Comic-Auferstehung Captain America macht den Jesus

Und plötzlich war er tot. 2007 brachte Marvel Comics Captain America um - und die Todesnummer wurde zum Comic-Bestseller des Jahres. Jetzt ist der Held im Flaggenkostüm auferstanden. Darin steckt ein Mann, der schon gegen die Nazis kämpfte.


Am Ende ist alles ganz einfach. "Ich mach's", sagt der neue Captain America, und schlüpft in das Kostüm seines seit einem Jahr toten Übervaters. So schnell wird man nicht nur zum Held, sondern zur Ikone. Eine Ikone im doppelten Sinne. Als Superheld im Kostüm der US-Flagge symbolisierte der Captain die USA. Und als Comicfigur ist er der älteste bis heute publizierte Superheld von Marvel Comics - seit 1941. Damit hat er inzwischen das Rentenalter erreicht, selbst wenn der Captain nun nicht mehr Steven Rogers, der Ur-Captain, ist. Helden gehen ja bekanntlich nicht in Rente, Helden sterben. Und das gilt insbesondere für Superhelden. Allerdings hat die Sache einen kleinen Haken - die Toten im knallbunten Dress bleiben selten lange tot. Als etwa Superman 1992 starb, wurde ihm sein irdischer Ziehvater nachgeschickt - in den Himmel, wo er Superman, umringt von Engeln, zur Rückkehr in irdische Gefilde bewegen konnte. Andere Comic-Auferstehungen laufen über Klone, Paralleldimensionen und wundersame Heilungen. Alles ist denkbar, nur um dem Tod ein Schnippchen zu schlagen - und die Figur nach einem in der Regel sehr verkaufsträchtigem Dahinscheiden weiterhin vermarkten zu können.

Superhelden-Comic ohne Held

Als vor knapp einem Jahr Captain America in seiner Comicserie starb, war darum wahrscheinlich, dass sein Tod nicht von Dauer sein würde. Das Ereignis - Captain America wird auf den Stufen eines New Yorker Gerichts von einem Sniper niedergestreckt - wurde dennoch zum zentralen Comicmoment 2007. Rund 325.000 verkaufte Exemplare von "Captain America #25", dem Sterbeheft, machten den Tod dieser Figur sogar überraschend rentabel - zuvor hatte die Serie gerade noch 50.000 Leser gehabt.

Der Krimiautor Ed Brubaker, der zurzeit die Serie schreibt, hatte den Tod gar nicht so geplant. Während einer Redaktionssitzung der Marvel-Autoren sei diese Idee von einem seiner Kollegen vorgebracht worden, erzählt er, "und ich wälzte sie so lange hin und her, bis sie mir gefiel". Der Erfolg führte dann zu einem bizarren Ergebnis. Ausgerechnet eine der am besten laufenden Serien von Marvel Comics kam seit dem Sterbeheft ohne den Helden aus, dessen Name noch immer groß auf dem Cover prangte - mit Verkaufszahlen wie lange nicht mehr. "Ich glaube", so Brubaker", "es war ziemlich schockierend, das wir so viele Exemplare eines Comics namens 'Captain America' verkaufen konnten, ohne jemanden in Captain Americas Kostüm darin."

Schon im Herbst 2007 allerdings machten Gerüchte über einen neuen Captain die Runde. Superstar-Zeichner Alex Ross präsentierte Entwürfe für ein neues Kostüm, noch patriotischer, noch strahlender als das alte. Wer unter der Maske des Kostüms steckte, blieb allerdings lange ein Geheimnis. Und das wird erst in der "Captain America #34" von dieser Woche gelüftet.

Es ist: James "Bucky" Barnes, ehemaliger Teenager-Partner des Captain. Der Mann, der nun das Kostüm trägt, war pikanterweise selbst schon vor langem für tot erklärt worden. Von 1941 bis 1945 hatte er Captain America im Kampf gegen die Nazis auf die Schlachtfelder Europas begleitet - in jener Form propagandistischer Unterhaltung, die fast alle US-Comics dieser Zeit prägte. Nach dem Krieg kam er ganz unspektakulär um - er wurde 1948 erschossen. Scheinbar.

Kein simpler Hurra-Patriotismus

Und jetzt ersetzt ein Toter einen anderen Toten in dessen Comicserie als Titelheld. Das ist ähnlich bizarr wie Bobby Ewings absurde Auferstehung unter der Dusche in der Achtziger-Serie "Dallas". Der von Patrick Duffy gespielte Ewing war damals gestorben und erst viele Folgen später wieder zum Leben erweckt worden. Sein Tod und alle Folgereignisse stellten sich zum Unmut vieler Zuschauer als Traumsequenz seiner Gattin heraus, die ihn des Morgens plötzlich in der heimatlichen Dusche vorfand.

Für Autor Brubaker ist der Heldentausch allerdings vor allem ein willkommener Anlass zur Modernisierung. Sein neuer Captain darf vieles, was sich der alte nie getraut hätte. So sieht man ihn bereits bei seinem ersten großen Auftritt seine Gegner erschießen - fast ein Tabubruch. Denn normalerweise benutzen Superhelden keine Schusswaffen. Brubaker hält dagegen: "Ich glaube allerdings nicht, dass ein Captain America mit Schusswaffe und Kampfmesser etwas so besonderes ist oder gar seine Ikonenhaftigkeit zerstört."

Ein neuer, brutaler Captain America? Ja. Vor allem aber ein bodenständigerer. Brubakers Abenteuergeschichten hatten von Anfang an wenig mit simplem Hurra-Patriotismus zu tun. Sein Captain kämpfte um Meinungsfreiheit, gegen Wirtschaftskriminelle und haderte mit komplexen politischen Zusammenhängen. Damit hatte er mehr mit Jack Bauer gemeinsam als mit dem üblichen Marvel-Helden.

Und mit dem neuen alten Mann unter der Maske ist Marvels ältester Comic-Held nun endgültig in der Gegenwart angekommen.

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