Christoph Meckels "Tarnkappe" Ein Krächzen in sommerferner Nebelkälte

Es ist die Schönheit des Klangs, die einem in der Werkschau des großen deutschen Lyrikers Christoph Meckel immerfort begegnet. Was für ein Sprachgenuss!

Christoph Meckel: Diese kraftvoll raue, suggestive Laut- und Schwarzmalerei
Annette Pohnert

Christoph Meckel: Diese kraftvoll raue, suggestive Laut- und Schwarzmalerei


Unscheinbarer ist ein Debüt kaum denkbar. Klein wie eine Zigarettenschachtel ist das Buch, das 1956 erscheint, im Todesjahr von Brecht und Benn, und unter dem schützenden "Schirm verfinsterter Monde" tritt der junge Dichter Christoph Meckel mit den sieben Gedichten seines Winzlings hervor. Er ist 20 Jahre alt, auf Abenteuer aus, aber er hat auch sonst eine Menge vor: " Ich muss mit meinem Namen leben lernen/ und mit meinem Alter hausieren gehn " .

Jugendlich, fast keck klingen diese Verse, doch ihr Titel taucht den unbekümmerten Ton in einen melancholischen Schatten: "Tarnkappe", ein "Lebenswort", wie Meckel einmal erklärt hat. Ein Schutzding, um sich im Erkennengeben nicht zu verlieren; sein Dichten, zur Klarheit drängend, zuweilen bis nah ans Unkenntliche nuanciert, kann man als Suche nach der passenden Form verstehen, und wenn jetzt die "Gesammelten Gedichte" unter dem Titel des Debüts vorliegen, verblüfft die Vielfalt, mit der Meckel über 60 Jahre hinweg zu dichterischer Gestalt gefunden hat.

Von Gelegenheitsversen und Stimmungsgedichten über Lieder, Balladen, Gesänge, Sonette reicht die Spannbreite bis zu den weit ausholenden Zyklen der "Komödien der Hölle". Erstmals vollständig erkennbar ist das lyrische Werk eines großen Dichters der Nachkriegsmoderne, das sich in der Gesamtschau auch als Künstlerroman lesen lässt, mit Spuren eines Lebens zwischen Berlin und Südfrankreich, phantastisch bevölkert von Figuren aus der Bibel und den Mythen, den Lebenden und den Toten, in Begleitung der Engel und in der Abwesenheit Gottes.

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Der Schönheit, auch des Klangs, hat Meckel sich nicht widersetzt, ohne sich je ins Liebliche zu verirren, und schon früh, zu einer Zeit, als Ingeborg Bachmann den "großen Bären" anrief und Enzensberger die Wölfe verteidigte, nahm Meckel selbst die Gestalt eines Raben an, verdammt zum Krächzen in sommerferner Nebelkälte: "Ich kann nicht beweisen, dass ich wei ß war " .

Womöglich ein Irrtum: Niemals klang ein Krächzen auf einer Lesung so voll, klar und widerborstig wie im Juli diesen Jahres, an einem Abend zu Ehren von Meckels 80. Geburtstag in Hamburg. Nora Bossong, Christian Lehnert und Michael Krüger lasen, Uwe Kolbe lauschte im Publikum, und als Jan Wagner dem Jubilar im trotz Hitze proppevollen Literaturhaus "Die Krähe" vortrug, diese kraftvoll raue, suggestive Laut- und Schwarzmalerei, meinte man doch tatsächlich, unter den Möwen über der Alster einen weißen Raben zu sehen.

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Hans-Jost Weyandt



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