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"Invasion der Barbaren": Kulturpessimismus und Krisenrhetorik

Foto: Sebastian Willnow/ dpa

Sprache und Kulturpessimismus Viel Glück und viel Segen mit der AfD

Von linken Globalisierungskritikern bis zu den Sprachbewahrern der neuen Rechten: In "Die Invasion der Barbaren" widmet sich "Merkur"-Herausgeber Christian Demand Kulturpessimisten und ihrer Krisenrhetorik.
Von Oskar Piegsa

Das "ß" wankt, aber es steht noch. Seit der Rechtschreibreform von 1996 ist der Buchstabe zu einem Bekenntnissymbol geworden, das unabhängig von der politischen Gesinnung eines Autors dessen Nichteinverstandensein mit dem verordneten Sprachgebrauch anzeigt. Manchmal ist das "scharfe S" auch eine Warnung: Wo es auftaucht, wird oft scharf gedacht und mindestens ebenso scharf polemisiert, ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Leser. In ihrer Oktoberausgabe meldete die Redaktion der Zeitschrift "konkret", in Zukunft auf das "ß" verzichten zu wollen, "jedenfalls dort, wo der Buchstabe unter Lesern und Leserinnen zunehmend für Irritationen gesorgt hat". Mancher wird das bedauern: Für Irritationen zu sorgen ist schließlich eine der Stärken dieser kratzbürstigen Zeitschrift.

Christian Demand, der als Herausgeber des "Merkur" eine ebenfalls kleine und traditionsreiche Kulturzeitschrift leitet, die ihren Lesern das Fürchten und Denken lehrt, ist zu solchen Kompromissen noch nicht bereit. "Daß", so beginnen die Sätze seiner Essays immer wieder, "Daß sich die Kunstgeschichte ...", "Daß Kultur also ...", "Daß darin ein Problem liegen könnte …". Jedes Mal ist es wie der Peitschenschlag eines Tigerdompteurs auf den Manegenboden, mit dem er sein Publikum gemahnt: Achtung, hier passiert gleich etwas Gewagtes, vielleicht sogar etwas Gefährliches, unbedingte Aufmerksamkeit ist erforderlich! Der Buchstabe passt zum Stil. Er ist streng, altmodisch und unbedingt bereit, anzuecken.

"Die Invasion der Barbaren" heißt Demands neues Buch. Es ist eine Sammlung von Essays, die in den vergangenen Jahren teils im "Merkur", teils an anderer Stelle erschienen sind, und die der Kritik des Kunst- und Kulturbetriebs gewidmet sind. Dieser, so schildert es Christian Demand, bewegt sich in seinem Reden und Nachdenken irgendwo zwischen Konfliktvermeidung und Weltuntergangsstimmung. Demand poltert dagegen an.

Die Mehrheit der Kunstkritik nennt er beispielsweise "intellektuell hoffnungslos verwildert", eine Mischung aus "Anmaßung, Halbwissen und Schaumschlägerei". Zugleich weigert sich der Autor, in die selbst zum Klischee erstarrte Kritik der Kunstkritik einzustimmen, sondern stellt lieber grundsätzliche Fragen: Wenn heute keine verbindliche Definition für Kunst existiert, wenn Kunst alles und nichts sein darf, wie kann man dann noch Kunst lehren und kritisieren in der Überzeugung, dass es etwas gibt, das nur die Kunst kann? Wie kann man ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass die Kunst - oder besser: die Summe aller Künste, die heute praktiziert werden - uns zu besseren, klügeren, freieren Menschen macht?

Rabiate Kulturbewahrer

Man darf sich vom "ß" und von der impliziten Modernekritik nicht auf die falsche Fährte locken lassen: Christian Demand fordert nicht die Rückkehr zur Akademiemalerei oder zu einer dogmatisch abgesicherten Kunstkritik. Ganz im Gegenteil gelten seine Volten den rabiaten Kulturbewahrern und Kulturverteidigern. Er wundert sich darüber, dass jeder Museumsneubau brav beklatscht und mit dem Verweis auf den Schutz "unseres" kulturellen Erbes gelobt wird - aber nicht darüber gestritten wird, was dieses Erbe ausmacht und zu welchem Zweck es erhaltenswürdig ist.

Er wundert sich auch, wenn unter Bildungsbürgern vom Fernsehen als manipulativer Scheinwelt die Rede ist, die Kunst (einschließlich der Videokunst) von diesem Verdacht aber pauschal freigesprochen wird. Und er wird spöttisch, wenn Kulturpolitiker die kritischen Nachfragen ihrer Bürger mit dem Kommentar wegwischen, Kunst habe "noch nie die Aufgabe gehabt, nur zu gefallen" und wer damit nichts anfangen könne, sei eben selbst Schuld. "Demokratische Kirmes", so übertitelt Christian Demand seinen Essay zur Kunst am Bau.

Der Titel des Buches "Die Invasion der Barbaren" bezieht sich auf die Krisenrhetorik, die Demand unter Verteidigern der Opernsubventionen ebenso ausmacht wie unter jenen der Volkskultur (etwa der vom Hochdeutschen und vom "Denglischen" bedrohten Mundart). Und der sich, wie man hinzufügen könnte, manche linke Globalisierungskritiker ebenso anschließen wie Frauke Petry von der AfD, die sich grämt, wenn Kinder auf Geburtstagsfeiern "Happy Birthday" singen statt "Viel Glück und viel Segen".

Fragwürdig sei daran bereits die Vorstellung, dass es in der Kultur ein Innen und ein Außen gebe, schreibt Demand, und düster die Vermengung von Kultur und Identität. "Welches wäre nach dieser These wohl meine kulturelle Identität?", fragt Demand. "Gelte ich kulturell als Europäer? Gelte ich als Deutscher? Oder, weil in München gebürtig, als Bayer? Ist die bayrische Küche also Teil meiner Identität? Und was habe ich davon zu halten, daß ich persönlich liebend gern auf Knödel mit Biersoße verzichte und mir stattdessen vorzugsweise Italienisches schmecken lasse - habe ich möglicherweise bereits meine Identität verloren?"

Wenn man Kunst und Kultur bewahren will, das lernt man bei Christian Demand, dann muss man anders argumentieren als mit Untergangsszenarien durch eine Bedrohung von Außen. Dann muss man tun, was seit jeher die Aufgabe des Kritikers ist, der Demand in "Die Invasion der Barbaren" mit der gebotenen Strenge und mit einem beneidenswerten Scharfsinn nachgeht: Unterscheidungen machen. Floskeln hinterfragen. Dem Zeitgeist und dem Konsens erstmal misstrauen - auch und gerade dem des eigenen Betriebs.

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