China-Autor Christian Y. Schmidt "Falsche Fotos, falsche Fakten"

Alles halb so wild? Der Schriftsteller Christian Y. Schmidt lebt in Peking - und schildert in seinen Büchern, dass das Leben in China wesentlich freier sei, als man im Westen glaubt. Den hiesigen Medien wirft er negative Propaganda in der China-Berichterstattung vor - zumindest "teilweise".
Schriftsteller Christian Y. Schmidt: Propaganda des Westens gegen China?

Schriftsteller Christian Y. Schmidt: Propaganda des Westens gegen China?

Foto: Yingxin Gong

SPIEGEL ONLINE: Herr Schmidt, Sie leben seit 2005 in Peking und kommen nur noch zu Besuch nach Deutschland. Finden Sie sich hier überhaupt noch zurecht?

Schmidt: Manchmal habe ich damit Probleme. Zum Beispiel muss ich mich hier mittlerweile in Restaurants richtig zusammenreißen, damit ich nicht zu laut nach der Kellnerin schreie - in Deutschland würde ich sonstwas zu hören bekommen. In China gehört es zum guten Ton, laut zu rufen. Ich bin da sehr unsicher geworden.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Ihnen das als erstes einfällt, klingt das sehr harmlos. Steigen Sie etwa nicht aus dem Flugzeug und sind froh, plötzlich wieder Ihre Meinung frei äußern zu können, das unzensierte Internet nutzen zu können und keine Angst haben zu müssen, verschleppt und eingesperrt zu werden?

Schmidt: Sagen, was ich will, kann ich in China auch - jedenfalls im Privatbereich. Das gilt auch für die Chinesen. Das mit dem Internet stimmt allerdings. Ich komme zwar in China auch an alle Seiten ran, aber ich muss dafür bestimmte Hilfsmittel benutzen.

SPIEGEL ONLINE: Und dann funktioniert alles?

Schmidt: Ja. Aber es ist ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel: Die Zensoren lassen sich immer wieder etwas Neues einfallen, dann muss man das wieder umgehen und so weiter. Aber mit Verschlüsselungssoftware geht alles. Nur Videos ansehen macht keinen Spaß - das läuft alles sehr langsam.

SPIEGEL ONLINE: Wer sich aber informieren will, der bekommt auch alle Informationen?

Schmidt: Natürlich. Selbst, wenn man die chinesische Presse liest. Die ist zwar ein Propagandainstrument, aber auch dort erscheinen kritische Kommentare. Nicht umsonst marschiert immer mal wieder ein Journalist ins Gefängnis, der direkt von einer staatlichen Zeitung gekommen ist. Wenn alles gleichgeschaltet wäre, dann würde so etwas ja nicht passieren.

SPIEGEL ONLINE: In einem Ihrer Texte kritisieren Sie die hiesige Berichterstattung über das Uiguren-Massaker im Jahr 2009. Nach Ihrer Darstellung waren die Uiguren nicht Opfer, sondern Täter. Wie kommen Sie darauf?

Schmidt: Natürlich nicht die Uiguren, sondern einige uigurische Radikale. Ansonsten: In den westlichen Medien wird zum Teil Propaganda betrieben, wenn es um China geht. Und das wird in China gerade von den Nationalisten immer wieder aufgegriffen: Falsche Fotos, falsche Fakten, das wird alles mit großer Begeisterung im chinesischen Internet aufgelistet. Die Fallbeispiele sind sehr umfangreich. Und dann wird gesagt: Die fälschen nur, um uns herabzuwürdigen. Das findet ein großes Echo in China. Was die Uiguren betrifft: Ich war nicht dabei. Aber ich habe die Berichterstattung zu diesen Fällen genau gelesen. Da zeigte sich, dass ein Teil der englischsprachigen Presse doch viel genauer berichtet hat, und dabei zu ganz anderen Ergebnissen kam als viele deutschsprachigen Medien. Der britische "Guardian" zum Beispiel, der "Telegraph", aber auch Reporter des "Wall Street Journal", der australischen Tageszeitung "The Age" oder der Nachrichtenagentur AP. Die kamen auch zu der Auffassung, dass die Angriffe von uigurischen Demonstranten ausgegangen waren. Außerdem habe ich festgestellt, dass Fotos, auf denen klar Han-Chinesen als Opfer von Angriffen zu sehen waren, ganz normale Leute, die mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit waren und dann erschlagen wurden, nicht gezeigt wurden - nicht einmal, um den Wahrheitsgehalt dieser Fotos zu diskutieren. Sie wurden nirgendwo veröffentlicht - das halte ich für tendenziös.

SPIEGEL ONLINE: Welche Motive sehen Sie dafür?

Schmidt: Das geht total durcheinander. Es gibt keine einheitliche China-Berichterstattung in Deutschland - es gibt hier ja keine von der Regierung herausgegebenen Richtlinien wie in China. Das glauben die Chinesen aber manchmal, weil sie die westliche Presse als gleichgeschaltet erleben. Ich erkläre ihnen dann immer, dass das hierzulande eher informell geschieht.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?

Schmidt: Gerade habe ich wieder ein schönes Beispiel erlebt, anlässlich der Ausladung des Sinologen Tilman Spengler von der Eröffnung der deutschen Ausstellung zur "Kunst der Aufklärung". In Peking hat es dazu eine Pressekonferenz gegeben. Und da wird dann berichtet, dass ein Journalist von Wirtschaftsführern ausgebuht worden sein soll, weil er eine Frage zu Tilman Spengler gestellt hat. Ich glaube durchaus, dass das so war - es wird aber keiner dieser Wirtschaftsführer mit Namen genannt. Es ist interessant zu beobachten, dass man die chinesische Regierung zwar gerne verteufelt, dass aber immer wieder deutsche Wirtschaftsführer, die sich auf die Seite der chinesischen Propaganda schlagen, nicht namentlich genannt werden. Da frage ich mich: Warum? Vielleicht, weil man Angst hat, dass diese Unternehmen dann keine Anzeigen mehr schalten? Mein Eindruck ist, dass man sich eben auch in Deutschland sehr ungern mit den Vertretern derjenigen anlegt, die hier tatsächlich das Sagen haben - ähnlich wie in China. In Deutschland funktioniert das natürlich anders, als sich die Chinesen das vorstellen. Es muss keiner anordnen.

"Die Situation hat sich verschärft"

SPIEGEL ONLINE: Klingt ziemlich verschwörungstheoretisch. Sie kennen viele der China-Korrespondenten persönlich - haben Sie keinen gefragt, warum er nicht aufgeschrieben hat, welcher Wirtschaftsführer das war?

Schmidt: Nein. Wäre ich in Peking gewesen, dann hätte ich das sicher getan. Aber ich bin zur Zeit auf Lesetour in Deutschland. Mag ja sein, dass ich mit meiner Vermutung falsch liege. Dann könnte man darüber diskutieren. Aber eine wirklich kontroverse Debatte zur deutschen China-Berichterstattung findet ja in den deutschen Medien nicht statt. Obwohl doch seit letztem Jahr dazu eine schöne wissenschaftliche Studie der Heinrich-Böll-Stiftung  vorliegt, an der sich eine solche Debatte entzünden könnte.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch ist die Situation in Deutschland wohl kaum mit der in China zu vergleichen: Hier wird niemand eingesperrt, wenn er sich mit den Mächtigen anlegt oder seine Meinung äußert.

Schmidt: Viele Chinesen verstehen die Menschenrechtsproblematik nicht. Die sagen, ihr betreibt doch auch nur Propaganda. Sie kontern sofort mit Menschenrechtsverletzungen im Westen. Sie verweisen auf die europäische Kolonialgeschichte. Und sie führen aktuelle Fälle wie Guantanamo an - gerade die englischsprachige chinesische Presse ist voll davon.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Stimmung in China nach der Verhaftung von Ai Weiwei?

Schmidt: Ich bin kurz vor seiner Verhaftung nach Deutschland abgereist. Aber man hat schon seit Monaten gemerkt, dass sich die Situation verschärft, dass die chinesische Regierung die Daumenschrauben anzieht. Es gab ja die Aufrufe im Internet zur sogenannten Jasmin-Revolution, nach denen sich die Leute in Großstädten an bestimmten Plätzen versammeln sollten. Und an den jeweiligen Tagen gab es dort dann ein riesiges Polizeiaufgebot. Wer als Westler da durch wollte, musste sich ausweisen. Für Journalisten wurden diese Gebiete zur No-Go-Area erklärt. So etwas habe ich während meiner Zeit in Peking vorher nicht erlebt. Journalisten haben Hausbesuche bekommen, sind einbestellt worden, gefilmt worden. Von TV-Journalisten habe ich gehört, dass Polizisten in deren Abwesenheit in ihrer Wohnung gewesen sein sollen und extra einige Sachen verrückt haben, um zu zeigen: Wir waren hier. Das ist keine angenehme Atmosphäre.

SPIEGEL ONLINE: Vorher hatten Sie immer behauptet, China sei liberaler, als man allgemein im Westen vermittelt bekommt.

Schmidt: Ja, das ist damit fürs Erste widerlegt worden. Aber jetzt haben auch einige Korrespondenten, die vorher schon alles schwarz gemalt haben, Probleme zu vermitteln, dass das jetzt alles noch viel schwärzer geworden ist. Es ist einfach nicht genug berichtet worden über das, was bis vor kurzem möglich war - und was vielleicht bald wieder möglich sein wird in China. Wenn man immer nur mit dem Schwert draufhaut, dann kann man nicht mehr mit dem Florett kämpfen. Ich glaube aber, dass die gegenwärtigen Verschärfungen kurzfristig sind.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Schmidt: Weil sie nicht nur mit der Jasmin-Revolution, sondern auch mit dem bevorstehenden Machtwechsel 2012 zu tun haben könnten. Hu Jintao, der Staatspräsident, und Wen Jiabao, der Premier, wollen das Haus geordnet hinterlassen. Dann kommt Xi Jinping, und noch weiß niemand, welche Linie der vertreten wird. Die chinesische Führung ist nicht homogen, da gibt es unterschiedliche Fraktionen. Ich denke, dass es wieder besser wird.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie nach Ihrer Lesereise wieder nach China fahren - ist das dann eine Heimkehr?

Schmidt: Ja, mittlerweile ist das so. Aber jetzt bin ich so lange weg aus Deutschland, dass mir vieles hier immer besser gefällt: Es ist so wahnsinnig idyllisch. Unglaublich grün. Unmengen an Wasser. Und so unheimlich leer. Berlin finde ich mittlerweile erschreckend dörflich. Fast schon öde. Dabei stamme ich ursprünglich aus Bielefeld.

Der Schriftsteller Christian Y. Schmidt war Redakteur des Satire-Magazins "Titanic" und lebt seit 2005 mit seiner chinesischen Frau in Peking. Zurzeit befindet er sich auf Lesereise in Deutschland.

Das Interview führte Stefan Kuzmany
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.