"Stoner"-Autor John Williams Eine einfache, sehr amerikanische Geschichte

"Stoner" war die Wiederentdeckung der vergangenen Jahre, jetzt gibt es die nächste Neuauflage von John Williams: "Butcher's Crossing" lässt die Welt der Büffeljäger aufleben.
Von Thomas Andre
John Williams: Parabel über die Gier

John Williams: Parabel über die Gier

Foto: Special Collections-University of Arkansas Libraries/ dtv

Will Andrews strebt ins Freie, in die Wildnis. In die Natur, nur dort wird er, wie er glaubt, zu seinem wahren Selbst vordringen. Er hat in Harvard studiert und Emerson gelesen, ein feiner junger Mann mit feinen Händen - der mit einem Mal durch die Prärie reitet, der Blizzards überlebt und der einem Besessenen die Flinte kühlt: 5000 Büffel wird der Jäger Miller auf dieser Jagd schießen. Es sind die letzten Büffel Amerikas.

In "Butcher's Crossing", dem jetzt erstmals auf Deutsch erscheinenden Roman von John Williams, geht der Wilde Westen unter, aber seine Helden begehren gegen dieses Ende auf. Es ist die Zeit um 1870 und Will Andrews, der Student aus Massachusetts, finanziert Miller die Jagd seines Lebens, eine Jagd auf die kostbaren Felle der Büffel in einem unbekannten Tal in den Rocky Mountains, das Miller einst entdeckte. Gegensätzlicher könnten Typen nicht sein: Hier ein so rastloser und fiebrig dem Geld hinterherjagender wie im Naturleben gestählter Mann wie Miller, dort der aus gutem Haus stammende Andrews, der unerfahren ist, aber naturbegeistert und idealistisch.

Andrews kommt in eine völlig andere Welt als die, der er entstammt - aber anders als John Williams' Literaturprofessor, der im gleichnamigen Roman "Stoner" aus einer einfachen Bauernfamilie kam und an der Uni in die Welt des Geistes eintauchte, wird er ein anderer. Er wird zum Mann. "Stoner" war vor knapp zwei Jahren eine Wiederentdeckung der besonderen Art. Der Collegeroman von Williams, der von 1922 bis 1994 lebte, wurde posthum und Jahrzehnte nach seiner ersten Veröffentlichung auch in Deutschland zum Bestseller. Dass sein Verlag nun das im Original 1960 erschienene "Butcher's Crossing" nachschiebt, ist nur logisch - und im übrigen literarisch gesehen ziemlich wertvoll.

Anreiten gegen den Triumph der Moderne

Denn "Butcher's Crossing" ist wieder ein parabelhaftes, tiefsinniges und fesselndes Buch, das eine einfache, sehr amerikanische Geschichte erzählt, dabei existenzielle Fragen stellt, die über die Zeit hinausweisen, in der jene spielt. "Butcher's Crossing" erinnert uns außerdem daran, wie gut Abenteuerromane sein können: Auf der Expedition in Richtung Colorado sind die Reiter dem Verdursten nahe, später werden sie von der gewaltigen Natur in Form eines Schneesturms überrascht. Die Männer in diesem Roman mögen sich manchmal im Schnee vergraben und eine Ewigkeit warten, bis er taut. Aber in Wirklichkeit reiten sie gegen den Triumph der Moderne an.

Dabei sind sie selbst Sendboten der Zivilisation: Indem sie die riesige Büffelherde ausrotten, rauben sie sich selbst die Lebensgrundlage. "Butcher's Crossing" ist auch ein Lehrstück über den Kapitalismus - davon zeugt spätestens die bittere Schlusspointe, die Williams für seine Figuren bereithält.

Es gibt einige sehr starke Szenen in diesem Buch, leuchtende Beispiele einer souveränen Beschreibungskunst: Wie die Männer die geschwollenen Zungen der Ochsen mit der letzten Pfütze Wasser befeuchten, sie alle sind, Mensch und Kreatur, komplett dehydriert. Wie der manische Miller im Blutrausch die Herde abschlachtet, jeder Schuss für die im Abseits wartender Häuter der Tiere ein akustisches Signal der Gier. Büffel, erklärt Miller einmal "sterben nie an Altersschwäche. Sie werden entweder von Menschen getötet oder von Wölfen gerissen".

Warten auf die Eisenbahn, die nie kommt

Manchmal sind Menschen selbst Wölfe, sie setzen brutal ihre Vorhaben um und reißen die anderen mit ins Elend. Wegen Millers Unwillen, sich mit weniger als allem zufrieden zu geben, muss die Jagdgemeinschaft den Winter über in den Bergen bleiben. Schlechtes Timing, aber das gilt für ihre gesamte Unternehmung. John Williams ist bewundernswert gerade dann, wenn er die seelischen Regungen seiner Helden beschreibt, von denen jede ins Allgemeine zielt. Das ist die größte Qualität von "Butcher's Crossing", der Roman erzählt im Besonderen vom Grundsätzlichen.

Und so schenkte Williams der Literatur mit diesem Roman genauso wie zuletzt Cormac McCarthy ("Die Morgenröte im Westen", "All die schönen Pferde") einprägsame Gestalten aus der Zeit, als Amerika noch einen Westen hatte, der beinah unbehauen war. Ein Amerika, in dem wir Archetypen der Gesellschaft treffen: die Hure, den Alkoholiker und den Kapitalisten, der auf eine Eisenbahn wartet, die nie kommen wird.

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John Williams
Butcher's Crossing

Deutscher Taschenbuch Verlag; 368 Seiten; 21,90 Euro.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.