Chuck Palahniuk Prosa an der Schmerzgrenze

Vom "Fight Club" zum Flugzeug-Desaster: Mit seinen provozierenden Romanen etabliert der US-Schriftsteller Chuck Palahniuk einen neuen, fernsehgerechten Prosa-Stil - und erobert die Bestsellerlisten als unbarmherziger Chronist des gesellschaftlichen Verfalls.
Von Andreas Busche

Wenn Chuck Palahniuk mal die Ideen ausgehen, geht er kurz in den Garten zum Holz hacken. Danach kehrt er an seinen Computer zurück. Steht man dem Autor von "Fight Club", "Der Simulant" und "Flug 2039" dann das erste Mal gegenüber, könnte man sich gut vorstellen, dass er seinen "writer's block" auch gerne mal überwindet, indem er im Wald einen Hirsch mit bloßen Händen erlegt. Palahniuk ist ein großer, sehniger Typ mit einem Hals wie ein Rollkragenpullover-Model, der zu seiner Lesung in Militärhose und ärmellosem Jeanshemd erscheint. Er sieht aus, wie sich seine Bücher lesen. Dieses physische Auftreten durchzieht auch die Sprache seiner Bücher, bis hin zur Stakkato-Rhythmik seiner Sätze. Körperliche Arbeit, sagt er, gehöre für ihn genauso zum kreativen Prozess des Schreibens wie das Schreiben selbst. Erst in der kontemplativen Leere eines sinnlosen Arbeitsablaufs könne ein Raum entstehen, in dem seine bruchstückhaften Ideen Form annehmen.

Palahniuks Geschichten, im Durchschnitt etwa 300 Seiten stark, drohen unter dieser Ideenwut fast zu bersten, zumal seine Figuren einem enormen sozialen Druck standhalten müssen. Seine Romane sind anti-epische Gesellschaftsromane über Typen, die die Gesellschaft irgendwann einfach vergessen wollte und die auf diese Zurückweisung mit (auto-)aggressiver Verzweiflung reagieren. Hoffnungslose Resozialisierungsfälle, traurige Figuren, die unter Palahniuks Zynismus allerdings noch am wenigsten zu leiden haben. Denn das panoramatische Gesellschaftsbild, das sich in seinen Romanen erschließt, ist verheerend. Amerikanische Kritiker nennen Palahniuk seit seinem Debüt-Roman "Fight Club", der mit Brad Pitt und Edward Norton in den Hauptrollen auch zu einem Hollywood-Blockbuster wurde, einen Chronisten des gesellschaftlichen Zerfalls, den apokalyptischen Reiter unter den neuen amerikanischen Hipster-Autoren wie Denis Johnson, JT LeRoy oder Mark Z. Danielewski.

"Dangerous Writing", gefährliches Schreiben, nennt Palahniuk seine Methode nach einem alten Blockseminar an der Universität von Portland, das er als Literaturstudent einst besuchte. "Flug 2039", sein zweiter Roman von 1999, der in Deutschland jetzt nach "Fight Club" und "Der Simulant" erscheint, ist ein Paradebeispiel für den Palahniuk-Stil - physische wie kinematische Prosa an der Schmerzgrenze: knappe Sätze, Wiederholungen, Vermeidung direkter Rede, Flash Cuts. Absolute Verknappung. "Die Leute," erzählt Palahniuk über seine Arbeitsweise, "sind es heute einfach nicht mehr gewohnt, sich mit größeren Textmengen auseinander zu setzen. Man muss versuchen, dieser Entwicklung zu folgen, ohne den Leser zu unterfordern. Für mich ist das eine Form von Minimalismus: Dynamik durch Reduktion."

"Humor ist entscheidend"

Die Geschichte von "Flug 2039" beginnt wie immer bei Palahniuk am Ende und wird von einem Untoten erzählt. Zehntausend Meilen über den australischen Outbacks sitzt Tender Branson im Cockpit einer leeren Passagiermaschine und wartet darauf, dass die letzten Treibstoffreserven zur Neige gehen. Soviel Zeit bleibt ihm noch, seine Geschichte für Nachwelt zu hinterlassen, und er erzählt sie direkt in die Blackbox - seine große Lebensbeichte. "Der einzige Unterschied zwischen Selbstmord und Märtyrertum liegt in der Medienberichterstattung," hat er am Ende eines höllischen Lebens gelernt. Als letzter Überlebender einer Todessekte ist er von Marketingspezialisten, Chirurgen und Ultra-Fundamentalisten zu einem Medienguru gepusht worden, die Farm seiner Familie wurde in eine gigantische Müllkippe der amerikanischen Porno-Industrie verwandelt und seine Freundin hat ihn auch verlassen.

"Humor," sagt Palahniuk, "ist entscheidend, wer würde sich sonst um deine Geschichten scheren? Ohne diesen Humor wären meine Geschichte nichts anderes als diese Tränendrüsen-Schinken aus dem Oprah-Buchclub."

Die soziale Groteske, die sich aus den Biografien seiner Figuren herausschält, trägt panische Züge. In "Fight Club" besucht die Hauptfigur Krebs-Selbsthilfegruppen, um sich am Leiden seiner Mitmenschen wiederaufzupäppeln. Tender Branson nutzt Selbstmord-Hotlines, um Mädchen kennen zu lernen. Und in "Invisible Monsters", das in Deutschland noch auf eine Veröffentlichung wartet, füttern ein Transvestit und ein entstelltes Ex-Supermodel einen harmlosen Tramper mit Aufbaupräparaten für eine Geschlechtsumwandlung.

Ein amerikanischer Kritiker hat Palahniuks Bücher mal als "perfekten Kommentar unserer Apokalypse-fixierten Zeit" beschrieben. Palahniuk hat mit seinem scharfen Erzählton zweifellos einen Nerv getroffen, der nicht mehr nur eine kultische Subkultur-Fraktion begeistert. Seine letzten beiden Bücher "Der Simulant" und "Lullaby" hatten es bis in die Bestsellerlisten der "New York Times" geschafft.

"Ich weiß nicht, ob meine Romane apokalyptisch sind," wiegelt Palahniuk ab, "es sind eher Anthologien meines eigenen Lebens. Ich beobachte meine Umwelt, rede mit den Menschen; fremde Leute haben mir Geschichten erzählt, die man besser gar nicht erfinden könnte. Inzwischen ist fast jeder meiner Freunde in meinen Büchern verwurstet worden. Ob ich zynisch bin? Das Material meiner Geschichten entspringt dem Alltag. Ich muss es nur noch kompilieren."

Die Filmrechte zu "Flug 2039" sind schon vor Jahren für viel Geld verkauft und dann wie eine heiße Kartoffel herumgereicht worden. Spätestens seit dem 11. September 2001 ist die Realisierung dieses Projeks in weite Ferne gerückt. Ein Film über einen Verrückten, der in einer Kamikazeaktion ein Passagierflugzeug zum Absturz bringt, ist gerade noch etwas zu früh für das amerikanische Kinopublikum. Dem "Apokalyptiker" Palahniuk ist seine Vision zum Verhängnis geworden. Aber der Film wird kommen, früher oder später. Er vertraut der masochistischen Ader seiner Landsleute, ihrem pervertierten Selbstzerstörungstrieb. Er hat Bücher darüber geschrieben.









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