Buschheuers "Leipzig Tagebuch" Gladiatorin des Alltags

Als Wetterfee und rasende Reporterin wurde Else Buschheuer nach der Wende berühmt. Jetzt schreibt sie lieber Tagebücher. Ihr siebtes ist gerade erschienen - eine abenteuerliche Tour de Force durch das seltsam Ding, das Leben heißt.
Von Reinhard Mohr

Am 28. Juli 2005 notiert die Tagebuchschreiberin: "Wie wunderbar sich das Leben anfühlt, jetzt, in diesem Moment... Ich darf in New York sein. Ich darf schreiben. Ich habe ein Dach überm Kopf und Internet."

Drei Tage später spuken die Haushaltsgeräte in der fremden Wohnung, die Klimaanlage spinnt, der antiquarische Staubsauger schwächelt, das Küchenlicht geht nur, wenn es will – und schon fühlt sich das Leben ganz anders an, tauchen böse (Selbst-)Zweifel am Dasein auf:

"Ich muss dagegen ankämpfen. Mein natürlicher Impuls ist: habenwollen, aufreißen, auspacken, aufessen, satt. Was anderes habenwollen, aufreißen, auspacken, aufessen. Satt. So geht das nicht."

Aber wie dann? Immer hin und her zwischen den Extremen, zwischen Euphorie und Niedergeschlagenheit, kleinem Glück und großem Unglück, Haben und Nichthaben? Immer weiter auf der Achterbahn von Hoffnung und Enttäuschung? Wohin soll das führen?

Else Buschheuer, 41, weiß es auch nicht wirklich. Aber sie versucht unverdrossen, es doch irgendwie herauszubekommen. Learning by Living. Stunde für Stunde, Tag für Tag. Jahr für Jahr. Nicht zuletzt deshalb schreibt sie seit sechs Jahren ein Internet-Tagebuch, das in regelmäßigen Abständen, gestrafft und verdichtet, in Buchform erscheint. Ihr gerade veröffentlichtes "Leipzig Tagebuch", das mit der Rückkehr nach vier abenteuerlichen Jahren New York in die heimatliche "Heldenstadt" der Wende von 1989 beginnt, ist schon die Nummer sieben.

Aber warum, bitte sehr, soll man das lesen, wenn es schon nicht von Thomas Mann oder Jean-Paul Sartre, Otto von Bismarck oder Dieter Bohlen ist, sondern von einer blonden, zugegeben: sehr hübschen früheren Pro-Sieben-"Wetterfee", die eigentlich Sabine Knoll heißt? Die in der DDR aufwuchs, Bibliothekswissenschaften studierte und nach dem Mauerfall als "rasende Else" für Blätter wie "Super-Ossi" schrieb, bevor sie bei SPIEGEL TV arbeitete, 1999 mit ihrem Romandebüt "Ruf!Mich!An!" für Furore im vereinten Deutschland sorgte, 2001 ein paar mal den ARD-"Kulturweltspiegel" und 2006 die MDR-Talkshow "Riverboat" moderierte?

Wie soll man leben?

Ganz einfach: Man soll und man will es lesen, weil Else Buschheuer als unermüdliche Gladiatorin des echten Alltags unter den Augen ihrer Leser, die sie gerne "Hasen" nennt, fortwährend jene Fragen aufwirft, die uns alle brennend interessieren: Wie soll man leben? Was mache ich falsch? Wie werde ich endlich glücklich? Wie viel Freiheit brauche ich dazu – und wie viel Sicherheit und Geborgenheit?

Klare, einfache Fragen, aber praktisch unlösbar. Populär, aber unendlich kompliziert und nur in ausufernden mathematischen Gleichungen halbwegs angemessen darstellbar. Tragisch, aber letztlich urkomisch, wenn man sie allzu ernst nimmt.

Das Gute und Schöne an Else Buschheuers rasender Fahrt durch die Jahre 2005 und 2006: Sie ist völlig frei von triefender Larmoyanz und billiger Lebensratgeberweisheit, frei von Klischees und Kalendersprüchen. Wenn doch mal was durchrutscht, kommt das scharfe Dressing gleich hinterher: Ironie und Selbstironie. Witz und Sarkasmus.

Und ein gesunder Schuss Grundaggressivität gegenüber den Zumutungen des Daseins. So liefert sie etwa dem Apple-Store in Soho einen Kampf bis aufs Messer in Sachen Reparatur ihres iPods ("It just died on me"). Kostprobe der deutschen Version: "Ihr ganzer fucking Laden ist voller fucking iPods! Holen Sie mir eine fucking neue Schachtel aus einem fucking Regal und geben Sie mir einen fucking neuen iPod!"

Rastlose Weltverlorenheit

Abgesehen davon, dass Else B. damit das Ansehen der Deutschen im Ausland weiter gestärkt hat, ist es ihr zugleich gelungen, das antike Sisyphos-Prinzip erfolgreich zu globalisieren und zu germanisieren: Sie kriegte ihren neuen iPod. So kennt uns die Welt.

"High Frustration Level" stand als Warnung für den Service auf ihrer "Apple Joker Card".

Auch sonst versteht sie es, die unendlichen Herausforderungen des täglichen Lebens nicht in ihrer Banalität geschwätzig zu ersticken, sondern anzuschärfen, manchmal auch, sie poetisch zu umhüllen und leuchten zu lassen. Nein, sie ist keine Widergängerin von Brigitte Reimann, der hochbegabten DDR-Schriftstellerin, die im Februar 1973 im Alter von 39 Jahren an Krebs starb und deren Lebenshunger literarisch nicht nur durch ihre wunderbaren Tagebücher legendär wurde.

Doch manche Passagen, auch der durchgehende Ton von Buschheuers Aufzeichnungen, erinnern durchaus an den seltsam schwebenden Reimann’schen Reigen aus unstillbarer Sehnsucht, unbändigem Freiheitsdrang und einer merkwürdigen Weltverlorenheit in all dem rastlosen Tun.

Sklavin ihrer selbst

Nicht zufällig taucht Brigitte Reimann als "Zitat des Tages" auf, während wieder mal der "Mittwoch Blues" tobt, "jene tückische Form der Niedergeschlagenheit, die sich an keine Regeln hält, die jede Freude zertrümmert". Über dreißig Jahre zuvor schrieb die Schwester im Geiste: "Ich habe zu früh Erfolg gehabt, den falschen Mann geheiratet, in den falschen Kreisen verkehrt; ich habe zu vielen Männern gefallen und an zu vielen Gefallen gefunden."

Ob es da Parallelen gibt? Else Buschheuer jedenfalls hat gleich dreimal "falsch" geheiratet, dafür aber eine zwanzigjährige Tochter.

Der Sound ihrer eigentümlichen Ruhelosigkeit aber ist der Ruf des Singles, dem der faustische Augenblick des "Verweile doch, Du bist so schön!" noch nicht zuteil wurde. Ihr Motto stammt eher von Nietzsche als von Eva Herman: "Wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich hat, ist ein Sklave."

So ist sie lieber Sklavin ihrer selbst, eine private Ich-AG als "öffentliches Verkehrsmittel", das "virtuell Stimmungen, Ideen, Niederlagen" übers Internet "transportiert" – im Zeitraffer einer mal glücklichen, mal unglücklichen Vergeblichkeit.

Gurkenexzesse und Fleischeslust

Nur zwei Themen fehlen fast vollständig, schwingen nur hier und da mit: Sex und Politik. So intim das Tagebuch zuweilen ist, es ist keine intime Beichte, keine Schlüssellochprosa, keine Bekenntnisfibel. Haarscharf ist der Grat, und Else Buschheuer meistert ihn.

Haarsträubend dagegen ist die völlige Abwesenheit von Kochkunst und Esskultur bei Fräulein Else. "Pilzrahmsuppe Waldspaziergang schmeckt eklig", notiert sie und berichtet auch sonst häufiger über ausgelöffelte Konserven, Gurkenexzesse und degoutante Fleischeslust ("Vier Steaks gegessen"). Dazwischen sieht sie Filme und hat Fieber, fliegt nach Kapstadt und Katmandu, fährt mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Peking, hört Musik, schläft schlecht und wartet auf Anrufe – "So kriegt man unkaputtbare Menschen wie mich tot".

Die Sehnsucht der Papaya

Sie lässt sich treiben "im Meer der Werkdätschen", erlebt Kulturschocks zwischen "Leipzsch" und New York, kämpft mit der T-Net-Box, gegen Wollmäuse und für ein neues Sofa, lernt das "Fremdschämen" im Fitnesscenter, liest vor Publikum, fahndet nach Scheuereimer und Wischmop, gibt Interviews, findet Paulo Coelho ebenso schrecklich wie die Flut der historischen TV-Mehrteiler à la "Die Luftbrücke" und "Dresden" ("wie Schokoladenhohlkörper in der DDR") und beantwortet die Frage eines Lesers, ob sie nicht manchmal Sehnsucht nach einem "geregelten Leben" habe mit Ja, aber: "Diese Sehnsucht ist so abstrus, als sehnte sich eine Papaya danach, eine Birne zu sein".

Wenn metaphysisch gar nichts mehr geht, kommt nur ein "Nojo" über die Tastatur. Dann wieder setzt sie ihre "lockere Reihe" über "Unheimliche Vorgänge im Körper" fort und treibt lakonische Milieustudien am lebenden Sachsen.

"Ich bin eine Jägerin, die das Wild verjagt", schreibt sie irgendwo. Mag sein. Für die Leser der Jägerin des verlorenen Schatzes gilt das nicht.

Nur eine Weisheit möchte man noch loswerden. Sie stammt von Karl Kraus: "Alles Unglück der Welt rührt daher, dass die Leute nicht zu Hause bleiben können."

Frau Buschheuer würde natürlich wieder gnadenlos kontern: "Wo bitte ist zu Hause ?"


Else Buschheuer: "Leipzig Tagebuch". Salier Verlag, 225 Seiten, 14, 90 Euro

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.