Claude Lanzmanns "Das Grab des göttlichen Tauchers" Die Narben frisch halten

Gerade ist er 90 geworden, jetzt erscheinen seine journalistischen Texte erstmals gesammelt: Claude Lanzmann über Belmondo, Gainsbourg und sein Lebensthema, den Holocaust.

Claude Lanzmann: Essay-Sammlung zum Neunzigsten
AFP

Claude Lanzmann: Essay-Sammlung zum Neunzigsten


Über seine Freundschaft mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir schrieb Claude Lanzmann in seiner Autobiografie "Der patagonische Hase" ausführlich. Im Vorwort seiner nun erscheinenden Essay-Sammlung "Das Grab des göttlichen Tauchers" erwähnt er das legendäre Pariser Philosophenpärchen gleich im Vorwort.

Gemeinsam mit Sartre und Beauvoir reiste der 1925 geborene Filmemacher in den Fünfzigerjahren nach Paestum. Mit dem Guide Bleu in der Hand erkundeten sie die antike Architektur. Bei Guide Bleu denkt man an Roland Barthes und seine Mythen des Alltags, in denen er auch den Reiseführer würdigte: Sicher kein Zufall, dass Lanzmann hier Barthes zitiert, den großen Intellektuellen.

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Lanzmann gehört zum kulturellen Adel Frankreichs, seit 1985 "Shoah" im Fernsehen gezeigt wurde, seine gewaltige, fast zehnstündige Aufarbeitung des deutschen Genozids an den europäischen Juden. Dass der Dokumentarfilmer Lanzmann von Hause aus Publizist war, geriet manchmal in Vergessenheit. 1947 begann er, für die von Sartre gegründete Zeitschrift "Les Temps Modernes" zu schreiben. Er schrieb auch Auftragsarbeiten und Erzählungen für "Elle" oder Meinungsartikel für " Le Monde". Der Band "Das Grab des göttlichen Tauchers" versammelt diese über sechs Jahrzehnte hinweg erschienenen Texte, die thematisch vom Algerienkrieg über den Papst bis hin zu Fassbinder reichen.

Sie zeigen einen oft originellen Kommentator und Kulturenthusiasten. Lanzmanns Portraits erinnern einen an die Grandezza Belmondos oder Gainsbourgs, die der Journalist in der Frühphase ihrer Karriere interviewte. Der Ruhm der Künstler und die Begleitumstände ihres Schaffens wirken gestrig. Aber wenn Lanzmann im Jahr 2005 über Ariel Scharon und Mahmud Abbas schreibend nachdenkt, wird einmal mehr bewusst, dass der Nahostkonflikt sich in immer demselben Kreis dreht - der Text könnte auch von heute sein.

Lanzmanns Schreiben wirkt parteiischer als seine Dokumentarfilme, die möglichst objektiv an die behandelten Themen "Israel" (in "Warum Israel") und "Shoah" herangehen wollten, aber ihrem Wesen nach entschieden und zutiefst humanistisch sind.

So sind denn auch die im Umfeld des Großwerks "Shoah" entstandenen Texte die klarsichtigsten und mutigsten. Da ist das "Verbot der Darstellung", was den Holocaust angeht, das er Steven Spielbergs "Schindlers Liste" entgegenhält; er, der in "Shoah" vollständig auf Archivmaterial verzichtet - es ist das Wort, das die Narben frisch hält, die der Holocaust geschlagen hat, die eine Vergangenheit so sichtbar macht, "dass sie sich in ihrer atemberaubenden Zeitlosigkeit zu erkennen gibt", schreibt Lanzmann.

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