Büchner-Preis für Josef Winkler Medizin für Melancholiker

Der österreichische Schriftsteller Josef Winkler betreibt in seinen Büchern autobiografischen Exorzismus - sein leidendes Pathos hat ihm nun den Büchner-Preis eingebracht. Schade, findet Peter Henning, denn damit beweist die Jury abermals ihren Hang zum Kulturpessimismus.


Alles von sich erzählen und nichts verraten, so mag wohl insgeheim die poetologische Formel lauten, welcher die Bücher des österreichischen Schriftstellers Josef Winkler geschuldet sind. Es sind Werke von finsterer und nicht selten expressionistischer Wucht und Dramatik, die ruhelos und in häufig verschachtelten und darin an Thomas Bernhard erinnernden Satzschleifen das Leiden eines Menschen umkreisen, der sich gefangen sieht in einer engstirnigen, hässlichen und vom Katholizismus verunstalteten Welt.

Büchner-Preisträger Winkler: Schreie eines zwangsweise ins Innere Emigrierten
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Büchner-Preisträger Winkler: Schreie eines zwangsweise ins Innere Emigrierten

Von diesem Leiden geprägt, stieß Winkler, 1953 in Kamering in Kärnten geboren, dem "kreuzförmig geformten Dorf Kamering mit zweihundert Menschenseelen", zunächst seine Trilogie "Das wilde Kärnten" hervor. Sie setzt sich zusammen aus den Bänden "Menschenkind", "Der Ackermann aus Kärnten" und "Muttersprache" und reibt sich immerfort an einer Welt, in welcher der Einzelne mitsamt seinen Hoffnungen und geheimen Träumen in die innere Isolation getrieben wird.

Ihrer Form nach lasen sich diese Bücher wie Schreie eines zwangsweise ins Innere Emigrierten, der – ähnlich wie dereinst der große Österreich-Hasser Thomas Bernhard – nicht nachlassen mag in seinem Kampf gegen sein "inneres Österreich", aber sein Leid anders als Bernhard in eine Art autobiografischen Exorzismus wendet. Ruhelos und oftmals bis ins Manisch-Redundante getrieben, gerinnt in Winklers barocken Sätze das Leiden zu einer intensiven, bohrenden, nicht selten verstörenden und gleichsam hochmoralischen Auseinandersetzung mit seiner Kärntner Kindheit. Zum Programm geworden ist bei ihm die Rebellion eines Gefangenen gegen sein Gefängnis, zur geführten Schlacht des Ichs gegen sich selbst und die Umstände, in denen es sich erfolglos zu entfalten suchte.

Dabei nicht selten im Zentrum der Klage: der eigene Vater, dieser dominante, zutiefst gehasste und zugleich über alles geliebte Vater, der "Ackermann", sowie die irgendwann ihren Depressionen erliegende Mutter. So lesen sich Winklers Romane, die Stationen seiner Biografie scheinbar unumwunden aufnehmen, um sie gleichsam zu verschleiern, wie Pamphlete eines großen Traurigen, der nicht fähig ist, seinen Frieden zu machen mit einer als lebensfeindlich empfundenen Dorfgemeinschaft und ihrem latent zerstörerischen Mystizismen.

Am Ende wendet er sich, der seit 1980 als Schriftsteller arbeitet, nachdem er zuvor als Büroangestellter einer Kärntner Molkerei tätig war, irgendwann einer Art Todessehnsucht zu – einem Verlangen nach Auslöschung und gleichzeitiger Heilung, ja Reinigung - einer Haltung, die fortan viele seiner nachfolgenden und zweifellos bildmächtigen Bücher durchzieht.

Meister im Erleiden und Erdulden

Und dort, wo andere sich vor der größten Gegenutopie, als welche der Philosoph Ernst Bloch den Tod einmal bezeichnete, ins Wegsehen fliehen, kommt es bei Winkler im Gegenteil zu einer regelrechten Todesbeschwörung, zu dessen manischer Umkreisung. Dabei zeigt sich der Autor, der Jean Genet und Hans Henny Jahn seine literarischen Vorbilder nennt, mit nichts als Sprache bewaffnet, als einer also, der sich nackt und schutzlos zeigt, als ein Meister im Erleiden und Erdulden. Und wenn er in einem seiner Bücher zwei junge homosexuell veranlagte Bauernburschen in den Selbstmord schickt, dann wird daraus vor allem die Anklage einer Gesellschaft, in der nicht sein darf, was anders ist.

Winklers vielleicht bestes Buch erschien bereits 1980 – der Roman "Friedhof der bitteren Orangen", in welchem er abermals seiner nekrophilen Neugier frönt; das nach einem längeren Italienaufenthalt entstandene Buch lädt den Leser ein zu einer Art Höllenfahrt ein – hinweg über Plätze, Straßen und Wohnungen, verdichtet in seinem sogenannten "Straßennotizbuch", in dem "die eingetrockneten und eingekleideten Leichen der Bischöfe und Kardinäle aus den Kapuzinerkatakomben in Palermo abgebildet sind".

Selbstgewiss und ohne je den sich wandelnden Moden und Marktmechanismen zu unterwerfen, stößt Winkler seine Werke hervor; Bücher wie seine römische Novelle "Natura morta", sein Indien-Buch "Domra – Am Ufer des Ganges" oder das Requiem für seinen Vater "Roppongi", die einen Autor zeigen, der sich bis heute furchtlos dem eigenen Verlöschen entgegen schreibt.

Mit der Entscheidung für Josef Winkler hat die Darmstädter Jury erneut eine Literatur ausgezeichnet, die in der Tradition Thomas Bernhards steht und die sowohl inhaltlich wie formal über die Deformation des Individuums durch die Gesellschaft erzählt. Allerdings muss man sich fragen, ob dieser Adornosche Kulturpessimismus tatsächlich noch den Menschen in unserer heutigen Gesellschaft präzise beschreibt. Denn: Mag noch in irgendeinem österreichischen Dorf Überanpassung zur Deformation führen – in Restmitteleuropa sieht die Realität inzwischen anders aus. Kaum erträgliche Freiheit in der Wahl des Lebenskonzepts, Toleranz gegenüber jedweder Existenzform und Ausbeutung der Arbeitskräfte durch deren Überidentifikation (und nicht etwa durch Entfremdung).

Selbstverständlich hat ein Autor alles Recht, über das zu schreiben, was ihn umtreibt und angeht; doch dass die Darmstädter Jury nach Arnold Stadler und Martin Mosebach erneut eine kulturpessimistische Literatur auszeichnet, zeigt deren antiquierte und offenbar einseitige Ausrichtung. Schade.



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