Chinesische Philosophie Herrje, bin ich alt geworden

Schwarzes Loch im Denken des Westens: Der Prozess des Alterns, neue Formen des Terrorismus und selbst Liebesprobleme sind mit klassisch-europäischer Philosophie schwer zu begreifen. Der Philosoph Francois Jullien versucht deshalb, fernöstliche Weisheit und westliche Analyse zu versöhnen.
Von Ariadne von Schirach
Francois Jullien: Langsame Umzingelung, diskrete Lenkung

Francois Jullien: Langsame Umzingelung, diskrete Lenkung

Foto: ? Charles Platiau / Reuters/ REUTERS

Die Haare ergrauen, die Augenringe vertiefen sich, die Haut wird fahl. Das Fleisch schrumpft ein, das Lächeln wird faltig, das Timbre der Stimme bricht - alles, alles wird schwerfälliger. Ein Mensch wird alt. Doch diese Veränderung geschehen langsam. Unmerklich. Und dann hält man irgendwann eine Fotografie in den Händen, 20, 30 Jahre alt, und ist bestürzt: Wie kann ich dieses Gesicht sein? Was ist geschehen? Wo ist sie hin, die verlorene Zeit?

"Wir sehen uns nicht altern," sagt der Philosoph und Sinologe François Jullien nach dieser proustsche Anfangssequenz seines neuesten Buches "Die stillen Wandlungen." "Weil sich alles verändert und nichts isoliert werden kann, ist dieses im Werden befindliche und sogar vor unseren Augen ausgebreitete Manifeste nicht zu sehen."

Veränderungen derart massiver Art sind so umfassend wie in ihrer Eigenheit unmerklich. Sie scheinen uns nur in einem nachkonstruierten Vorher-Nachher sichtbar, oft von einem gewissen Staunen begleitet. Warum hängen meine Backen, warum ist die Liebe fort, weshalb sind die Sommer so tropisch und die Winter so regnerisch? Diese Überraschung beruht nach Jullien auf der Art und Weise des westlichen Denkens - das chinesische Denken hingegen, dessen kundiger Übersetzer er geworden ist, eröffnet eine Möglichkeit, das Werden selbst wahrzunehmen, in all seiner Subtilität. Altern wird aus dieser Perspektive zu einer Art und Weise, wie uns das Leben geschieht, fast ein Symbol der Existenz per se.

Francois Jullien wurde 1951 in Embrun geboren, er verbrachte viele Jahre in China und hat in zahlreichen Publikationen die Wirkweisen und Felder des chinesischen Denkens beleuchtet. Im August 2010 hat er den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken bekommen; in der Laudatio hieß es: "Jullien ist ein Grenzgänger, der die Grenzen nicht verschwinden lässt, sondern sichtbar macht, um auf beiden Seiten von einander zu lernen."

Hier Entweder-oder, dort Sowohl-als-auch

Er versteht es meisterhaft, klassische Probleme des westlichen Subjekts (Alter, Zeit, Tod), die immer auch persönliche Fragestellungen sind, mit Antworten zu konfrontieren, die dem subjektlosen chinesischen Denken entspringen. Dafür hat Jullien seine Zelte in einem Zwischenreich aufgeschlagen; von da blickt er von Europa nach China und von dort aus wieder hierher zurück. Dabei schlägt er auf ebenso feinsinnige wie belebende Weise Funken aus den beobachteten Widersprüchlichkeiten. Diese sind in die Ursprünge der jeweiligen Kultur eingeschrieben - hier im Westen Sein, dort im fernen Osten Werden. Hier Subjekt - dort Prozess. Hier Entweder-oder - dort Sowohl-als-auch.

Hinter allem liegt das Reale selbst, die unbeschreibliche Totalität einer sich fortlaufend entfaltenden Welt. Die Griechen reagierten darauf mit einem Denken der Eindeutigkeit und Widerspruchsfreiheit; schon bei Platon gibt es entweder Ruhe oder Bewegung, das "Dazwischen", der Übergang ist begrifflich nicht fassbar. Dieses "schwarze Loch" im westlichen Denken setzt sich fort, es ist der Grund für die Überraschung, die den Europäer allzu gerne befällt, sei es angesichts des Klimawandels oder des Aufkommens neuer Formen des Terrorismus. Das sind die politischen Aktualitäten der stillen Wandlungen; wie immer geht es Jullien darum, durch das Zugänglich-Machen einer fremden Denkweise das Verständnis des Realen zu erhöhen. Beide Weltweisen können sich nur befruchten - es geht darum, herauszufinden, welche Anschauung für welches Problem am besten geeignet ist.

"Die Welt bewegt sich jeden Tag"

Der Westen hat Romantik, Innerlichkeit und spätmodernen Selbstverwirklichungsdruck. Die Chinesen haben Kriegskunst, Assimilation und autoritären Kapitalismus. Hier Hysterie, Egoismus und gnadenloser Gestaltungswille, dort Gehorsam, Anpassung und stille Einflussnahme. Letztere reiten den Drachen, während wir versuchen, der Drache zu sein. Wem soll man zuhören?

Doch gerade die Liebe, dieses immer wieder sehr französische Thema, beschreibt Jullien als stille Wandlung. Sie kommt, sie bleibt, sie geht fort, immer schon ein Übergang. Vielleicht sind die Chinesen keine besonders guten Ratgeber in der Hoffnung auf romantische Angelegenheiten; das Verschwinden der Liebe jedoch können sie womöglich besser erklären.

Denn das zentrale Konzept des chinesischen Denkens lässt sich beschreiben als "Umwandlung-Fortdauer", biang-tong. Wie im Symbol des Yin Yang, das Jullien von jeglicher esoterischen Wohlfeilheit gesäubert in aller Tiefe zu präsentieren versteht, der Übergang von einem zum anderen immer mitgedacht wird; jeder Aufstieg trägt in sich den Keim des Niedergangs, jede Stärke ihre Schwäche, jeder Anfang sein Ende. Alles ist auf diskrete Weise lebendig, wobei die Veränderungen meist viel zu subtil sind, um von dem westlich-ereignisorientierten Denken bemerkt zu werden. Das chinesische Denken hingegen ist in der Lage, dem Aufmerksamkeit zu schenken, "was man sieht, aber nicht wahrnimmt" oder "was man hört, aber nicht vernimmt". Schon das "I Ging", das über 2000 Jahre alte "Buch der Wandlungen", diente dazu, mit außerordentlicher Präzision die kleinen und großen Verschiebungen nachzuzeichnen.

Im Fokus dieser Beobachtungen steht das Werden selbst als unendliche Bewegung zwischen Polaritäten, während das griechische Denken sich für abgegrenzte Entitäten wie Seele, Körper, Geist entschieden hat. Diese Unterschiede sind außerordentlich faszinierend; indem Jullien zeigt, dass ein griechisch-ontologisches Denken, welches das Sein in den Mittelpunkt stellt, nur ein möglicher Zugang zur Welt ist, lässt er zugleich dessen konstitutive Differenzen (Körper versus Seele, Immanenz versus Transzendenz und so weiter) zufällig erscheinen. Es könnte ja alles ganz anderes sein. Was nicht heißt, dass es im Westen keine Tradition des subjektlosen Wandels gäbe - was ist Tolstois "Krieg und Frieden" anderes als die Beschreibung eines Werdens, das Schicksale produziert. Trotzdem sind die Differenzen gewaltig. Und alle Brückenschläge können nur blitzartig, intuitiv erleuchten, was in ewiger Fremdartigkeit staunend voreinander steht. Doch, wie Jullien nicht müde wird, zu betonen: Aus einem "Abstand der Sprache ergibt sich eine ganz andere Weise, das Leben verstehen zu können und sein Schicksal zu artikulieren."

Das Altern als diskreter Verfall ist nur eine der stillen Wandlungen, denen er sich nähert - von den Figuren der Umkehrung hin zur Mythologie des Ereignisses. Dabei bemerkt der Autor, dass auch Ereignisse keinesfalls plötzlich geschehen - sie "brauen sich zusammen" und "kommen zum Vorschein." Der chinesische Weltzugang bietet hierbei oft eine bessere Möglichkeit, solche politisch-geschichtlichen Reifungen zu beschreiben. Oder darauf Einfluss zu nehmen; nicht durch Konfrontation, sondern durch langsame Umzingelung und diskrete Lenkung, die es versteht, dem zu helfen, was von alleine kommt. Oder ihm schon in den feinsten Anfängen zu wehren.

So fügt sich Nuance zu Nuance, alle in subtiler Kommunikation; die Architektur des Buches selbst erinnert an ein chinesisches Zeichen und die einzelnen Kapitel ergeben zusammen ein Bild, das mehr ist, als die Summe seiner Teile. Die elegante Schlichtheit seines Stils öffnet sich in eine Tiefe, die dem Geheimnis des Lebens Raum gibt, ohne es direkt auszusprechen. "Die Welt bewegt sich jeden Tag", schreibt Jullien, "die Welt wird jeden Tag geboren."

Ein solches Buch hingegen gibt es selten. Man sollte es lesen.

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