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Christoph Hein: Armer kleiner Boche

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Deutschlandroman von Christoph Hein Mein Vater, das Gespenst

Der Alte war ein Kriegsverbrecher, der Junge will die Welt umarmen. Christoph Hein erzählt in seiner großen Deutschlandchronik "Glückskind mit Vater" von der Unmöglichkeit, sich der Geschichte zu entziehen.

Deutsches Kriegsverbrecherkind, liebevoll umsorgt von ehemaligen Mitgliedern des französischen Widerstands: Das ist vielleicht die wundersamste Wendung in Christoph Heins an wundersamen Wendungen reichen, neuen Roman. 60 Jahre deutscher Geschichte breitet der Autor in "Glückskind mit Vater" aus, von der Menschenvernichtung im Zweiten Weltkrieg über die Teilung des Landes bis zur Wiedervereinigung. Mittendrin der Ich-Erzähler, der das Unheil der deutschen Geschichte wie Wunden am eigenen Körper trägt. Und doch nirgendwo Heilung findet.

Eben nicht mal im sonnigen Marseille, wo es ihn Ende der Fünfzigerjahre hinverschlägt und wo er von vier älteren Herren aufgenommen wird, die früher in der Resistance waren. Der Junge beherrscht vier Sprachen, in dem Antiquariat eines ehemaligen Widerstandskämpfers findet er als Übersetzer Anstellung. Der Besitzer stellt ihn seinen alten Kameraden vor. Die spendieren ihm Bouillabaisse, Seeigelfilet und Rotwein, versorgen ihn mit Literatur und kommen großzügig für das Abitur auf der Abendschule auf. Sie nennen den Fremden "unseren kleinen Boche"; die Fürsorge mag für sie ein Schritt zur Versöhnung sein. Nicht alle Deutschen sind böse.

Was die ehemaligen Widerständler nicht wissen: Der Junge ist das Kind eines hingerichteten NS-Bonzen und Fabrikbesitzers, der in seinem ostdeutschen Heimatort ein KZ errichten wollte, um die Insassen zur Gummiproduktion einzuspannen, bis diese umfallen. Noch vor Ende des Krieges machten die Polen in einem Schnellgericht kurzen Prozess mit dem Alten und hängten ihn auf, der Junge lernte ihn nie kennen. Und doch verfolgt ihn der Tote - auch weil dem Sohn als Kriegsverbrecherkind im neuen antifaschistischen Deutschland alle Wege zu Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe versperrt sind. Vaters Name, ein Fluch.

Heile, heile Boches

Die Flucht nach Südfrankreich, die Mauer ist noch nicht gebaut, könnte also der erste Schritt zur Erlösung sein. Christoph Hein beschreibt Marseille als Sehnsuchtsort: Der Junge lebt und arbeitet mit den verschiedensten Sprachen, bei Kinobesuchen macht er mit der französischen Nouvelle Vague Bekanntschaft.

Christoph Hein

Christoph Hein

Foto: Heike Steinweg/ Suhrkamp

Man wird das Gefühl nicht los, Hein hätte sich beim Verfassen der Frankreichpassagen von den Biografien Godards und Truffauts inspirieren lassen; wie diese beiden unbehausten Glückskinder des französischen Kinos findet auch Heins unbehaustes Glückskind ältere Mentoren, die ihn einführen in die Welt der Lichtbildkunst. In Filmklubs entdeckt der Junge, fern der Heimat, die Stummfilme der alten deutschen Meister wie Friedrich Wilhelm Murnau, die ihn mit der deutschen Geschichte versöhnen.

"Heile, heile Boches!" hat die große Hamburger Politband Kolossale Jugend mal ein Album betitelt. Eine ironische Anspielung auf die deutsche Sehnsucht, dass man nur ordentlich pusten müsse, auf dass die Wunden der deutschen Geschichte schnell verheilen mögen. Auch für den kleinen Boche in "Glückskind mit Vater" bleibt die soziale und kulturelle Genesung Illusion. So wie in "Nosferatu", Murnaus Vampir-Drama, der Blutsauger einen monströsen Schatten auf seine Opfer wirft, so hält auch der unbekannte, untote Vater Heins Helden fest im Griff.

Eine Auflösung des inneren Dramas ist also nicht in Sicht. Hein nutzt diese Verzweiflung des Getriebenen als Motor, der ihn durch die Umbrüche der deutsch-deutschen Geschichte treibt. Der Schriftsteller fabuliert abenteuerlich, aber auch mit feinem Gespür für die Ambivalenzen des Stoffes. So kehrt der junge Held just in dem Moment in die DDR zurück, als diese von der Regierung eingemauert wird. Die Aufnahme auf die Filmhochschule in Babelsberg wird dem jungen Mann trotz bester Filmkenntnisse verweigert, doch über Umwege bringt er es zum stellvertretenden Schulleiter eines Provinzgymnasiums.

Erstaunlich, welchen erzählerischen Sog Hein entwickelt, während er seinen Helden von System zu System hoppen lässt, ohne ihn in einem davon ankommen zu lassen. Vergessen ist des Schriftstellers erratische RAF-Elegie "In seiner frühen Kindheit ein Garten" oder der larmoyante Akademiker-Abgesang "Weiskerns Nachlass". Heins neuer Roman ist ein Großwerk wie "Landnahme", sein vielstimmiges Wendepanorama aus dem Jahr 2004, in dem er zeigte, wie der Mensch immer wieder in die Gemeinschaft, die Gesellschaft, die Geschichte zurückgezogen wird, denen er glaubt, entkommen zu sein.

Für den Weltenbummler, Systemwechsler und, auch das, europäischen Glücksritter in Heins neuem Buch heißt das: Er kann die ostdeutsche Kleinstadt verlassen, aber die ostdeutsche Kleinstadt kann ihn nicht verlassen. Weil Geschichte sich nicht einfach auflöst, auch wenn die Ideologien wechseln. Ein großer deutscher Roman.

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