Chinesische Propaganda in "Thalia"-Regalen Mit Lesen wäre das nicht passiert 

Eine Buchhandlung handelt nicht nur mit Büchern, sie handelt auch mit Glaubwürdigkeit. Für den Großfilialisten Thalia kann der Skandal um chinesische Propaganda in den Regalen gefährlich werden. 
Eine Analyse von Tobias Becker
Thalia: In drei Filialen wurden gegen Bezahlung Regale mit chinesischer Literatur bestückt

Thalia: In drei Filialen wurden gegen Bezahlung Regale mit chinesischer Literatur bestückt

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DPA/Monika Skolimowska

Die Buchhandelskette Thalia hatte lange Zeit den Ruf, an einem guten Ruf nicht interessiert zu sein, ihre Marktmacht rücksichtslos auszuspielen, kleine Verlage zu unanständig hohen Werbekostenbeihilfen zu verdonnern, Traditionsbuchhändler unsanft zur Geschäftsaufgabe zu drängen. "Thalia ist die Muse der Mafia", schrieb die "FAZ" einmal.  

Seit 2018 aber bemühte Thalia-Chef Michael Busch sich mit einigem Erfolg um eine Imagekorrektur. Einst trug er seinen Spitznamen "Excel-Busch" mit einem gewissen Stolz. Busch galt als Business-, nicht Büchermensch - und daher für viele als der böse Bube der traditionell schöngeistigen Branche. 

Seit 2018 aber sagt Busch Sätze wie diesen: "Wir bei Thalia glauben, dass geistige Nahrung Menschen und Gesellschaft ein bisschen besser macht." Es gehe nicht mehr nur ums Geschäft, es gehe um gesellschaftliche und gesellschaftspolitische  Verantwortung. "Unsere Vision ist eine Welt, in der Inhalt zählt." 

Es sind Sätze, an denen Busch nun gemessen werden wird. Denn diese Woche platzte die Nachricht in die Branche, dass Thalia in seinen Filialen chinesischer Staatspropaganda ein Schaufenster bietet. 

Im Gespräch mit Journalisten hatte Busch den Begriff "Filiale" zuletzt gern durch "Buchhandlung" korrigiert, weil "Filiale" ihm zu flach klang und zu wenig kompetent. "Filialen hat Aldi", sagte er. "In Filialen ist alles maximal gleich. Bei uns haben die Mitarbeiter vor Ort Gestaltungsspielraum." 

Gestaltungsspielraum, den Thalia nun offenbar auch zweifelhaften Geschäftspartnern einräumt: Thalia ist eine Kooperation mit einem chinesischen Staatsunternehmen eingegangen, das in drei Filialen gegen Bezahlung einige Regale mit chinesischer Literatur bestücken durfte. Zu den platzierten Büchern gehört auch "China regieren", eine Sammlung von Reden des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping

Michael Brand, der menschenrechtspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, kritisierte die Kooperation deutlich:  "Thalia muss sich entscheiden: Ducken vor Diktaturen, wegen etwas mehr Profit - oder Anstand und Haltung." 

Thalia-Chef Busch hatte 2018 eine Werbekampagne entwickeln lassen, die den übergreifenden Slogan "Welt, bleib wach" trug. Die Kampagne läuft bis heute mit Botschaften wie diesen:
 "Fantasie lernt man in keinem YouTube-Tutorial" oder "Apple aus, Birne an".  

Das klang angenehm kulturpessimistisch in den Ohren traditionell oft etwas kulturpessimistischer Bücherwürmer. Nun wissen sie, dass Thalia zumindest neuen Erlösmodellen noch immer sehr aufgeschlossen gegenübersteht. 

Buschs Kulturwandel steht oder fällt mit der Glaubwürdigkeit

Andere Claims der Werbekampagne waren auffallend politisch: "Lesen hilft gegen Vorurteile", "Donald Trump liest nicht gern", "Brexit: Mit Lesen wäre das nicht passiert". Es sind Sprüche, die sich nun leicht gegen ihren Absender wenden lassen. "China-Deal: Mit Lesen wäre das nicht passiert." Die Werbekampagne sollte laut Busch mehr sein als eine Werbekampagne, hinter ihr sollte ein Kulturwandel des gesamten Unternehmens stehen. Solch ein Kulturwandel sei ein durchaus zäher Prozess, das räumte der Chef ein. Im Gespräch verglich er Thalia einmal mit der Redaktion eines Anzeigenblatts, der man sage, sie solle künftig investigativen Journalismus betreiben. 

Der Vergleich macht deutlich, womit der angestrebte Kulturwandel steht oder fällt: mit der Glaubwürdigkeit. Sie ist nach der Enthüllung dieser Woche angegriffen. 

Busch sollte die Kooperation mit dem chinesischen Unternehmen schleunigst beenden. Im Sinne der Glaubwürdigkeit, aber womöglich auch im Sinne des Geschäfts.

Vor ziemlich genau einem Jahr feierte Thalia sein 100-jähriges Bestehen. Für das Buch zum Jubiläum, das denselben Titel trug wie die Werbekampagne, "Welt, bleib wach", hatte Busch allerlei Buchmenschen gewinnen können: die Historikerin Ute Frevert, den Philosophen Rüdiger Safranski, die Piper-Verlegerin Felicitas von Lovenberg, den Psychiater und Bestsellerautor Manfred Lütz, die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel, den Theaterintendanten Joachim Lux. Sie alle erzählten in kurzen, persönlichen Texten, was das Lesen ihnen bedeutet. 

Busch reihte sich in die illustre Runde ein und schrieb auch einen Text: "Wer liest, bleibt wach - und kann wachsam auch auf die aktuellen Herausforderungen unserer komplexen, turbulenten und risikobehafteten Gesellschaft reagieren", predigte er. Und ging dann kurz darauf zum Angriff auf Nichtleser über: "Irgendwo zwischen Serien-Marathon und dem Springen von Screen zu Screen" hätten die Menschen leider verlernt, "kritisch zu bleiben gegenüber jeglicher Indoktrination".  

Nun stellt sich die Frage, wie kritisch Thalia eine mögliche Indoktrination der Thalia-Kunden geprüft hat, bevor der Deal mit dem chinesischen Partner zustande kam. "Ich glaube fest daran, dass geistige Nahrung Menschen und Gesellschaft nicht nur ein bisschen besser macht, sondern auch zukunftstauglicher: diskurskompetenter und resistenter gegen die Feinde der Demokratie und der offenen Gesellschaft", schrieb Busch damals auch. Es ist ein Bekenntnis, an dem man ihn heute messen muss.

Busch sollte die Kooperation mit dem chinesischen Staatsunternehmen schleunigst beenden. Im Sinne der Glaubwürdigkeit, aber womöglich auch im Sinne des Geschäfts. 

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