Comic-Autor Art Spiegelman "Die Deutschen sind so besessen wie ich"

Seine Eltern waren im KZ, sein Bruder wurde ermordet - trotzdem hat sich Art Spiegelman einen grandiosen Humor bewahrt. Der weltberühmte Comic-Zeichner empfing den SPIEGEL in New York - und verriet, warum er so gern mit Deutschen redet.

New York - Jeden Mittag, sagt Art Spiegelman, gehe er nach unten auf die Greene Street, um sich etwas zu essen zu kaufen, er gehe dann meistens in jenen Laden, in den er am Vortag auch schon gegangen sei, doch heute sei dieser Laden ein italienisches Schuhgeschäft. "Dann kaufe ich eben Schuhe, und dann esse ich Schuhe", sagt Spiegelman.

New York verändert sich, das will er damit sagen. Es verändert sich schnell. Es verändert sich so schnell, dass New York nicht mal mehr Raucher duldet, Menschen also wie Art Spiegelman, Kettenraucher seit Jahrzehnten. Wenn man zwei Stunden mit ihm verbringt, gibt es keine Sekunde, in der er nicht raucht oder eine Zigarette hält, die er gleich anzünden wird oder mindestens ein Päckchen "Camel", aus dem er gleich die nächste Zigarette ziehen wird. "Ich weiß, es ist dumm", sagt Spiegelman, 59, "heute würde ich nicht mehr anfangen. Aber heute habe ich das Problem, dass mir alle sagen, dass ich aufhören soll. Und wenn mir jemand sagt, was ich tun soll, dann geht es ja nicht."

Das Dasein stellt einem New Yorker Intellektuellen zweifellos komplizierte Aufgaben. Er lebt hier in der Greene Street in Soho, Lower Manhattan, denn er zeichnet hier, und Zeichnen, sagt er, sei seine Art zu denken, also zu leben.

Comics, sagt er dann, seien seine Linse, jene Linse, durch die er die Welt sieht. Art Spiegelman ist New Yorker, er ist einer der berühmtesten Comic-Zeichner der Welt, zu Interviews lädt er in sein Atelier. Heute möchte er über "Breakdowns" sprechen, sein sehr komisches, sehr ernstes, sehr kluges und sehr autobiografisches Werk, das in diesen Tagen im S. Fischer Verlag erscheint.

Immerhin, hier in der Greene Street kann er rauchen. Schließlich hat Spiegelman hier seine Festung, gebaut durch den Welterfolg "Maus", jenen Comic über den Holocaust, in dem Juden Mäuse sind und Deutsche Katzen; "Maus" machte Spiegelman reich, damals kaufte er sich dieses Haus, und an diesem Morgen empfängt er seine Gäste aus Deutschland hier. "Wissen Sie, warum ich so gerne mit Deutschen rede?", fragt er.

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"Weil sie die Einzigen sind, die von dem Thema genauso besessen sind wie ich." Er meint das Thema seines Lebens: den Holocaust.

Spiegelmans Mutter überlebte das Konzentrationslager Birkenau, sein Vater überlebte Auschwitz, ihr ältester Sohn wurde ermordet. Die Eltern flohen nach Schweden, dort wurde Art Spiegelman geboren; dann wanderte die Familie nach Amerika aus, nach New York.

Art Spiegelman trägt ein weiß-grau gestreiftes Hemd, eine schwarze Weste, eine graue Hose. Die Haare sind ein bisschen strubbelig, die Brille ist ein bisschen verschmiert, das Atelier ist vollgestellt mit Bücherregalen, an ein paar freien Wänden hängen Spiegelmans Zeichnungen, eine Waschmaschine läuft.

Spiegelman erzählt von seiner Mutter, die sich umbrachte, als er 20 Jahre alt war. Ohne Abschiedsbrief. "Keine Absolution: 'Es hat nichts mit dir zu tun.' Auch keine Anklage: 'Wenn du deine Zähne öfter geputzt hättest, müsste ich mich nicht umbringen.' Einfach nichts." Er erzählt vom Zeichnen, "Comics sind die Kunst der Kompression", sagt er, ständige Verdichtung.

Und am liebsten erzählt er von Politik.

Er wird Barack Obama wählen am 4. November, und er hofft auf dieses Signal, das Symbol: "ein schwarzer Präsident, ausgerechnet in diesem Land". Er sagt dann: "Wenn er gewählt wird, dann nur, weil das Dach des Weißen Hauses eingestürzt ist, weil alle Fenster eingeworfen sind, weil die Möbel zerfetzt sind nach der Orgie, weil überall Stühle herumliegen und vor der Haustür noch ein Scheißhaufen dampft – und unten steht Obama. 'Oh, da ist der Hausmeister', werden sie sagen, 'lasst ihn rein.' Hausmeister bringen Sachen in Ordnung, Hausmeister sind schwarz."


"Bald tauschen wir Bärenfelle": Lesen Sie ein ausführliches Gespräch mit Art Spiegelman in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL.

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