Neuer Thriller von Thomas Harris Was nach Hannibal Lecter kommt

Dass Thomas Harris nicht einfach weiter über seinen Erfolgs-Mörder Hannibal Lecter geschrieben hat - Respekt! Aber der Finsterling im neuen Roman hätte sich von dem Menschenfresser ruhig eine Scheibe abschneiden können.

Szene aus "Das Schweigen der Lämmer": eine Figur der Verführung
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Szene aus "Das Schweigen der Lämmer": eine Figur der Verführung


Thomas Harris hat, anders als gelegentlich behauptet, das Subgenre des Serienkiller-Thrillers nicht erfunden. Aber ohne ihn hätte es sich wohl nicht so schnell und flächendeckend ausgebreitet. Harris darf sich in den Lebenslauf schreiben, dass Autoren heute in einem weltweiten Überbietungswettbewerb zu stehen scheinen, in dem gewinnt, wer sich besonders raffinierte (beziehungsweise abscheuliche) Mordmethoden und den interessant gestörten Killer ausdenkt.

Denn Harris erfand vor bald 40 Jahren Hannibal Lecter, den Kannibalen mit den ausgezeichneten Manieren und dem feinen Gaumen. In vier Bestsellern und ihren Verfilmungen darf Lecter sich als ambitionierter Hobbykoch gerieren, der zunehmend den Eindruck vermittelt, er würde nur morden, weil Menschen besser schmecken als Rinder oder - na ja - Lämmer.

Bösewicht (Symbolbild): Ein solcher Scheißkerl, dass es wie ein Statement wirkt
Getty Images

Bösewicht (Symbolbild): Ein solcher Scheißkerl, dass es wie ein Statement wirkt

Es wäre so naheliegend wie risikofrei gewesen, wenn Harris den Fans ihren innigsten Wunsch erfüllt hätte und 13 Jahre nach "Hannibal Rising" einen weiteren lukullischen Thriller geschrieben hätte. Dass er es nicht getan hat, ist dem 79-Jährigen hoch anzurechnen, denn kaum eine Figur ist inzwischen so auserzählt wie der Kannibale. Zumal die TV-Serie "Hannibal" den Stoff in eine bemerkenswerte Meditation über den Mord als Kunstform verwandelt hatte - mit einer optischen und emotionalen Wucht und einer stilistischen Radikalität, gegen die Harris, als Autor eher ein solider Handwerker, niemals hätte anschreiben können.

Hannibal Lecter war, gerade in der Oscarprämierten Verkörperung durch Anthony Hopkins, eine Figur der Verführung, die uns unmerklich auf ihre Seite zog, bis wir uns wünschten, dieser Mann möge wieder morden, und so subtil unsere eigene moralische Position erodieren ließ. Hans-Peter Schneider, der Bösewicht im neuen Roman "Cari Mora" nun, ist hingegen nichts weiter als ein ganz normal gestörter Finsterling, der in einem Hannibal-Roman höchstens als Amuse-Gueule getaugt hätte.

Schneider verdient sein Geld vor allem mit dem Elend von Frauen, die er in Bordellen für extreme Bedürfnisse anschaffen lässt und die er besonderen (und besonders betuchten) Kunden auch mal als persönliche Lustsklavin verkauft - und das sozusagen maßgeschneidert, heißt: nach Wunsch tätowiert und verstümmelt.

Ein derartig misogyner Scheißkerl ist Schneider, dass es schon fast wie ein Statement wirkt: Seht her, scheint Harris zu sagen, Killer sind in Wahrheit gar nicht wie Hannibal, the Cannibal. Nicht charmant. Nicht weltgewandt. Aber, und das ist ein zentrales Problem von "Cari Mora", leider auch nicht interessant.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:21 Uhr
Ohne Gewähr

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Thomas Harris
Cari Mora: Thriller - Vom Autor des Weltbestsellers „Das Schweigen der Lämmer“ -

Verlag:
Heyne Verlag
Seiten:
336
Preis:
EUR 22,00
Übersetzt von:
Imke Walsh-Araya

Dem absoluten Bösen, das Schneider verkörpert, setzt Harris das absolute Gute entgegen. Und das trägt, wie Schneider auch, einen sprechenden Namen: Caridad Mora, genannt Cari, der Vorname bedeutet auf Deutsch Nächstenliebe. Leider besitzt auch sie keine Tiefe, und so fällt es schwer, nachhaltiges Interesse für die Geschichte aufzubringen. Im Grunde erzählt der Roman eine klassische Einbruchsstory: Zwei Banden Krimineller wollen an den gleichen Tresor ran, eine Unschuldige gerät zwischen die Fronten und muss irgendwie überleben.

Villa von Escobar
AFP

Villa von Escobar

Überlebenskünstlerin ist Cari Mora sowieso, früher war sie Kindersoldatin in der kolumbianischen Guerilla-Organisation Farc, konnte dann aber fliehen. Sie hält sich mit drei Jobs über Wasser und träumt davon, Tierärztin zu werden. Einer dieser Jobs ist Haushälterin in einer Luxusvilla. Die gehörte früher einmal Pablo Escobar und wird heute vor allem für Filmaufnahmen vermietet.

Aktueller Mieter ist Schneider, der aber kein cineastisches, sondern ein rein monetäres Interesse verfolgt: Er sucht den Safe mit Gold im Wert von 25 Millionen Dollar, der irgendwo unter dem Haus verborgen sein soll. Zwar findet er diesen recht zügig, nur gibt es zwei Komplikationen. Eine Sprengladung, die den Safe vor unbefugten Zugriffen schützen soll, und Don Ernesto, Herrscher über ein Netzwerk kolumbianischer Diebe und Einbrecher mit einer Dependance in Florida. Auch er will an Escobars Goldreserven.

Der Kampf, der sich nun entspinnt, ist erwartbar blutig, aber überraschend unspannend. Weil Harris seinen Stoff nie in den Griff bekommt, nicht zu wissen scheint, was er eigentlich erzählen will und wie. Statt sich auf seine Heldin zu fokussieren, wechselt er ständig und keiner erkennbaren Dramaturgie folgend Schauplätze und führt neue Figuren ein, die er dann wieder aus den Augen verliert - oder lediglich als Opfer braucht.

Thomas Harris
Robin Hill/ Heyne

Thomas Harris

Diese Kontingenz, gepaart mit Desinteresse für seine Charaktere und einem Hang zu ausführlichen Beschreibungen von Flora und Fauna plus entsprechend schwüler Metaphorik - warum Harris diesen Roman überhaupt geschrieben hat, bleibt ein Rätsel.

Dabei ist es eigentlich eine schöne Geste, in einem für den Massenmarkt konzipierten US-Thriller eine Heldin einzuführen, die als geflüchtete Frau mit halblegalem Status für vieles steht, das dem amerikanischen Präsidenten ein Graus ist. Doch auch dieses subversive Potenzial verschenkt Harris.

Am Ende bleiben der Kitsch und die schmerzliche Erinnerung an die opulenten Tafelfreuden eines Hannibal Lecter: "Sie pfiff das Lied des Andenvogels. Kein Tier antwortete. Sie fühlte sich ein wenig leer, als sie ins Haus ging, eine schwere Zeit des Tages für alle, die alleine essen."



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