Starkes Debüt "Teich" Totaler Bruch, völlige Einsamkeit, komplette Literatur

Eine junge Frau in einem Steinhaus in der irischen Pampa: In ihrem unvergleichlichen Debüt "Teich" bricht Claire-Louise Bennett mit allem, was wir über Einsamkeit und Literatur zu wissen glaubten.

"Habe eben mein Abendessen in den Müll geworfen. Ich wusste schon während des Kochens, dass ich das tun würde, deswegen habe ich alles hineingerührt, was ich nicht mehr sehen will." Das ist ein ganzes Kapitel in Claire-Louise Bennetts "Teich". Überschrift ganz nüchtern: "Pfannengericht".

Es ist eines der Kürzestkapitel, mit denen die englische Autorin ihren Debütroman zusammensetzt. Bei dem schon nach ein paar Seiten klar ist: Etwas derartig Unerwartetes, ja: Unvergleichliches bekommt man selten zwischen die Finger. Das Unberechenbare kennzeichnet die Icherzählerin, die Bennett dafür erfand: eine junge Frau, die sich den wissenschaftlichen Locken-auf-Glatzen-Dreh-Betrieb und die Stadt verlässt. Sie landet in einem uralten Steinhaus in der irischen Pampa.

Am Boden jeder Tasche kullert eine Batterie herum

Das Biografische sind nur Fetzen hier und da, es gibt keinen Plot, dessen Kern auf Handlung ausgerichtet ist. "Teich" ist ein Roman, der durch seinen Tonfall und Erzählstil zum Porträt seiner Protagonistin wird. Gebaut aus 20 Facetten, Kapitel wie knappe Gedichte, mal Momentaufnahmen, mal Kurzgeschichten, tagebuchartig ohne Chronologie. Bennett erinnert uns zum Glück daran, dass wir von Literatur überrascht werden wollen - das gelingt ihr in diesem dichten, schwer definierbaren Text so häufig, dass einem die Puste ausgeht. Dass sie für mehr Preise nominiert war, als sie gewonnen hat, macht daher wirklich keinen Sinn.

Autorin Bennett

Autorin Bennett

Foto: Conor Horgan

In dem hingeworfenen Halbsatz "deswegen habe ich alles hineingerührt, was ich nicht mehr sehen will" des Pfannengericht-Kapitels steckt jenes Leitmotiv, das immer wieder hochploppt wie ein Angelschwimmer auf der Wasseroberfläche. Eines, das sie mitunter versteckt. Hinter grandios originellen Bildern: ein Parkplatz, der nach alten Geschirrtüchern riecht; die Feststellung, dass auch Gewitter alt sein können und sich in den Hügeln bestens auskennen; die Erkenntnis, dass auf dem Boden jeder Tasche eine einzelne Batterie rumkullert.

Hinter Assoziationsserpentinen, entlang derer sie von alten Herdplattenknöpfen zu suizidalen "verlotterten Hausmeistern" wandert ("Ich zum Beispiel habe es nicht geschafft, den Kopf in meinen Ofen zu schieben, ohne die Unterseite meines Kinns mit viel altem Fett zu beschmieren."), um dann bei Gurkenschneidetechniken, Südafrika und Kuckucken zu landen.

"Wichtigtuerischer Erwachsenenschwachsinn"

Das, was in vielerlei Gestalt dann doch auftaucht, ist ihre Absage ans Gestern, ihr unbedingter Wille zum Neugründen. Dort in der Abgeschiedenheit, zu der sie keinerlei Verbindung hat, gibt es "kein geerbtes Narrativ, an das man sich halten könnte", es ist "als wüsste die Geschichte des Ortes über diese Wissenslücke ganz genau Bescheid. "Und so fällt sie einen an", erzählt sie, "um zuletzt auf den endlosen Freiflächen des Verstandes ihren zeternden Vorrat an Bildern auszupacken." Drum salzt sie ihre Sätze großzügig mit Schlüsselworten wie "wahrscheinlich", "nicht auszuschließen" und immer wieder "vielleicht". Ihr falle es schwer, bekennt sie, "Entfernungen richtig einzuschätzen".

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Bennett, Claire

Teich: Roman

Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Seitenzahl: 224
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26.11.2022 17.19 Uhr

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Bennett spiegelt den Rückzug ihrer Protagonistin in gleich zwei Einsamkeitsszenarien des literarischen Kanons, ohne diese zu benennen: Da ist die selbstgewählte Enklave von Henry David Thoreau in den Wäldern Connecticuts, in seiner Hütte am Teich, dem "Walden Pond" . Und daneben lässt sie ihre Icherzählerin über das Schicksal jener Frau in den Bergen sinnieren, die Marlen Haushofer in ihrer feministischen Dystopie "Die Wand" von 1963 beschrieb: Wie das wohl sei, wenn nur 1000 Streichhölzer zum Überleben bleiben. Nur um einige Seiten später zu gestehen, sorry, ihr seien ein paar Fehler unterlaufen, es sei in jenem Roman eigentlich ja so und gar nicht so gewesen.

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Bennett entreißt so den Topos der auf sich gestellten Frau allen Klischees, wirft uns in diesen Strudel aus selbstironischen, brutalen, tiefsinnigen Ideen. Von Isolation keine Spur, nur bewusst freies Alleinsein. Programmatischer als ihre Icherzählerin hat selten eine den radikalen Willen zur Selbstbestimmung formuliert: "Ich finde es viel besser ein Zimmer vollständig zu verlassen, bevor man ein anderes betritt."

So ist Bennetts Prosa: ein Bruch mit allem. Wie die Sache mit dem Teich im Garten hinterm Haus. Daneben ein Schild: "Teich". "Wichtigtuerischer Erwachsenenschwachsinn", schimpft die Erzählerin, diese "wörtlichen Zuschreibungen" würden einen "abrupt unterbrechen", selbst zu denken. Sie tut, was getan werden muss: Sie reißt das Schild raus und wirft es irgendwo hin.

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