Buchauszug von "Cat Person"-Autorin Sie wollte ihn beißen, feste beißen

Schlechter Sex oder Übergriff? Die Kurzgeschichte "Cat Person" wurde millionenfach geteilt. Nun hat Autorin Kristen Roupenian neue Geschichten über Macht und #MeToo veröffentlicht. Lesen Sie hier vorab "Beißerin".
Von Kristen Roupenian
Foto: Jenny Adam
Zur Autorin

Kristen Roupenian, Jahrgang 1982, studierte afrikanische Literatur in Harvard und arbeitete als freie Journalistin. Ende 2017 veröffentlichte sie im "New Yorker" die Kurzgeschichte "Cat Person" , der Text wurde im Netz millionenfach geteilt. Roupenian erzählt in der Geschichte, wie die Studentin Margot einen Mann kennenlernt. Die erste Verabredung führt zu Sex, obwohl die Protagonistin zu dem Zeitpunkt keine Lust mehr darauf hat. #MeToo, Rollenbilder und digitales Datingverhalten - jetzt erscheint ihr erster Sammelband mit Kurzgeschichten, in Deutschland unter dem Namen "Cat Person" beim Verlag Blumenbar.

Ellie war eine Beißerin. Sie biss die Kinder im Kindergarten, biss ihre Cousinen, biss ihre Mama. Als sie vier Jahre alt war, musste sie zweimal in der Woche zu einem Spezialisten, um an ihrer Beißwut "zu arbeiten". Beim Arzt spielte Ellie mit zwei Puppen, die sich gegenseitig bissen, und dann redeten die Puppen darüber, wie es sich anfühlte, zu beißen und gebissen zu werden. ("Aua", sagte die eine. "Tut mir leid", sagte die andere. "Es macht mich traurig, wenn du mich beißt", sagte die eine. "Mich macht es glücklich", sagte die andere. "Aber tut mir echt leid.")

Ellie stellte eine Liste von Dingen zusammen, die sie tun konnte, anstatt zu beißen, zum Beispiel die Hand heben und um Hilfe bitten oder tief Luft holen und bis zehn zählen. Die Eltern hängten, so wie es der Arzt vorgeschlagen hatte, einen Zettel an Ellies Kinderzimmertür, und Ellies Mutter klebte für jeden Tag, an dem Ellie niemanden biss, einen goldenen Stern darauf.

Aber Ellie liebte es, zu beißen, mehr noch als goldene Sterne, und sie machte damit weiter, glücklich und wild, bis eines Tages die hübsche Katie Davis nach dem Kindergarten vor ihrem Vater auf Ellie deutete und laut flüsterte: "Das da ist Ellie. Keiner mag sie. Sie beißt", und Ellie fühlte sich vor Scham so elend, dass sie mehr als zwanzig Jahre lang niemanden mehr biss.

Als Erwachsene hing sie, obwohl sie ihre aktive Beißzeit längst hinter sich gelassen hatte, Tagträumen nach, in denen sie ihre Kollegen im Büro verfolgte und biss. Sie stellte sich zum Beispiel vor, wie sie in den Kopierraum schlich, wo Thomas Widdicomb gerade Berichte zusammenstellte, so vertieft in seine Aufgabe, dass er nicht bemerkte, wie Ellie auf allen vieren hereinkam. Ellie, was zum Teufel, würde Thomas Widdicomb rufen, bevor sie die Zähne in seine kräftige, haarige Wade grub.

Eine Zeit lang war es der Welt gelungen, Ellie aus Scham vom Beißen abzuhalten, aber sie vergaß darüber nicht, welchen Spaß es machte, hinter Robbie Kettrick herumzuschleichen, während er am Basteltisch selbstzufrieden Klötze stapelte. Alles ist wie immer, ruhig und langweilig, und dann kommt Ellie, und SCHNAPP!, heult Robbie Kettrick wie ein Baby, und alle laufen durcheinander und schreien, und Ellie ist auf einmal kein kleines Mädchen mehr, sondern ein wildes Tier, das in den Räumen des Kindergartens auf und ab läuft und Chaos und Verwüstung stiftet.

Foto: Jenny Adam

Der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen ist, dass Erwachsene die Folgen ihres Handelns absehen können. Und als Erwachsene begriff Ellie, dass, wenn sie weiter ihre Miete bezahlen und ihre Krankenversicherung behalten wollte, sie andere Menschen nicht bei der Arbeit beißen durfte. Deshalb kam es für sie lange nicht ernsthaft infrage, ihre Kollegen zu beißen, bis der Büromanager vor aller Augen beim Mittagessen an einem Herzinfarkt starb und die Zeitarbeitsfirma Corey Allen als Ersatz schickte.

Ausgerechnet Corey Allen! Bald fragten sich Ellies Kollegen untereinander: Was um Himmels willen hat sich die Zeitarbeitsfirma dabei gedacht, ausgerechnet ihm den Job zu geben? Mit seinen grünen Augen, blonden Haaren und rosigen Wangen passte Corey Allen nicht in eine Büroumgebung, wie ein Faun oder Satyr gehörte er vielmehr auf ein sonniges Feld voller nackter, ausgelassener Nymphen, die Liebe machten und Wein tranken.

Wie Michelle aus der Buchhaltung bemerkte, vermittelte Corey Allen den Eindruck, als ob er sich jede Sekunde entschließen könnte, den Job als Büromanager hinzuschmeißen, um fortan auf einem Baum zu leben. Ellie, die im Büro eher eine Außenseiterin war, bemerkte oft, wie ihre Kolleginnen über Corey Allen tuschelten; wahrscheinlich ging es in diesen Gesprächen darum, wie gern sie mit ihm schlafen wollten. Corey Allen war gutaussehend und exzentrisch. Ellie wollte allerdings nicht mit ihm schlafen. Sie wollte ihn beißen, feste beißen.

Das wurde ihr klar, als sie ihn am Montag vor dem Morgenmeeting beobachtete, wie er glasierte Donuts auf einer Platte drapierte. Als er fertig war, drehte er sich um, und als er bemerkte, dass sie ihn anstarrte, zwinkerte er ihr zu. "Ach, Ellie, du siehst hungrig aus", sagte er mit einem anzüglichen Grinsen. Ellie hatte Corey Allen gar nicht abgecheckt, wie er es zu vermuten schien; und sie hatte auch keinen einzigen Gedanken an die Donuts verschwendet.

Aber plötzlich erwischte sie sich bei dem Gedanken, wie es wohl wäre, ihre Zähne in Corey Allens Nacken zu vergraben. Er würde aufjaulen und auf die Knie sinken, und dieser selbstgefällige Ausdruck wäre schlagartig von seinem Gesicht verschwunden. Er würde den halbherzigen Versuch unternehmen, sie zu schlagen, und dabei schreien: "O nein, Ellie! Bitte! Hör auf! Was ist nur in dich gefahren?" Aber Ellie würde keine Antwort geben, denn ihr Mund wäre voll mit Stücken von Corey Allens süßem und nach Wild schmeckendem Fleisch. Es musste auch gar nicht unbedingt der Nacken sein. Welcher Körperteil, das war ihr egal. Sie konnte ihn auch in die Hand oder ins Gesicht beißen. Oder in den Ellbogen. Oder in den Hintern. Jede Partie würde anders schmecken, sich anders im Mund anfühlen, hätte ein anderes Verhältnis von Knochen, Fett und Haut; jeder Körperteil wäre auf seine eigene Art und Weise köstlich.

Vielleicht werde ich Corey Allen wirklich beißen, dachte Ellie nach dem Meeting. Ellie war für die Unternehmenskommunikation zuständig, was bedeutete, dass sie neunzig Prozent ihrer Zeit damit verbrachte, E-Mails zu verfassen, die eh keiner las. Sie hatte ein Sparkonto und eine Lebensversicherung, aber keinen festen Freund, keine Ziele, keine engen Freunde. Ihrem ganzen Leben, so dachte sie manchmal, lag die Vorstellung zugrunde, dass es weniger wichtig war, sich zu vergnügen, als Schmerz zu vermeiden. Vielleicht war das Problem am Erwachsensein, dass man die Konsequenzen des eigenen Handelns zu gewissenhaft abwog, und am Ende kam ein Leben dabei heraus, dass man verachtete. Was, wenn sie Corey wirklich beißen sollte? Was dann?

Warum ich Corey Allen nicht beißen sollte

An diesem Abend schlüpfte Ellie in ihren schönsten Schlafanzug, machte eine Kerze an und schenkte sich ein Glas Cabernet ein. Sie nahm ihr Lieblingsnotizbuch zur Hand, zog die Kappe vom Stift und schlug eine neue Seite auf.

Warum ich Corey Allen nicht beißen sollte:
1. Es ist falsch.
2. Ich könnte Ärger bekommen.

Sie kaute auf dem Stiftende herum, dann ergänzte sie zwei Unterpunkte:

Warum ich Corey Allen nicht beißen sollte:
1. Es ist falsch.
2. Ich könnte Ärger bekommen.
a) Sie könnten mich feuern.
b) Ich könnte ins Gefängnis kommen / bestraft werden.

Ellie dachte: Wenn ich Corey beißen könnte, wäre es mir egal, wenn sie mich feuern würden. Sie hatte die letzten anderthalb Jahre ohnehin fast jede Mittagspause an ihrem Handy verbracht und sich die Jobangebote auf monster.com angeschaut. Sie war bereit für eine neue Aufgabe und fühlte sich perfekt dafür vorbereitet. Einen neuen Job zu suchen, nachdem man den alten gekündigt hatte, war jedoch nicht dasselbe, wie einen neuen Job zu suchen, nachdem einem der alte wegen Beißens gekündigt worden war. Wäre es schlicht unmöglich, unter diesen Umständen einen neuen Job zu finden oder einfach nur sehr kompliziert? Schwer zu sagen.

Ellie nahm einen Schluck Wein und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf den Unterpunkt b) Ich könnte ins Gefängnis kommen / bestraft werden. Das war durchaus möglich. Aber in Wahrheit war es doch so: Wenn eine Frau einen Mann in einer Büroumgebung biss, würde man schwer davon ausgehen, dass er irgendetwas getan hatte, um das auch zu verdienen. Wenn sie Corey etwa vor aller Augen beim Montagmorgenmeeting beißen und später, auf die Gründe angesprochen, sagen würde: "sexuelle Befriedigung", würde man sie wahrscheinlich verhaften. Aber wenn sie Corey im Kopierraum beißen und sagen würde: "Er hat mich angefasst" oder, so als wollte sie seinen Ruf nicht zerstören: "Er ist plötzlich hinter mir aufgetaucht und hat mir Angst gemacht, da habe ich instinktiv zugebissen, es tut mir so leid", würde wahrscheinlich der Grundsatz im Zweifel für die Angeklagte gelten.

Foto: Jenny Adam

Wenn man es recht betrachtete, würde man ihr als junger weißer Frau ohne jede Vorstrafe bestimmt einen Freifahrtschein aus dem Gefängnis zugestehen. Solange sie sich eine halbwegs glaubwürdige Geschichte ausdachte, würde man sie ihr vermutlich abnehmen. Im Grunde genommen, dachte Ellie, während sie die Beine ausstreckte und sich Wein nachschenkte, gab es auch noch eine ganz andere Möglichkeit. Was, wenn sie Corey biss, ohne dass es jemand mitbekam, und die Erfahrung für ihn so bizarr war, dass er niemandem etwas davon erzählen würde, weil er Mühe hatte, es selbst zu glauben?

Es würde sich etwa so abspielen: später Nachmittag, nach fünf. Schon dunkel. Das Büro ist leer, bis auf Corey und Ellie sind alle schon nach Hause gegangen. Corey füllt gerade Papier im Kopierer nach, als Ellie hereinkommt. Sie stellt sich hinter ihn, unangemessen dicht hinter ihn. Er denkt, er weiß, was jetzt kommt. Er erstarrt und bereitet sich geistig schon darauf vor, sie zurückzuweisen, aber nicht etwa, weil er so hohe Standards für Umgangsformen im Büro hätte, sondern weil er schon etwas mit Rachel aus der Personalabteilung hat. "Ellie…", sagt er zögerlich, und da greift sie nach seinem Arm und führt ihn zum Mund.

Corey verzerrt sein schönes Gesicht, erst geschockt, dann vor Schmerz. "Hör auf, Ellie!", schreit er, aber niemand hört ihn. Ellie beißt ihm die Sehnen am Arm durch, und dann ist Corey wieder soweit bei Sinnen, dass es ihm gelingt, sie wegzustoßen. Sie stolpert rückwärts, kracht gegen den Stapel Kopierpapier und gleitet zu Boden. Corey starrt sie entsetzt an und greift nach dem blutenden Arm. Er wartet auf eine Erklärung, aber sie gibt ihm keine. Stattdessen steht sie ruhig auf, streicht den Rock glatt, wischt sich das Blut vom Mund und geht aus dem Raum.

Was macht Corey jetzt? Er könnte natürlich sofort zur Personalabteilung rennen und sagen: "Ellie hat mich gebissen!", aber sie sind hier immerhin in einem Büro und nicht im Kindergarten. Alles an der Unterhaltung wäre lächerlich. "Ellie, hast du Corey gebissen?", würden sie sie fragen, und Ellie würde die Augenbrauen hochziehen und sagen: "Ähm, nein? Was für eine seltsame Frage." Falls die Leute aus der Personalabteilung nachhakten und sagten: "Ellie, das sind ernsthafte Anschuldigungen", würde Ellie einfach sagen: "Ja, ernsthaft verrückt. Selbstverständlich habe ich den Büromanager nicht gebissen, und ich weiß auch nicht, wie er dazu kommt, das zu behaupten."

Die Chancen standen tatsächlich ziemlich gut, dass Corey gar nichts sagen würde. Er würde eine Weile im Kopierraum bleiben, die Situation durchdenken und am darauffolgenden Tag entscheiden, dass es das Beste wäre, einfach so zu tun, als sei gar nichts vorgefallen. Er würde in einem langärmligen Hemd zur Arbeit kommen, um den hässlichen Bluterguss am Arm zu verstecken, den kleinen Halbmond-Abdruck, den sie auf seiner Haut hinterlassen hatte.

Und von da an wäre ein Teil von Coreys Gehirn immer damit beschäftigt, zu lokalisieren, wo Ellie sich aufhielt. Sie würde ihn dabei ertappen, wie er sie in Meetings ansah, und wenn sie auf einer Büroparty waren, würde er ständig in Bewegung bleiben und sicherstellen, dass er möglichst weit weg von ihr stand. Es würde sich fast so anfühlen, als tanzten sie miteinander, auch wenn er nie wieder mit ihr redete. Monate später, wenn niemand es mitbekommen würde, würde sie ihn angrinsen und in der Luft mit dem Kiefer nach ihm schnappen, und er würde kreidebleich werden und aus dem Raum stürmen. Er würde sich für den Rest seines Lebens an sie erinnern, sie wären miteinander verbunden über die gleißenden Gestade seiner Angst.

Später am Abend, als der Schweiß auf ihrer Haut getrocknet war und sie die Beine schon unter das Laken gesteckt hatte, zwang sich Ellie, noch einmal aufzustehen und das Notizbuch aus dem Wohnzimmer zu holen. Fantasievorstellungen waren Fantasievorstellungen, aber es war wichtig, zumindest mit einem Bein auf dem Boden zu bleiben. Sie legte sich zurück ins Bett, schlug das Notizbuch auf und schrieb die Liste noch einmal neu:

Warum ich Corey Allen nicht beißen sollte:
1. Es ist falsch.
2. Es ist falsch.
3. Es ist falsch.
4. Es ist falsch.

Ellie nahm das Notizbuch mit zur Arbeit und legte es ganz unten in die Schublade. Sie schaute hinein, jedes Mal, wenn die Versuchung, Corey Allen zu beißen, zu groß wurde. Sie erfand ein Spiel, das sie "Gelegenheit" nannte. Ellie würde Corey nicht beißen, auch wenn sie es sich wünschte, und sie fand, dass sie dafür Anerkennung verdiente. Also gab sie sich jedes Mal, wenn sie sich in einer Situation wiederfand, in der sie ihn hätte beißen können, einen Punkt. Sie notierte Zeit und Ort neben einem Sternchen.

Einen Punkt dafür, dass sie im leeren Treppenhaus an ihm vorbeigegangen war. Einen Punkt, als sie bemerkt hatte, wie er auf die Toilette ging und die Tür nicht gleich absperrte. Und einen Punkt, als sie bemerkt hatte, wie er, genau wie in ihrer Fantasie, allein in den Kopierraum ging, nachdem alle anderen schon weg waren. Als sie zehn Punkte erreicht hatte, gönnte Ellie sich ein Eis, und während sie es aß, gestattete sie sich, davon zu träumen, wie sie Corey nach Herzenslust biss.

Nach ein paar Wochen bemerkte Ellie etwas Interessantes in Zusammenhang mit ihrem Spiel. Wenn man eine Kurve zeichnete mit all den Gelegenheiten, die sich im Laufe der Zeit ergeben hatten, ging es zunächst ganz niedrig los, dann stieg die Kurve stetig an, denn Ellie hatte ein Gefühl für Corey Allens Tagesablauf im Büro entwickelt und all die Orte ausgemacht, an denen man unbeobachtet beißen konnte. Aber dann, Mitte Dezember, gab es einen dramatischen Einbruch: Corey Allens Tagesablauf wurde auf einmal völlig unberechenbar, und wenn er sich an die Orte begab, an denen man unbeobachtet beißen konnte, war er selten allein. Irgendetwas stimmte mit den Daten nicht, und es dauerte eine Weile, bis Ellie herausfand, dass die Person, die sich meistens an diesen Orten aufhielt, Michelle aus der Buchhaltung war. Michelle war verheiratet. Hmmm.

Unrecht kann man nicht mit Unrecht vergelten

Um die Zeit, als die alljährliche Weihnachtsfeier anstand, machte es Ellie nicht mehr sonderlich viel Spaß, "Gelegenheit" zu spielen. Sie hatte auch keine Lust mehr, sich vorzustellen, wie sie Corey Allen biss, sie wollte ihn in echt beißen, und die Tatsache, dass das unmöglich war, machte sie wütend. Ja, manchmal war das so, man wollte etwas und bekam es nicht. Aber manchmal war es auch so, dass man genau wusste, dass das, was man wollte, unmoralisch war, und man tat es trotzdem. Etwa mit einer verheirateten Person zu schlafen. Das war falsch, aber alle machten es. Da drüben zum Beispiel stand der arme Ehemann von Michelle aus der Buchhaltung in seinem Weihnachtspullover mit Stechpalmen-Muster. Was für eine Vorstellung, wie er nachts wach lag und grübelte, warum seine Frau sich so von ihm entfremdet hatte.

Die Scham und Verletzung, die er empfinden musste, wenn er auf ihrem Handy die Nachrichten las und eine Reihe von romantischen SMS entdeckte, die sich seine Frau und Corey Allen geschickt hatten, wohlgemerkt jener Corey Allen, den Michelle einmal als "gruseligen kleinen Kobold" bezeichnet hatte. Ganz sicher würde der seelische Schmerz, den der Ehemann von Michelle aus der Buchhaltung unter diesen Umständen verspürte, den körperlichen Schmerz, den ein kleiner Biss provozieren würde, in den Schatten stellen. Besonders wenn Ellie Corey in einen Körperteil mit nicht so vielen Nervenenden beißen würde, in den Rücken zum Beispiel oder den Oberarm.

Hör auf, sagte Ellie bestimmt zu sich selbst. Unrecht kann man nicht mit Unrecht vergelten. Corey Allen ist für sein Handeln verantwortlich und du für deins.

Trotzdem konnte sie es nicht lassen, ihn anzustarren, wie er sich da auf der Weihnachtsfeier flirtend unter die Kolleginnen mischte und Punsch verteilte. Rachel aus der Personalabteilung und er tauschten intensive Blicke aus. Michelle aus der Buchhaltung war wahrscheinlich gerade ziemlich eifersüchtig. Aber wahrscheinlich war auch Corey Allen auf Michelles Ehemann eifersüchtig, also war ja vielleicht genau das der Punkt. Es war wirklich nicht besonders nett von Corey Allen, so mit Rachel zu flirten, nur um Michelle eifersüchtig zu machen. Corey Allen war echt das Allerletzte.

Ellie stand auf der Party herum und fragte sich, ob Corey Allen überhaupt Augen für sie hatte. Sie trug ein ziemlich enges, schwarzes, bodenlanges Samtkleid: Sie war sexyer angezogen als sonst im Büro, aber zugleich erinnerte der Look vielleicht auch an eine Beerdigung, war also nicht ganz geeignet, um auf jemanden, der so flirty wie Corey Allen war, Eindruck zu machen. Corey Allen stand inzwischen am anderen Ende des Raumes und quatschte jemanden an, den Ellie nicht kannte, wahrscheinlich die Frau eines Kollegen. Vielleicht spielte Corey Allen seine eigene Version von "Gelegenheit" und gab sich jedes Mal einen Punkt, wenn er eine Frau zum Kichern brachte und sie errötete.

Ellie war total verzweifelt, fühlte sich fast schon lebensmüde. Was sollte das alles? Vielleicht sollte sie Corey Allen beißen und sich danach von einer Klippe stürzen. Geh jetzt nach Hause, sagte sie sich. Du bist betrunken. Sie ließ ihr Glas auf dem Tisch neben sich stehen und ging Richtung Toilette, um ihr Gesicht mit kaltem Wasser zu erfrischen. Als sie herauskam, stand vor ihr auf dem leeren Gang Corey Allen, der offensichtlich auf sie gewartet hatte. Ein Punkt für Ellie! Das war eine perfekte Gelegenheit. Was so viel bedeutete wie, wenn sie nichts tun wollte, dass sie später bereuen würde, musste sie augenblicklich verschwinden. "Hallo, Ellie!", sagte Corey Allen strahlend. "Ich dachte, du bist schon am Aufbrechen. Und ich wollte dich nicht gehen lassen, ohne Tschüss zu sagen."

"Musste nur pinkeln", sagte Ellie und versuchte, an ihm vorbeizukommen. Corey Allen warf den Kopf in den Nacken und lachte, und Ellie stellte sich vor, wie sie die Zähne in seinen Adamsapfel grub, als wäre er ein Granny Smith. Verdammt noch mal, Corey Allen, sagte sie zu sich selbst, ich versuche gerade, mich zusammenzureißen, also lass mich gefälligst vorbei.

"Warte mal, Ellie", sagte Corey Allen und fasste sie am Arm. "Siehst du das da oben? An der Decke?" "Was?", sagte Ellie und schaute reflexhaft nach oben. Und da packte Corey Allen sie, zog sie an sich, presste seine Lippen auf ihre und schob seine Zunge in ihren Mund. Sie versuchte, ihn wegzustoßen, aber er hinderte sie mit einer Hand daran, während er mit der anderen an ihren Hintern fasste. Für einen Kobold war er erstaunlich stark. Als er nach einer gefühlten Ewigkeit endlich von ihr abließ, taumelte sie, nach Luft ringend, rückwärts. Es fühlte sich so an, als müsste sie sich übergeben. "Was zur Hölle, Corey?", sagte sie. Corey Allen gluckste. "Ich dachte, ich habe da einen Mistelzweig gesehen. Uups! Mein Fehler!" Es war fürchterlich. Schlimmer, als gebissen zu werden, dachte Ellie. Einfach nur absurd.

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Roupenian, Kristen

Cat Person: Storys

Verlag: Blumenbar
Seitenzahl: 288
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Aber dann dachte sie: Moment mal. Das ist meine Chance. Obwohl sie seit mehr als 20 Jahren aus der Übung war, bewies Ellie Nerven, sie hatte ihr Ziel klar vor Augen. Sie sperrte den Mund auf wie ein Lurchfisch und stürzte sich auf Coreys Wangenknochen, der unter ihren Zähnen spektakulär knirschte. Der Biss war genauso, wie sie es sich erträumt hatte. Corey schrie auf, er schlug wild um sich und griff nach ihr, aber sie ließ nicht von ihm ab; ganz im Gegenteil, sie schnappte dreimal mit dem Kopf vor und zurück, wie ein Hund, der seine Beute totschüttelt, und biss ein Stück seines Gesichts heraus. Corey Allen brach vor ihren Füßen zusammen, hielt sich das Gesicht und schrie.

Ellie spuckte ein Stück Haut aus und wischte sich mit dem Handrücken das Blut von den Lippen. Gute Güte.

Sie war zu weit gegangen. Wahrscheinlich hatte sie ihn entstellt. Man würde sie ins Gefängnis stecken. Aber wenigstens blieb ihr diese Erinnerung für den Rest ihres Lebens. Sie würde die Stunden der Gefangenschaft dafür nutzen, liebevoll Bilder von Corey Allens deformiertem Gesicht Sekunden nach dem Biss zu zeichnen, und sie würde sie an den Wänden der Zelle aufhängen.

Da hörte sie hinter sich jemanden mit anklagender Stimme sagen: "Ich habe gesehen, was passiert ist. Ich habe alles mitbekommen." Es war Michelle aus der Buchhaltung. Noch bevor Ellie irgendetwas erwidern konnte, nahm Michelle aus der Buchhaltung sie in die Arme. "Alles in Ordnung?", fragte Michelle. "Es tut mir so leid." "Was?", sagte Ellie. "Das war ein Übergriff", sagte Michelle. "Er hat sich an dir vergriffen." "Ja", sagte Ellie. "Das hat er." "Das hat er mit mir auch gemacht. Er ist mir ins Treppenhaus gefolgt und hat mich angegrapscht. Mehr als einmal. Er verfolgt Frauen. Ich wollte dich warnen. Gott sei Dank konntest du dich zur Wehr setzen. Du bist eine Kämpferin, Ellie. Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?" "Es geht mir gut", sagte Ellie. Und das stimmte.

Denn es stellte sich heraus, dass Corey Allen nicht nur Ellie und Michelle angefasst hatte, sondern gleich mehrere Frauen. Die Reaktion der Personalabteilung fiel prompt und entschieden aus. Corey wurde gefeuert, und Ellie bekam nicht einmal eine Abmahnung; am Ende hatte sie mehr Freundinnen im Büro als je zuvor.

Trotzdem kündigte sie sechs Monate später, um woanders neu anzufangen, und danach wechselte sie jedes Jahr den Job. Denn wie sie bald herausfand, gab es in jedem Büro einen: den Kollegen, über den alle redeten. Alles, was sie zu tun hatte, war, zuzuhören, abzuwarten, ihm eine Gelegenheit zu geben, und früher oder später würde er sie finden.


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