Comic-Biographie Alter Drache Epilepsie

Der französische Autor David B. hat den Kampf seines älteren Bruders gegen die Epilepsie zu einer faszinierende Comic-Biographie verarbeitet. Der erste Band der mit zahlreichen Seitenhieben auf die Schulmedizin gespickten Saga ist jetzt auf Deutsch erschienen.

Von Volker Hummel


1964 wird der fünf Jahre alte Pierre-François Beauchard zum ersten Mal Zeuge eines epileptischen Anfalls seines zwei Jahre älteren Bruders Jean-Christophe. Tito, wie dieser von seinen Geschwistern genannt wird, sitzt auf dem Motorrad eines Bekannten und tut so, als ob er Vollgas gibt. Plötzlich verstummt er, sein Blick wird leer und er kippt gegen eine Wand, an der sein Kopf langsam hinabrutscht. "He Tito, spielst du den Toten?", fragt Pierre-François. Es ist das erste Mal, dass er seinen Bruder auffangen und halten muss, um ihn vor größeren Verletzungen zu bewahren. Und es ist das erste Mal, dass er nach einer Erklärung sucht - und sie findet: "Er wurde ganz sicher von einem Wirbelsturm mitgerissen."

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David B.: "Die heilige Krankheit", Band 1, Seite 1 bis 3


Wenn die Diagnose auch nur auf den nächtlichen Phantasien eines Fünfjährigen beruht, so klingt sie doch vernünftiger als vieles, was die Beauchards nach diesem ersten Anfall im Laufe vieler Jahre von Ärzten an Erklärungen und Therapien zu hören bekommen werden. Vor allem die Schulmedizin kriegt ihr Fett weg: Überforderte Provinzdoktoren, Pariser Neuropsychiater, die Jean-Christophe für bösartig erklären, und verrückt anmutende Professoren, die Gas ins Gehirn der Patienten leiten, um es anschwellen und Verletzungen sichtbar werden zu lassen. Sie alle lässt Pierre-François, der sich inzwischen den Künstlernamen David B. zugelegt hat, 32 Jahre später wiederauferstehen in "einem großen Reigen der Ärzte", deren Fehlschläge seine Kindheit und Jugend begleiten werden.

Lasst alle Hoffnungen fahren

"L'Ascension du haut mal" (etwa: Der Aufstieg/Die Besteigung des großen Übels) heißt die von 1996 bis 2004 in Frankreich erschienene Comic-Autobiographie von David B., die mit "Die heilige Krankheit" etwas unglücklich übersetzt ist. Denn auch wenn die Epilepsie heute immer noch ein medizinisches Rätsel darstellt, mystisch oder selten ist sie nicht, wie die Schweizer Ärzte Günter Krämer und Bernhard J. Steinhoff im Nachwort zum soeben erschienenen ersten Band schreiben. In Deutschland wird die Zahl der "aktiven" Epileptiker, die mindestens einen Anfall in den letzten fünf Jahren hatten, auf etwa 500 000 Personen (0,6 Prozent der Bevölkerung) geschätzt.

Selten jedoch verläuft die Krankheit so heftig wie bei Jean-Christophe. Gleich auf der ersten Seite lernen wir ihn als aufgeschwemmten, von Narben übersäten, fast kahlen und zahnlosen Mann kennen. Es ist 1994, David B. war lange nicht zu Hause und erkennt seinen Bruder kaum. Es ist einer der wenigen Momente, in denen sich der Autor in die Gegenwart begibt, um zu zeigen: "Dies ist ein Erinnerungsbuch. Es zeigt die Wahrheit, wie ich sie wahrgenommen habe. Und: Lasst alle Hoffnungen fahren, Rettung gibt es für meinen Bruder nicht."

"Die heilige Krankheit" ist ein düsteres Buch geworden, fast schon manichäisch in seiner Trennung von Hell und Dunkel, wobei auf vielen Panels das Schwarz dominiert. Grautöne und Schraffuren gibt es nicht. Dieser Betonung des Kontrastes entspricht auf der erzählerischen Ebene die zunehmende Wichtigkeit der Metapher des Kampfes. Der Comic ist durchzogen von gewaltigen Schlachtengemälden - das erste künstlerische Faszinosum des zeichnenden Kindes und gleichzeitig seine Art, die Schrecken der Krankheit seines Bruders zu bannen. Aus alten Büchern und Zeitschriften saugt der junge David B. seine Inspiration; Panzerbataillone aus beiden Weltkriegen, Tartarenhorden und Samurai-Heere liefern sich auf Papier immer blutigere Gemetzel, während die Krankheit des Bruders voranschreitet.

Epilepsie als Drache

Was "Die heilige Krankheit" zu einem Kunstwerk werden lässt, ist die formale Souveränität, mit der David B. Erinnerungen, Phantasien, Träume und historische Recherchen zu einer äußerst präzisen und aufrichtigen Autobiographie verbindet. Ist der Text nüchtern und knapp, bieten die Bilder eine Fülle surrealer, allegorischer und ornamentaler Motive, mit denen die Krankheit und der Kampf gegen sie dargestellt werden. Die Epilepsie selbst erscheint meist als schlangenförmiger Drache, der den Bruder umschlungen hält und in die unnatürlichsten Körperhaltungen zwingt. Ein schier unerschöpfliches Bilderreservoir lieferten außerdem die zunehmend esoterischen Heils- und Ernährungslehren, denen sich Mutter und Vater Beauchard auf der Suche nach Heilung für ihren Sohn zuwandten.

Dank der genauen Schilderung all der makrobiotischen Kommunen, fernöstlichen Wunderheiler und spirituellen Sitzungen, die die Beauchards besucht haben, ist David B. neben einer alles andere als glücklichen Familiengeschichte auch ein spannendes Sittengemälde der späten sechziger und frühen siebziger Jahre gelungen. Den Eltern, die die Suche nach einer Therapie für ihren Sohn nie aufgegeben haben, ging die "subjektive Wahrheit" von David B. zu weit. Drei Jahre lang haben sie sich nach der Erstveröffentlichung geweigert, mit ihm zu sprechen, zu persönlich, zu schmerzhaft waren wohl die in Bilder gebannten Erinnerungen.


David B.: "Die heilige Krankheit. Band 1: Geister". Edition Moderne, 174 Seiten, 22 Euro. Band 2 erscheint im Herbst 2007

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