Chronist der Grausamkeiten Schriftsteller Aleksandar Tisma gestorben

Der serbische Schriftsteller Aleksandar Tisma ist im Alter von 79 Jahren gestorben. Der Sohn eines Serben und einer ungarischen Jüdin machte sich einen Namen als akribischer Chronist der Grausamkeiten des Zweiten Weltkrieges. Zu seinen bekanntesten Werken gehört der Roman "Der Gebrauch des Menschen".


Schriftsteller Tisma: "Ich hasse das Chaos, den Nebel in den Köpfen"
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Schriftsteller Tisma: "Ich hasse das Chaos, den Nebel in den Köpfen"

Belgrad - Tisma erlag am Sonntag in seiner Heimatstadt Novi Sad einer schweren Erkrankung. Dort wird er auch an diesem Dienstag beerdigt, teilte die Serbische Akademie der Wissenschaften und Künste mit, deren Mitglied Tisma war. Die Belgrader Presse würdigte den Verstorbenen am Montag als einen der "großen Schriftsteller Europas".

Tisma erzählt in Prosawerken wie "Der Gebrauch des Menschen", "Schule der Gottlosigkeit" und "Das Buch Blam" von den politischen Auseinandersetzungen während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit in der multi-ethnischen Vojvodina und in deren Hauptstadt Novi Sad. Er verfasste auch Gedichte und Theaterstücke und war als Übersetzer literarischer Werke tätig.

"Ich hasse das Chaos, die Trunkenheit, den Nebel in den Köpfen", sagte Tisma einmal in einem Interview. "Die Literatur bietet die Möglichkeit der Auswahl, also die Freiheit, und zwar in einem viel größerem Ausmaß als das Leben selbst", meinte er nach der Veröffentlichung seiner 1000 Seiten umfassenden Tagebücher vor zwei Jahren in Novi Sad.

Tisma wurde am 16. Januar 1924 als Sohn eines Serben und einer ungarischen Jüdin an der Grenze Jugoslawiens zu Ungarn geboren. Er studierte in Belgrad Deutsch, Englisch und Französisch und absolvierte eine Ausbildung als Journalist. Mit dem Schreiben begann er bereits als 16-Jähriger. Sein erster Gedichtband "Die bewohnte Welt" erschien 1956. Von 1961 an veröffentlichte der Schriftsteller vorwiegend Erzählungen und Romane, die von Kritikern vor allem wegen der feinen psychologischen Durchdringung menschlicher Schicksale gelobt wurden.

Der Roman "Der Gebrauch des Menschen" von 1976 wurde zum internationalen Bestseller und gilt als bedeutendstes Werk Tismas. Es spielt während des Zweiten Weltkriegs in Novi Sad, das von Ungarn okkupiert war, bis Titos Partisanen die Stadt befreiten. Der Roman erschien 1991 auch in deutscher Übersetzung und fand den einhelligen Beifall der Kritiker. Für seine Werke wurde Tisma im früheren Jugoslawien und auch international geehrt. So erhielt er 1996 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Im vergangenen Jahr wurde Tisma zum Mitglied der Berliner Akademie der Künste gewählt.



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