch es verdient, mit vollem Einsatz, ohne Unterbrechungen verschlungen zu werden. Die Familiengeschichte wird von Geiger in Rückblenden, ausgehend vom Jahr 2001, über drei Generationen erzählt - witzig, traurig und poetisch. Ganz nebenbei lernen wir bei der Lektüre auch noch etwas über die Seele Österreichs. Und ja, Nazis kommen vor, der Zweite Weltkrieg kommt vor, aber eben auch die Liebe, in vielen ihrer manchmal verwirrenden Ausprägungen, und am Ende: Hoffnung.

Das Buch, das in diesen Herbstferien meine volle Urlaubsaufmerksamkeit bekommen soll, heißt "Das Geräusch des Lichts", ist von Katharina Hagena und erscheint am 9. September. Der Verlag verspricht ein "bewegendes, fesselndes Buch, das in magischen Bildern von der rettenden Macht der Fantasie erzählt". Die Geschichte spielt in Kanada, es geht um das Schicksal von fünf Menschen, um skrupellose Machenschaften einer Ölfirma und um die Suche nach Identität. Und wenn es doch nichts ist, mit diesem neuen Buch, lese ich einfach den Geiger noch mal in Ruhe. Katharina Stegelmann

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Für die Wut

Black Lives Matter
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Black Lives Matter

Jede Nachricht von Polizeigewalt gegen Schwarze macht mich wütend. Jeder Satz gegen Flüchtlinge auch. Und jeglicher rassistischer Akt sowieso. Wohin mit dieser Wut? Vor allem zwei Bücher helfen mir dabei, die Frage halbwegs zu beantworten. "To my daughter I will say, 'when the men come, set yourself on fire'." Dieser Satz stammt von der 28-jährigen Warsan Shire. Die Poetin schreibt über Themen mit einer Dringlichkeit, einer magischen Rhythmik und Wut, wie in ihrem kleinem Band "Teaching My Mother How To Give Birth" (2011). Migration, Flüchtlinge, Rassismus, Gewalt, Krieg, Feminismus: Ihre beschriebenen Erfahrungen sind kollektive, die ihrer Eltern, ihrer Großeltern, ihrer eigenen. Shire, in Kenia geboren, Eltern aus Somalia, lebt in London und ihre ganzen Gedichte kreisen um die Suche nach Heimat. In "Zwischen mir und der Welt" schreibt Ta-Nehisi Coates mit Energie, Vehemenz und Zorn - über die Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA und den Rassismus, der das ganze Land durchwebt. "Wir waren schwarz und das ging weit über Hautfarbe hinaus - unsere ganze Geschichte war minderwertig, weil wir minderwertig waren und damit unsere Körper, die unmöglich so viel Respekt verdient hatten wie die der Schöpfer der westlichen Kultur." Seine These über das Konstrukt von "Weißsein" und Rassismus lassen sich sicherlich auch auf Europa und Deutschland übertragen. Vielleicht ist Wut doch ein guter Motor für Veränderung. Enrico Ippolito

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Nächste Haltestelle: die richtige Buchhandlung

Librairie Mollat in Bordeaux
Librairie Mollat

Librairie Mollat in Bordeaux

Und wenn wir im Urlaub noch so sehr die Freiheit suchen, ist es ja doch so, dass wir froh sind über gewisse Sicherheiten: Nicht schlecht ist es, ein gutes Restaurant zu kennen, noch besser ist es, wenn man eine gute Buchhandlung entdeckt - und am allerbesten, im Jahr darauf noch mal an den gleichen Ort zu fahren. Nicht gerade hochgradig freigeistig, stimmt schon, aber man muss sich ums Essen und ums Lesen keine Sorgen machen. In Bordeaux, wohin ich dieses Jahr wieder möchte, gibt es beides, ein Restaurant für mich und die richtige Buchhandlung, die Librairie Mollat, und seit Wochen überlege ich, welches Buch ich diesmal dort kaufe.

Im vergangenen Jahr war es Patrick Modianos "Damit du dich im Viertel nicht verirrst". Wie so oft bei Modiano geht es um ein Notizbuch, um eine dunkle Kindheitserinnerung und um ein ziemlich undurchschaubares Liebespaar. Modiano schreibt klar, sein Ton ist leise, Koordinaten fast aller seiner Romane sind der Stadtplan und das Metronetz von Paris - als bräuchte er ein Gerüst für seine traumwandlerischen Sehnsuchtsgeschichten.

Bordeaux hat keine Metro, aber eine Straßenbahn, sie hält knapp vor der Buchhandlung. Und ich werde, das ist mir gerade klargeworden, wieder ein Buch von Patrick Modiano kaufen. Weil seine Romane für mich das sind, was die Notizbücher und Stadtpläne für seine Romanfiguren: Sie helfen mir durch den Tag. Oder durch den Urlaub. Sebastian Hammelehle

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Ausrasten nur auf Italienisch

Bayern-Trainer Carlo Ancelotti
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Bayern-Trainer Carlo Ancelotti

Mit dem Intelligenzquotienten fast jedes Urlaubers geht es im Verlauf der Ferien steil bergab, das haben Wissenschaftler längst bewiesen: Viel Sonne aufs Haupt macht das Hirn träge, die Entspannung lässt die Denkmuskeln verkümmern. Deshalb will ich gleich am Anfang unserer spanischen Inselferien, solange es noch was bringt, das Lehr- und Lebensbuch des italienischen Fußballphilosophen Carlo Ancelotti lesen. Es heißt "Quiet Leadership - Wie man Menschen und Spiele gewinnt" und ist ganz sicher eine Top-Vorbereitung auf die Bundesligasaison, in der Ancelotti mit dem FC Bayern groß rauskommen will. Beim Reinblättern finde ich eine Stelle, in der Ancelottis Management der ruhigen Hand von seinem Ex-Mitarbeiter David Beckham erklärt wird. "Wenn er wirklich mal ausrastet, tut er es auf Italienisch", berichtet Beckham, "zum Glück verstehe ich Italienisch nicht so gut." Da wünscht man sich natürlich sofort, dass auch deutsche Medienredaktionen ihr Führungspersonal künftig in Italien rekrutieren.

Aber jetzt vergessen wir die Arbeit - und ich lese einen literarischen Krimi. Besonders freue ich mich auf Ross Thomas, erschienen in einer neuen Übersetzung und im Rahmen einer wunderschön gestalteten Werkausgabe. "Porkchoppers" schildert einen amerikanischen Wahlkampf. In dem geht es zwar nicht um die Präsidentschaft, sondern nur um die Urwahl innerhalb einer wichtigen Gewerkschaft, aber doch um das schmutzige Geschäft der US-amerikanischen Politik überhaupt. Der Autor Thomas (1926-1995) hatte allerhand eigene Erfahrungen in der Politik. In seinem Buch müssen skrupellose Spin-Doktoren, Schlägertypen und neunmalschlaue Bestechungsexperten offenbar einen windigen, versoffenen, verlogenen Kandidaten raushauen, der es nicht verdient hat zu siegen. Das ist in der Realität, in der wir nach dem Urlaub unsere stresshungrigen Gehirnzellen schon durch den Konsum der Nachrichtenkanäle ruckzuck wieder auf Höchstleistung trimmen werden, höchstwahrscheinlich bis heute nicht viel anders. Wolfgang Höbel

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In diesem Sommer endlich: "Der Nachsommer"

Martin Doerry gab einen Band mit Briefen seiner Großmutter Lilli Jahn heraus
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Martin Doerry gab einen Band mit Briefen seiner Großmutter Lilli Jahn heraus

Vor wenigen Wochen schenkte mir meine in England lebende Tante zum Geburtstag eine bibliophile Ausgabe des Romans "Der Nachsommer" von Adalbert Stifter, ein schönes in blauem Leinen gebundenes Buch mit Frakturschrift, erschienen im Insel-Verlag. Die Widmung auf der ersten Seite überraschte mich allerdings: "Meinem guten Elschen mit allen guten herzlichen Wünschen zu Weihnachten 1925. Lilli."

Lilli war meine Großmutter, sie hatte dieses Buch also damals ihrer kleinen Schwester geschenkt. Elsa emigrierte kurz nach der Machtergreifung der Nazis nach England und vererbte das Buch später meiner Tante. Und so landete es nun, nach mehr als 90 Jahren, bei mir. Lilli muss den "Nachsommer" sehr gern gelesen haben, denn als sie 1943 in einem Arbeitserziehungslager inhaftiert worden war, bat sie ihre Kinder um die Übersendung eines "Nachsommer"-Exemplars aus ihrer eigenen Bibliothek. Lilli wurde bald nach Auschwitz deportiert, das Buch jedoch gelangte tatsächlich zurück zu ihren Kindern und steht heute im Haus meiner Eltern. Es gibt in unserer Familie also zwei historische "Nachsommer"-Exemplare, aber keines davon habe ich bisher gelesen. Stifters Werk zählt zu den großen Bildungsromanen des 19. Jahrhunderts. Das 1857 veröffentlichte Werk beschreibt das Heranwachsen eines jungen Mannes, die ihn prägenden Einflüsse und erste Liebeserfahrungen. Nach heutigen Maßstäben gilt es als eine extrem kontemplative, um nicht zu sagen: anstrengende Lektüre. Stifter erzählt in Zeitlupe. Aber ich will es jetzt lesen, in diesem Sommer, ich will herausfinden, warum meine Großmutter den "Nachsommer" so mochte. Martin Doerry

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Lieblingstochter

Mutter-Tochter-Beziehung
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Mutter-Tochter-Beziehung

Das Buch "Was ich Euch nicht erzählte" ist ein literarischer Erziehungsratgeber, der sich als Thriller tarnt. Er beginnt mit den Sätzen: "Lydia ist tot. Aber das wissen Sie noch nicht." Wann und wie Lydia starb, wird schnell geklärt, aber dass ihre Familie in den Tod verstrickt war, getrieben von guten Absichten, das enthüllt die amerikanische Autorin Celeste Ng mit Raffinesse. Die Geschichte spielt im Sommer 1977. Lydia war das mittlere von drei Geschwistern. Ihr Vater wuchs als Sohn chinesischer Einwanderer auf. Ihre Mütter wäre gern Ärztin geworden, auch um der eigenen Mutter zu beweisen, dass das Lebenswerk einer Frau nicht darin bestehen sollte, ein Kochbuch vom ersten bis zum letzten Gericht durchzuarbeiten. Lydia war die Lieblingstochter ihrer Eltern. Beide wollten das Mädchen vor den Enttäuschungen bewahren, die sie erfahren mussten. Doch genau damit stürzten sie ihre Tochter in einen unauflösbaren Konflikt.

"Was ich Euch nicht erzählte" ist ein erstaunliches Debüt, das zudem gut ins Deutsche übersetzt wurde. Dass es einen das Leben kosten kann, wenn man anders ist, als die Gesellschaft in der man lebt, ist das eigentliche Thema dieses Romans. Claudia Voigt

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Einer der wenigen schwarzen Charaktere des Comic-Universums

Cover der ersten "Black Panther"-Ausgabe

Cover der ersten "Black Panther"-Ausgabe

Ich wünschte, es wäre anders, aber ich muss es leider zugeben: "Zwischen mir und der Welt", der große Bestseller des US-Journalisten Ta-Nehisi Coates, liegt immer noch zur Hälfte ungelesen auf meinem Sommerlektüre-Stapel; es liegt an mir, nicht an seinen politisch topaktuellen Überlegungen zur sozialen und psychischen Situation der Afroamerikaner. Um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, lese ich parallel Coates' anderen, nicht minder fesselnden Bestseller, seine bei Marvel Comics mit einem Rekord-Verkauf gestartete Heft-Serie "Black Panther", die der Comic-Debütant zusammen mit dem Zeichner Brian Stelfreeze bestreitet.

Kenner wissen: T'Challa, der eine Doppelexistenz als König und Beschützer des fiktiven afrikanischen Staates Wakanda und als assoziiertes Mitglied der Avengers-Superhelden führt, ist einer der ältesten Marvel-Helden und zugleich einer der wenigen schwarzen Charaktere des Comic-Universums. Die perfekte Figur für Coates, der sich immer auch für die körperlichen Auswirkungen sozialer Repression beschäftigt. In seiner auf zwölf Kapitel angelegten Story muss sich T'Challa allerdings eher mit innenpolitischer Action befassen: Rebellen schüren Unmut im Volk und stellen die Feudalherrschaft und Regierungsmethoden des mystischen Führers infrage. Über den Konflikt entsteht allmählich ein Reflexionsraum, der von Afrikas Kolonialisierung über die Sklaverei und die Bürgerrechtsbewegung in den USA bis hin zum Barack Obama und der Entstehung religiöser wie populistischer Radikalismen reicht. Ein intellektuelles Schwergewicht, als leichte Lektüre maskiert. Andreas Borcholte

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  • Ta-Nehisi Coates (Autor), Brian Stelfreeze(Illustrator):
    Black Panther

    A Nation Under Our Feet. Book 1.

    Sprache: Englisch.

    Marvel; 144 Seiten; 15,75 Euro.

  • Bei Amazon bestellen.
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