Amoklauf eines Bankers In der Hölle der Finanzindustrie

Hass auf Nazis, Karrieristen und den Rest der Welt: Im Roman "Die schreckliche Wirklichkeit des Lebens..." erzählt Christoph Höhtker vom verbalen Amoklauf eines Bankmitarbeiters - Melancholie und Zynismus verschmelzen zu einem furiosen Ganzen.

"Die schreckliche Wirklichkeit des Lebens...": Abkotzen im Business-Hotspot
Corbis

"Die schreckliche Wirklichkeit des Lebens...": Abkotzen im Business-Hotspot

Von Thomas Andre


Der Mann ist ein Arschloch. Einer, der mit misanthropischem Furor durch sein Leben walzt. Lieber aber noch durch das anderer. Dabei trifft er Aussagen wie jene, wonach der Kurzhaarschnitt einer Bekannten "widerlich pragmatisch" sei und die Mäßigung der Südländer beim Trinken "widerwärtig". Die Romanfigur Frank Stremmer ist ständig bedröhnt. Wie im Rausch erzählt Stremmer vom schicksalhaften Sommer des Jahres 2008, als unmittelbar vor dem Finanzsystem sein Leben in der Schweiz implodiert. Mit seiner Dauerfreundin verbindet ihn, als sie sich nach Deutschland absetzt, nur die bleierne Routine des Alltags. Und weil im Büro Ungemach droht, schickt ihn sein englischer Proll-Chef auf Geheimmission. Der frustrierte Stremmer ist PR-Mann einer natürlich global agierenden Bank und soll durch Bestechung für bessere Presse sorgen.

Lebensgefährtin weg, Job in Gefahr - dem 1967 geborenen Debütanten Christoph Höhtker genügen in der etwas ungelenk betitelten literarischen Kriegserklärung "Die schreckliche Wirklichkeit des Lebens an meiner Seite" zwei schlichte Voraussetzungen, um seinen Helden verbal Amok laufen zu lassen. Es sind sein eigenes, gescheitertes und kümmerliches Leben und der Business-Hotspot Genf, gegen den Stremmer zu Felde zieht. Im Visier seines Hasses ist nicht nur die nach Deutschland geflohene Lebensgefährtin, sondern das schweizerisch-kosmopolitische Milieu der Banker, Diplomaten, UN-Bediensteten und Geschäftsleute. Denen begegnet der gescheiterte Journalist Stremmer täglich auf seinen Reisen durch die materialistische Hölle, bei denen Geld jeden Weg pflastert.

Linderung verschafft ihm die Affäre mit einer Japanerin und "Premiumasiatin" ("schneeweißes Bikinihöschen, 0,0 Prozent Celluliteanteil"), mehr noch aber das ritualisierte und reaktionäre Abrotzen und Auskotzen über englische "Inselaffen", französische "Froschfresser" und den italienischen "Graf Ravioli", in dem sich auf politisch höchst inkorrekte Weise Unwohlsein über Mentalitätsunterschiede und die Zwänge der Arbeitsmigration äußert. Die beleidigenden Nationalismen werden auf die Spitze getrieben, wenn Stremmer sich selbst und andere Deutsche fortgesetzt als "Nationalsozialisten" bezeichnet oder ostdeutschen Kellnerinnen in Zürich "rasche, abgehackte und in ihrem Wesenskern zweifellos nationalsozialistische Bewegungen" attestiert.

Pubertär-provokative Behauptungen

So weit, so gewöhnungsbedürftig. Was freilich nach einem schlechtgelaunten Depressionstext klingt, ist in Wahrheit ein hochkomisches Vergnügen, auch wenn am Ende der Geschichte, deren dramatischer Höhepunkt eine Krisensitzung mit dem Bankvorstand ist, einer sterben muss. Lustig ist Höhtkers Roman allerdings nur, wenn man denn auf pubertär-provokative Behauptungen en bloc steht und etwas für überreizte, frauenfeindliche und zynische Neurotiker übrig hat, deren Hauptstilmittel die resignative Übertreibung und die unbedingte Härte im Weltbild ist. In dem ist Schönheit nun einmal vergänglich - "böser noch als die Menschen" erscheint Stremmer in Hinblick auf diese allerdings "die Natur, die den Kinderwunsch erfand, um all das zu vernichten".

Am Ende der Überlegungen muss gar kein Erkenntnisgewinn stehen. Hauptsache, die Sache mit der Komplexitätsreduktion hat wieder einmal hin gehauen. Tatsächlich negiert sich dieses auf seltsame Weise geglückte Buch permanent selbst, wenn seine sich nur um sich selbst drehende Hauptfigur im polyglotten Genf über ihr Hauptleiden räsoniert: "Absolut jede Sprache ist hässlich. Absolut jede Verständigung ist überflüssig. Es gibt überhaupt keine Ausnahmen. Sprachen sind unerträglich, weil sie Sprachen sind."

Der Autor Höhtker interessiert sich nicht wirklich für die Sozialfigur des Bankers, die in den vergangenen Jahren zu trauriger Berühmtheit gelangt ist - der Fokus seines Romans liegt ganz auf Stremmer, dem PR-Mann. Allerdings gefällt es Höhtker, die Branche mit einer gehörigen Portion Trotz auszustatten, wenn er Stremmer sagen lässt: "Seitdem es in der Geldbranche zu kleineren Problemen gekommen ist und einige Spatzenhirne bereits das Ende von Kapitalismus, Gier und Ausbeutung gekommen sehen, finde ich es wieder richtig geil, überall zu erzählen, dass ich in der Finanzindustrie arbeite."

Natürlich erinnert Höhtkers Wirklichkeitsentwurf auch an die kühl durchsexualisierten Identitätsmodelle Michel Houellebecqs, in denen stets Melancholie und Zynismus furios verschmelzen. Stremmer ist ein kaputter Typ, aber er ist ein viel eloquenterer "Sickster" als die Figuren in Thomas Melles gleichnamigem Roman. Und er ist in seinem Ekeluniversum ("Es ist absolut faszinierend, wie klischeehaft alles ist, was ich mache") ein Bruder von Christian Krachts legendärer "Faserland"-Hauptfigur. "Die schreckliche Wirklichkeit des Lebens an meiner Seite" ist wie "Faserland" ein Ausbund an Bösartigkeit. Und ein im Grunde hochmoralisches Buch mit einfacher Botschaft: Geld macht auch in der Schweiz nicht glücklich.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Rainer Merkels "Bo", Fritz Rudolf Fries' "Last Exit to El Paso", Clarisse Thorns "Fiese Kerle", James Fenimore Coopers "Der letzte Mohikaner", Adam Johnsons "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do".

insgesamt 4 Beiträge
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Newspeak 05.06.2013
1.
Und ein im Grunde hochmoralisches Buch mit einfacher Botschaft: Geld macht auch in der Schweiz nicht glücklich. Wenn Geld nicht glücklich macht, bin ich gerne bereit, das Unglück der Welt auf meine Schultern zu nehmen. Ansonsten besteht das Unglück mit solchen Büchern über eloquente Außenseiter darin, daß solche Typen in der Realität leider doch zu den Verlierern gehören. Außer in den alle 200 Jahre stattfindenden Revolutionen der einen oder anderen Art setzt sich doch zumeist der angepasste Langweiler durch. Deshalb ist die Welt auch in diesem traurigen Zustand.
dieteroffergeld 05.06.2013
2. Was soll das?
Sollte der Autor auch nur ganz weit hinten in seinem Hirnstüberl so etwas wie Nachsicht oder "Mitleid" beim Schreiben gefühlt habe oder er erwartet dies gar beim Leser, dann aber ganz schnell dieses Ouvre in die Tonne treten. Es ist ein Graus, was sich da so mancher Romancier zusammenphantasiert. Aber was bei pilcher u.a. klappt, könnte fatalerweise auch ihm zustoßen. Dicker reibach mit einemlächerliuchen Machwerk. Aber über Kunst und Geschmack lässt sich nicht streiten.
Rahvin 05.06.2013
3. optional
Was ist an der Figur in Faserland bitte legendär? Der Roman war unglaublich nichtssagend, der Protagonist wirkte seltsam losgelöst vom eigenen Handeln, das keinerlei Motivation welcher Art auch immer in sicih trug. Wenn man ihm wenigstens Wut angemerkt hätte, wäre das ja noch erträglich gewesen, aber diese sinnbefreite Existenz in einen glücklicherweisen kurzen Roman zu gießen, hat mir als Leser schon alles abverlangt. Und am Ende stand die Frage: Na und? ich hoffe, das hier besprochene Buch mit langem Titel ist zumindest unterhaltsam. Legendär.
acatinthebrain 06.06.2013
4. optional
Da hat sich wohl einer an einem bestimmten 80er-Jahre Roman von Ellis bedient, der auch schon den "gedanklich-amoklaufenden" Yuppie thematisiert. Nur mit dem Unterschied, dass Ellis dies in "American Psycho" bis auf die Spitze und zur Perfektion treibt.
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