"Trisolaris"-Autor Liu Cixin Vom Ende der Science-Fiction

Vor ein paar Jahren arbeitete Liu Cixin noch in einem Wasserkraftwerk in der Provinz. Heute ist der Chinese ("Die drei Sonnen") ein gefeierter Bestsellerautor.
Liu Cixin

Liu Cixin

Foto: zhangshibo/ zhangshibo - Imaginechina

Das Ende ist nah, sagt Liu Cixin, er sieht es schon kommen. Der Bestsellerautor aus China meint nicht etwa den bevorstehenden Weltuntergang. Er redet vom Ende der Science-Fiction.

Das spekulative Genre hat noch ein paar Jahre vor sich, sagt Liu. Dann sei es Geschichte. Zu schnell schreite der technologische Fortschritt voran; in ein paar Jahren werde er den Schriftstellern auch das letzte bisschen Vorstellungskraft geraubt haben. Dann: Ende, aus, vorbei. "Diese Erfindung", sagt er und zeigt auf sein Smartphone, "ist mehr Science-Fiction als das meiste, das dieses Genre hervorgebracht hat. Die Technologie hat unsere Fantasie überholt."

Es ist ein Mittwoch im Oktober, Liu Cixin - schwarze Hornbrille, T-Shirt, Kurzhaarfrisur - sitzt im Konferenzraums eines Hotels in Berlin-Mitte. Es ist eine bizarre Situation: Liu, der Star der Science-Fiction-Szene, hält eine Grabrede auf das Genre, das ihm zum internationalen Durchbruch verholfen hat. Im 19. Jahrhundert sei die Begeisterung für technologischen Fortschritt der Motor für die Entstehung der Science-Fiction gewesen, sagt Liu.

Technik jenseits der Vorstellungskraft

Aber heute habe ebendieser technologische Fortschritt so viel Tempo und ein solches Ausmaß angenommen, dass die menschliche Imagination nicht mehr Schritt halten könne. Technologie als Geburtshelfer und Totengräber der spekulativen Literatur. "Eigentlich müsste ich in der verbleibenden Zeit schreiben, was das Zeug hält", sagt Liu. Aber hier beginnt das Problem.

Lius Aufstieg zum Feuilleton-Liebling gleicht einem Märchen. Geboren und aufgewachsen ist er im Norden Chinas, in der Stadt Yangquan, mit anderthalb Millionen Einwohnern für chinesische Verhältnisse ein Provinzkaff. Bis vor wenigen Jahren arbeitete er als Ingenieur in einem Wasserkraftwerk. Nach Feierabend tauchte er im Internet in die Tiefen der Himmelsmechanik ein, las Arthur C. Clarke und schrieb an eigenen Science-Fiction-Texten. 2006 veröffentlichte er die Geschichte "Die drei Sonnen", den ersten Teil seiner gefeierten "Trisolaris"-Trilogie, als Fortsetzungsroman in dem chinesischen Magazin Science Fiction World.

Der Rest ist Geschichte: 2008 folgte die Buchveröffentlichung in China, 2014 dann die Übersetzung ins Englische. 2015 wurde das Buch - als erstes Werk eines asiatischen Autors überhaupt - mit dem Hugo Award ausgezeichnet, einem der wichtigsten Preise für Science-Fiction-Literatur. 2017 schwärmte Barack Obama in einem Interview mit der New York Times von dem Resonanzraum des Romans. 2017 erschien dann, mit einer fast schon fantastisch anmutenden Zeitverschiebung von rund zehn Jahren, die deutsche Übersetzung. Mittlerweile ist auch der zweite Band der "Trisolaris"-Trilogie, "Der dunkle Wald", auf Deutsch erschienen; der dritte Teil, "Jenseits der Zeit", ist für das kommende Jahr angekündigt.

Kurz: Heute ist Liu ein Star, der hofiert wird. Sein deutscher Verlag quartiert ihn in Fünfsternehotels ein und trägt ihm das Frühstück hinterher. Auf seine Romane druckt er - in eurozentrischem Marketingjargon - den Superlativ "Weltbestseller".

Nur, was kann man noch schreiben, wenn man einen "Weltbestseller" gelandet hat?

Ein paar Tage zuvor, Liu sitzt im Kreis von deutschen und chinesischen Kultur-Funktionären in einem italienischen Restaurant in Essen. Kurz zuvor hat er auf dem Literaturfestival lit.RUHR ein Podiumsgespräch geführt, danach hat er Bücher signiert. Gefühlt hat der ganze Saal eine Unterschrift von ihm gewollt, es sind überwiegend Deutsche im Publikum gewesen, aber auch viele Chinesen.

Das Ende ist nah

Jetzt sitzt er über Pasta und Bier und erzählt von seinem Alltag in China. Von seiner Tochter, die mittlerweile auf die Uni geht. Und seiner Frau, die auswärts arbeitet und nur am Wochenende zu Hause ist. Er erzählt, was er so tut den lieben langen Tag. Essen, einkaufen, nachdenken. Etwas schreiben. Das Geschriebene verwerfen. Dann wieder: essen, einkaufen, nachdenken. "Ich habe seit acht Jahren nichts veröffentlicht", sagt er. Das Ende ist nah.

Seinen Erfolg im Ausland kann er sich selbst nicht erklären, sagt Liu. Klar, er könne mutmaßen. Die amerikanische Science-Fiction etwa habe den Zenit überschritten. Auch Geopolitik spiele eine Rolle. Derzeit sei eben Amerika die absteigende und China die aufsteigende Weltmacht. Und das Lob von Multiplikatoren wie Barack Obama und Mark Zuckerberg sei natürlich auch nicht ohne Wirkung geblieben. "Aber all das kann meinen Erfolg nicht in vollem Umfang erklären. Die Wahrheit ist: Ich habe keine Ahnung", sagt Liu.

Nicht ganz unbeteiligt am Hype um den Chinesen dürfte auch die Meldung gewesen sein, wonach Amazon plane, eine Milliarde Dollar für die Rechte an der "Trisolaris"-Trilogie auszugeben. Aber diese Meldung ist wohl eine Nebelkerze. Liu hat die Rechte für die Trilogie schon vor Jahren an eine chinesische Produktionsfirma verkauft. Von einer Amazon-Serie profitiere er finanziell nur, wenn der Streamingdienst ihn als Drehbuchautoren an Bord hole, sagt er.

In die Verhandlungen zwischen Amazon und der Produktionsfirma sei er nicht involviert; die Milliarde könne er deswegen nicht bestätigen. Andere werden da deutlicher: "Die Summe ist Quatsch. Das ist ein Trick, mit dem Aufmerksamkeit erzeugt werden soll", sagt Michael Kahn-Ackermann, der langjährige Leiter des Goethe-Instituts in Peking am Rande der lit.RUHR.

Liu ist ein durch und durch sympathischer Mensch, höflich, bescheiden und auf eine etwas spröde Art witzig. Aber wer ihn über Politik reden hört, der fragt sich, ob es nicht besser wäre, ihn darauf hinzuweisen, dass seine Meinungen in Europa nicht gerade salonfähig sind.

China plant beispielsweise die Einführung eines "Sozialkredit-Systems". Mithilfe von Online-Daten soll nicht nur die finanzielle Bonität, sondern auch das soziale und politische Verhalten der Bürger bewertet werden. Ein positives Rating kann dazu führen, dass Kredite und Visa schnell gewährt werden. Ein negatives Rating kann dazu führen, dass Reisebeschränkungen verhängt werden oder die Internetgeschwindigkeit gedrosselt wird. Kurz: China arbeitet an einer digitalen Dystopie orwellschen Ausmaßes.

Was denkt also der Science-Fiction-Autor über die drohende Dystopie in seiner Heimat?

"In der chinesischen Gesellschaft gibt es sowieso keine Privatsphäre. Mein Nachbar weiß auch ohne Überwachungstechnologie, was ich zu Mittag gegessen habe." Aber wird das Bedrohungsszenario nicht dazu führen, dass sich niemand mehr traut, in der ohnehin schon zensierten medialen Öffentlichkeit etwas Kritisches von sich zu geben? "Die öffentliche Meinung kann außer Kontrolle geraten. Es ist besser, sie zu lenken."

Für seine politischen Positionen wird Liu im Westen keine Preise erhalten. Aber politische Korrektheit ist kein literarisches Gütesiegel. Wer Lius Bücher liest, zieht Gewinn aus ihnen.

Zurück zu Hause, sagt Liu, werde er wieder essen, einkaufen und nachdenken. Über neue Geschichten, verwegene Plots und dreidimensionale Figuren. Er schreibt an gegen den eigenen Erfolg. Und gegen das Sterben der Science-Fiction.

"Ich will nicht der beste Science-Fiction-Autor Chinas werden", sagt er: "Aber der letzte."

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