Comic "Israel verstehen" Entwicklungsroman in pastellfarbenen Bildern

Der Amerikanerin Sarah Glidden ist ein herausragender Comic gelungen: über ihre Israelreise, den Palästinenserkonflikt und das Erwachsenwerden allgemein. Wenn nur dieser unsägliche Aufkleber auf dem Cover nicht wäre.

Von Jörg Böckem


Es gäbe gute Gründe, diesen Comic nicht zu lesen. Zum einen ist da die Geschichte: Eine junge jüdische Amerikanerin, in deren Alltagsleben die Religion keine große Rolle spielt, macht sich auf nach Israel und spürt ihren Wurzeln nach, sucht nach Identität, spiritueller Heimat und einer Haltung im Palästinenserkonflikt. Aufregend klingt das nicht, originell auch nicht, mit Werken zum Thema "Suche nach den jüdischen Wurzeln" könnte man die Trennmauer zu den Palästinensergebieten wohl im Maßstab 1:2 nachbauen.

Zum anderen ist da dieser Aufkleber auf dem Cover. "Graphic Novel" steht darauf. Eigentlich ein Grund zum Kaufboykott, soll der Aufkleber doch suggerieren, dass Bildergeschichten mit diesem Label irgendwie hochwertiger, erwachsener sind als schnöde Comics. Damit hat die Ranschmeiße der Branche an Feuilleton und Literaturbetrieb nun auch den Panini Verlag erreicht, lange eines der letzten Comicrefugien.

Werbung mit kreuzdämlichem Kurzcomic

Die Branche, die sich lange gegen ein borniertes Kulturverständnis gestemmt hat, gegen die Trennung zwischen läppischer Comic-Unterhaltung und hehrer Literatur, zieht jetzt genau diesen Graben selbst. In Bahnhofsbuchandlungen verteilen Comic-Verlage Flyer, auf denen mit einem kreuzdämlichen Kurzcomic für Graphic Novels als bessere Bildergeschichten getrommelt wird: Sie seien "mehr wie Bücher und mit Themen, die sich eher an Erwachsene richten" steht da. Willkommen beim schönen, alten Vorurteil, Comics seien Kinderkram! Weiter geht es mit diesem Satz: "Bei Graphic Novels gehen Text und Bild meistens Hand in Hand, ergänzen und kommentieren sich gegenseitig". Alle Achtung! Bei Comics ist das natürlich ganz anders. Carl Barks und Charles M. Schulz dürften sich im Grabe umdrehen. Aber leider scheint die Rechnung aufzugehen, zahlreiche Buchverlage haben sich dem lange geschmähten Genre unter dem neuen Label angenommen.

Genug davon. Zurück zu Sarah Gliddens sehr ambitioniertem und dann doch auch sehr gelungenem Comic. Die New Yorkerin, 1980 in Boston geboren, erzählt von einer Gruppenreise nach Israel, an der sie 2007 teilgenommen hat. Die "Birthright" Initiative schickt junge Juden, die noch nie in Israel waren, kostenfrei auf eine zwölftägige Erkundungsreise durch das Land, um ihr Verständnis für Israel zu wecken und neue Einwanderer zu rekrutieren. Sarah bereitet sich vor, beschäftigt sich vor allem mit dem Palästinenser-Konflikt. Sie ist durchaus kritisch, der Politik des Landes gegenüber und den Ambitionen der Reiseleiter, denen sie nicht zu Unrecht propagandistische Absichten unterstellt.

In ihrem Comic bildet sie die Stationen ihrer Reise, ihrer Annäherung an Land und Menschen, ab. Sie schildert die Begegnungen und Auseinandersetzungen, die inneren und äußeren Streitgespräche, ihre Gedanken und Empfindungen, porträtiert in klaren Strichen ihre Mitreisenden und referiert ausführlich die Geschichte und Kultur des Landes.

"Israel verstehen in 60 Tagen oder weniger" ist eine ebenso persönliche wie informative Reisereportage und gleichermaßen ein Entwicklungsroman in pastellfarbenen Bildern. Ein Comic, der nicht zuletzt davon erzählt, wie schwierig es ist, einfache Antworten auf komplexe Fragen zu finden und in so einer Welt erwachsen zu werden.



insgesamt 15 Beiträge
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lamirabelle 11.07.2011
1. Rutu Modan
Da kann ich auch Rutu Modans Comics empfehlen: http://www.leblogdelamirabelle.net/notes-de-lecture-bd-graphic-novel-reviews/anglophonegraphicnovels/underground-in-japan-and-israel/ "Jamilti" und "Exit wounds" verbinden den terroristischen Alltag in Israël mit melancholischen Einzelschicksalen (Suche nach dem Vater, eine Frau, die mit Elektrizität heilt, ein Schönheitschirurg, der eine verflossene Liebe immer wieder neu schaffen will....)
avollmer 11.07.2011
2. Und bei anderen Kulturformen ...
Zitat von sysopDer Amerikanerin Sarah Glidden ist ein herausragender Comic gelungen: über ihre Israelreise, den Palästinenserkonflikt und das Erwachsenwerden allgemein. Wenn nur dieser unsägliche Aufkleber auf dem Cover nicht wäre. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,773035,00.html
Demnächst werden Schauspielhäuser damit werben, dass Dramen mehr wie Bücher und mit Themen, die sich eher an Erwachsene richten, seien. Bei Dramen gehen Text und Darstellung meistens Hand in Hand, ergänzen und kommentieren sich gegenseitig. Ist doch klar, es handelt sich nicht nur um eine Sammlung von Sketchen oder scripted Reality, sondern um Hochkultur. Ohne entsprechende Etikettierung merkt das keiner. Deshalb werden auch Opernhäuser damit werben, dass Opern mehr wie Bücher und mit Themen, die sich eher an Erwachsene richten, seien. Bei Opern gehen Gesang und Musik meistens Hand in Hand, ergänzen und kommentieren sich gegenseitig. Ist doch klar, es handelt sich nicht nur um eine Sammlung von Musikclips oder ein aus Songs gebasteltes Musical, sondern um Hochkultur. Ohne entsprechende Etikettierung merkt das keiner. Und bei Büchern, da gibt es auch welche, bei denen die Verlage darauf hinweisen müssten, dass sie tatsächlich Literatur seien, mit Themen, die sich eher an Erwachsene richten. Dass dort Form und Inhalt Hand in Hand gehen, sich gegenseitig ergänzen und kommentieren. Hochkultur eben. Ging in der Zeit letzte Woche irgendwie unter im Hochkultur-Thementeil. Comics als tragende Form der Hochkultur des 20. Jahrhunderts, noch wichtiger, einflussreicher und stilprägender als Kino- und TV-Film.
frankenbrunnen 11.07.2011
3. Graphic Novel
Der Kommentar zum Begriff Graphic Novel ist, mit Verlaub, so dämlich dass man eher Thomas Becker boykottieren sollte, den scheinbar hat er nicht verstanden dass Graphic Novels tatsächlich etwas anderes sind als der gemeine Comic. Der Begriff Graphic Novel wird gemeinhein Will Eisner zugeschrieben, ist also keine Erfindung der bösen Industrie. Will Eisner, klingelts da Herr Becker? Einer der wichtigsten Comiczeichner des letzten Jahrhunderts? Bekannt für sehr erwachsene Geschichten? Eine Unterscheidung zwischen dem lustigen Taschenbuch und zum Beispiel Watchman ist ja durchaus naheliegend. In einem gibt es lustige Kurzgeschichten für Kinder, das andere ist eine erwachsene, komplizierte und brutale Geschichte die sich erst beim mehrfachen lesen komplett erschließt. Es ist doch prima wenn Comics endlich auch den Stempel der Kultur bekommen haben, so hat sich mein alter, alter Vater tatsächlich von sich aus einen Graphic Novel aus der Reihe der SZ gekauft und hat sich zum ersten mal auf diesem Medium eingelassen. Es kann doch nicht verkehrt sein mit einem (berechtigten) Stempel Menschen an das Medium Comic heranzuführen, oder wollen sie es ganz für sich haben Herr Becker? Und sein wir doch mal ehrlich, bei der Schwemme an Mangas die alle die selben drei Geschichten erzählen, die man außerdem nicht lesen kann wenn man älter ist als 16 ist es doch toll wenn erwachsene Geschichten wie "Blame!" diesen Stempel erhalten, dann ist man eher versucht einmal reinzulesen. Die Trennung zwischen läppischer Comic-Unterhaltung und hehrer Literatur war schon lange notwendig!
neo42 11.07.2011
4. Comic vs. Graphic Novel
Zitat von frankenbrunnenDer Kommentar zum Begriff Graphic Novel ist, mit Verlaub, so dämlich dass man eher Thomas Becker boykottieren sollte, den scheinbar hat er nicht verstanden dass Graphic Novels tatsächlich etwas anderes sind als der gemeine Comic. Der Begriff Graphic Novel wird gemeinhein Will Eisner zugeschrieben, ist also keine Erfindung der bösen Industrie. Will Eisner, klingelts da Herr Becker? Einer der wichtigsten Comiczeichner des letzten Jahrhunderts? Bekannt für sehr erwachsene Geschichten? Eine Unterscheidung zwischen dem lustigen Taschenbuch und zum Beispiel Watchman ist ja durchaus naheliegend. In einem gibt es lustige Kurzgeschichten für Kinder, das andere ist eine erwachsene, komplizierte und brutale Geschichte die sich erst beim mehrfachen lesen komplett erschließt. Es ist doch prima wenn Comics endlich auch den Stempel der Kultur bekommen haben, so hat sich mein alter, alter Vater tatsächlich von sich aus einen Graphic Novel aus der Reihe der SZ gekauft und hat sich zum ersten mal auf diesem Medium eingelassen. Es kann doch nicht verkehrt sein mit einem (berechtigten) Stempel Menschen an das Medium Comic heranzuführen, oder wollen sie es ganz für sich haben Herr Becker? Und sein wir doch mal ehrlich, bei der Schwemme an Mangas die alle die selben drei Geschichten erzählen, die man außerdem nicht lesen kann wenn man älter ist als 16 ist es doch toll wenn erwachsene Geschichten wie "Blame!" diesen Stempel erhalten, dann ist man eher versucht einmal reinzulesen. Die Trennung zwischen läppischer Comic-Unterhaltung und hehrer Literatur war schon lange notwendig!
Und da Sie gerade "Watchmen" als Beispiel anführen, wirds jetzt richtig lustig: Alan Moore, der Autor von "Watchmen" und zahlreichen anderen grandiosen Comics lehnt die Bezeichnung "Graphic Novel" ab! Ja so was aber auch! Noch komplizierter wird es, wenn man sieht, dass sich in ein und demselben Comic-Universum (nehmen wir ruhig den Mainstream, also Marvel oder DC) Geschichten von Pulp bis Hochliteratur (inklusive politischem Kommentar und kunstvoll konstruierten Plots) tummeln. Soll da nun eine Comics Code Authority 2.0 installiert werden, die jede einzelne Veröffentlichung daraufhin prüft, ob sie ein "schnödes Heftchen" oder eine hochedle "Graphic Novel" sei, die auch ein kulturbeflissener Bildungsbürger lesen "darf", ohne mit dreckigen Hippies/Punks/Kindern in einen Topf geworfen zu werden?! Sorry, dass ich da sarkastisch werde. Ich werde mir meine seit über 30 Jahren währende Liebe zu Comics vielerlei Art doch nicht von selbsternannten Besserkultivierten erklären lassen müssen. Viel richtiger und interessanter finde ich eine ganz andere Forderung, die immer mal wieder aufkommt: Comics nach Genre unter die anderen Bücher zu sortieren. Denn auch hier werden -- neben den US-Superhelden -- die verschiedensten Themen verhandelt.
graf_krolock 11.07.2011
5. Uncomic
Das ist schon ein zweischneidiges Schwert mit dem Namen "Comic". Denn tatsächlich hat er schon seit langem nur auf einen Teil der so betitelten Publikationen gepasst. Etwa "Die Türme von Bos-Maury" als "Comic" zu bezeichnen fand ich schon immer unpassend, zumal an den Geschichten doch fast nichts komisch ist. Der Name prangt schon wie ein Makel auf diesem Medium, zieht er es doch ungerechtfertigter Weise zusammen mit der Comedie in die kulturelle Belanglosigkeit. Auch bei der Comedie ist das übrigens nicht pauschal zu rechtfertigen. Mit der Bezeichnung "Graphic Novel" konnte ich mich allerdings auch nie so ganz anfreunden, obwohl sie oft, z.B. bei Hermanns "Die Türme von Bos-Maury" den Nagel auf den Kopf trifft. Man ist halt stark von Gewohnheiten geprägt, und so wird es wohl auch noch ein paar Generationen brauchen bis diese Mauern in den Köpfen vieler Leute zerbröseln, die sie glauben lassen Geschichten in Bildern zu erzählen sei anspruchsloser Mist. In Frankreich und Belgien nennt man Comics übrigens "Bande dessinée", was der Bezeichnung "Graphic Novel recht nahe kommt. Und dort werden sie schon seit jeher viel ernster genommen.
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