Chris Kraus' "I Love Dick" Not that kind of woman

In Chris Kraus' autobiografisch durchwirktem Roman "I Love Dick" wird eine unerwiderte Liebe zur Antriebsfeder für die Emanzipation. Auch nach fast 20 Jahren hat dieses Experiment große Wucht.
Autorin Chris Kraus: Literarisches Experiment und Kulturkritik in einem

Autorin Chris Kraus: Literarisches Experiment und Kulturkritik in einem

Foto: John Kelsey

Zwiespältige Frauenfiguren, die smart sind und trotzdem dumme Dinge tun, die stark ihren Schöpferinnen ähneln und mehr von sich preis geben, als es angenehm ist, sind mittlerweile weit verbreitet. Sie tauchen in Lena Dunhams Serie "Girls" auf und in Sheila Hetis Roman "Wie sollten wir sein?".

Was rasend zeitgenössisch wirkt, ist jedoch einem literarischen Urknall vor 18 Jahren geschuldet: Damals erschien "I Love Dick", der erste Roman der neuseeländisch-amerikanischen Filmemacherin, Kritikerin und Autorin Chris Kraus, in den USA.

Aufregender und intelligenter ist seitdem kaum mehr über weibliche Subjektivität geschrieben worden. "I Love Dick" kommt wie ein Schlüsselroman daher, ist aber biografisches Vexierbild, literarisches Experiment und Kulturkritik in einem: Die Hauptfigur heißt Chris Kraus, ist wie die Autorin Filmemacherin und mit dem deutlich älteren französischen Theoretiker Sylvère Lothringer verheiratet. Gemeinsam lernen sie den britischen Kulturwissenschaftler Dick kennen, in den sich Chris verliebt. Im Wechsel mit ihrem Ehemann beginnt sie, Dick Briefe zu schreiben, die sie jedoch nur einander lesen lassen. "Weil wir keinen Sex mehr haben, versuchen wir eine andere Art von Intimität", so Kraus.

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Chris Kraus:
I Love Dick

Sprache: Englisch.

Atlantic Books; 288 Seiten; 18,90 Euro.

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In den folgenden Jahren steigert sich ihre Liebe zu Dick, sie bleibt jedoch unerwidert. Von der Intensität der Ablehnung angetrieben beginnt Kraus, über ihren Status in einem Umfeld zu reflektieren, das von Männern wie Mike Kelley, Félix Guattari oder eben ihrem Ehemann dominiert wird. Über ihr Begehren und das Schreiben darüber findet sie zu einer neuen Subjektivität als Künstlerin und Frau.

Die Ergebenheit an einen Mann hat ihre persönliche und intellektuelle Befreiung zur Folge - was auch die Emanzipation von der französisch geprägten Theorie bedeutet, da diese keine komplexe Weiblichkeit denken kann. Insofern bildet "I Love Dick" auch die perfekte Ergänzung zu Philipp Felschs "Der lange Sommer der Theorie". In Großbritannien ist "I Love Dick" vor kurzem erst erschienen und dort in einem Akt nachholender Gerechtigkeit vielfach besprochen und gelobt worden. Hoffentlich kommt 2016 endlich die deutsche Übersetzung.

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hpi