Comic-Kultautor Frank Miller "Die Griechen hatten Götter, wir haben Supermänner"

Ein für tot erklärter Cop geht auf Verbrecherjagd: Der "Sin City"-Schöpfer Frank Miller bringt mit "The Spirit" einen absoluten Comic-Klassiker in die Kinos. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der Regisseur und Zeichner über die Grenzen des Spezialeffektkinos - und das Wesen echter Männlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Herr Miller, was hat Sie bewogen, den Comic-Klassiker "The Spirit", den Ihr Freund und Mentor Will Eisner 1940 schuf, für die Leinwand zu adaptieren?

Miller: Man hat es mir angeboten. Ich lehnte ab - drei Sekunden lang, bevor mir klar wurde, dass es dann jemand anderes machen und womöglich Schlimmes anrichten würde.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind 40 Jahre jünger als Eisner, der eine Ikone der Comic-Welt ist. Wie haben Sie sich kennengelernt?

Miller: Ich habe Eisner zum ersten Mal auf einer Straße in Vermont getroffen. Ich hatte eine neue Ausgabe von "The Spirit" gekauft und fuhr mit dem Fahrrad heim, aber ich konnte es nicht abwarten, also machte ich das Heft schon auf der Straße auf. Ich dachte, Eisner sei ein angesagter neuer Künstler, bevor ich mitbekam, dass er eine Institution war. Persönlich haben wir uns Jahre später auf einer Party kennengelernt. Er war der freundlichste Mensch, den man sich vorstellen kann. Wir gerieten in eine Debatte über Comics, und wir haben die nächsten 25 Jahre nicht mehr aufgehört, darüber zu diskutieren, was in Comics geht und was nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben bereits vor drei Jahren gemeinsam mit Robert Rodriguez ihren eigenen Comic "Sin City" adaptiert. Erleben Sie beim Filmemachen eine Befreiung von den Beschränkungen des Comics?

Miller: Als ich mit Robert Rodriguez "Sin City" gedreht habe, war ich fast besinnungslos vor Glück über Ton und Bewegung. Hey, ich hatte bis dato Kästchen mit Blasen über dem Kopf der Akteure gezeichnet!

SPIEGEL ONLINE: Wie unterscheiden sich Film und Comic für Sie?

Miller: Die Feinde des Comic-Zeichners sind Bewegung und Zeit. Deswegen sind die Gesten alle so übertrieben und dramatisch, weil man die Bewegung und den Ausdruck einzufangen versucht. Und Bilder sind statisch - der Leser gibt das Tempo vor. Ein Comic-Amateur wird versuchen, das Tempo zu verlangsamen, indem er viele Worte einbaut, die die meisten Leser dann einfach überlesen. Aber ein Könner verlangsamt das Tempo, indem er das Auge bezaubert. Bill Watterson, der Schöpfer von "Calvin und Hobbes", ist ein Meister darin, den Leser mit seinen Zeichnungen zu entzücken.

SPIEGEL ONLINE: Wie erleben Sie das Filmemachen?

Miller: Früher war es eine echte Herausforderung, eine Filmszene zu inszenieren, die heißt: Moses teilt das Rote Meer. Heute, im digitalen Zeitalter kann man leichterhand das Unmögliche möglich machen. Und deswegen lautet die Herausforderung für Filmemacher heute: Du musst verdammt nochmal wissen, wann es genug ist. Man muss nicht alles millionenfach zeigen, um Eindruck zu machen. Man muss auch den leeren Raum auf der Leinwand weise zu nutzen lernen. Manchmal wanke ich aus einem Film, als hätte ich zu viel Fettes gegessen - die zweite "Star Wars"-Trilogie zum Beispiel war ein solches Fest des Digitalen. George Lucas hat so viele Grenzen eingerissen, aber irgendwann ging er ein wenig zu weit. (Pause) Jetzt hören Sie sich das an, da sitze ich hier und kritisiere George Lucas! (lacht)

SPIEGEL ONLINE: Wir sagen es nicht weiter.

Miller: Nein, er hat den Leuten gezeigt, was mit digitaler Technologie möglich ist, wie phantastisch sie sein kann. Aber der nächste Schritt für mich ist, sich zurückzunehmen, und sich wieder der Welt von Fritz Lang, Orson Welles, John Houston anzuvertrauen. Wo man einen 20 Meter hohen Saal mit nichts als den Schatten einer Jalousie und einem Schreibtisch und einer Lampe sieht, und es läuft einem ein Schauer über den Rücken. Es ist fast unheimlich, was passiert, wenn man es schafft, das digitale Potential im Zaum zu halten und sich auf die Geschichte zu konzentrieren. Meine Lieblingseinstellung in unserem Film ist, wie der Spirit auf einen Wasserturm klettert. Oben, am höchsten Punkt, stolpert er kurz, und dieses Stolpern ist das Wesen vom Spirit. Dies ist seine Seele!

SPIEGEL ONLINE: Eisners "The Spirit" ist bislang fast nur Comic-Fans geläufig - muss man die Comic-Serie kennen, um den Film zu verstehen?

Miller: Mein Ziel ist es, den Zuschauern einen Film zu präsentieren, der für sich steht, für den man Will Eisner nicht zu kennen braucht. Allerdings würde ich mich hüten, jemandem zu sagen, er solle Will Eisner nicht lesen. Eisner hat siebenseitige Geschichten geschrieben, und er schuf Hunderte davon. Diese Geschichten waren wie O. Henry (US-amerikanischer Schriftsteller - d. Red.) in Filmform.

SPIEGEL ONLINE: Beim Comic-Zeichnen sind Sie alleiniger Herrscher über Ihr kreatives Universum. Ganz anders dagegen beim Film. Gab es auf dem Set Auseinandersetzungen um die Umsetzung eines Comics?

Miller: Ja - in einer Szene ging es darum, dass es günstiger zu filmen wäre, wenn der Spirit in das Bad seiner Jugendliebe, Sand Saref, geht, als wenn sie herauskommt. Ich musste die Anwesenden aufklären, dass der Spirit niemals das Bad einer Dame betreten würde!

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt, Sie wüssten nichts Anderes zu tun, als sich mit Superhelden zu beschäftigen …

Miller: Moment, das muss ich klarstellen: Ich sprach von Helden. Ich zeichne Ihnen hier und jetzt eine Geschichte mit einem Helden, der niemals die Faust ballt. Meine Karriere beschäftigt sich vielmehr mit der Definition dessen, was ein Held ist. Dies ist eine unerschöpfliche Quelle, und ich sehe keinen Grund, eine andere zu suchen.

"Es ist nicht leicht, in Hollywood einen echten Kerl zu finden"

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich mit Gabriel Macht für einen relativ unbekannten Schauspieler in der Rolle des Spirit entschieden. Warum?

Miller: Ich wollte ein unbekanntes Gesicht, weil ich niemanden sagen hören wollte: Ah, das neue Tom-Cruise-Vehikel, "The Spirit". Ich wollte es so machen, wie Richard Donner es mit seinen "Superman"-Filmen gemacht hat - ich möchte euch Superman, beziehungsweise Spirit vorstellen. Aber ich brauchte jemanden, der einen Helden spielen kann, und ich sage Ihnen, es ist gar nicht so leicht, in Hollywood einen echten Kerl zu finden. Ich habe Bruce Willis mal gefragt: "Wie machen Sie es nur, dass sie durch die Tür treten und wirken, als seien Sie einen Kopf größer als ich?" Die Antwort war: "Keine Ahnung. Ich mach's einfach." Die Maskulinität eines Helden können nicht viele darstellen.

SPIEGEL ONLINE: Wie definieren Sie Männlichkeit?

Miller: Oh je. Meine ganze Karriere dreht sich um die Antwort auf diese Frage. Es hat etwas mit Selbstvertrauen zu tun, mit der Bereitschaft, Verantwortung für die eigenen Taten zu übernehmen. Und mit einer gewissen Ehrenhaftigkeit. Bruce Willis weiß das besser als ich. Clint Eastwood weiß es viel besser als ich. Schauen Sie sich eine alte Episode von "Rauchende Colts" an, und beobachten Sie James Arness als Marshal Matt Dillon. Das wird Ihnen ein Gefühl für das geben, was ich meine. Es gibt schon einen Grund, warum über diese seltsamen Menschen seit so langer Zeit Geschichten geschrieben werden.

SPIEGEL ONLINE: Comics galten lange als Unterhaltung für Sonderlinge, inzwischen sind sie zur Popkunst gewachsen - auch dank Hollywood …

Miller: Nun, das Ganze reicht ja weit zurück. Schon die Griechen hatten ihre Götter, und wir hatten immer unsere Supermänner - Gollums, Riesen, wie auch immer. Aber die Superhelden unserer Zeit sind ja nicht zuletzt schlechter Druckqualität geschuldet. Comics sind ja Kinder des Zeitungsalters, und sie wurden in einem Druckverfahren hergestellt, das mit Kunstbüchern nicht viel zu tun hat. Damit man also einen vom anderen unterscheiden konnte, mussten sie ihre Logos auf der Brust tragen, und man machte sie heldenhaft, indem man sie in bunte Zirkuskostüme steckte, in denen ihre dicken Muskeln deutlich zu erkennen waren. Inzwischen haben Comics eine ganz andere Bedeutung, sie stehen für einen ausgelassenen, überschwänglichen Blick auf Abenteuer. Schauen Sie sich einen Film wie "Stirb langsam" an - das ist eigentlich ein Comic, wenn auch ohne Strumpfhosen.

SPIEGEL ONLINE: Hollywoods Comic-Verfilmungen scheinen erwachsen zu werden. Gibt es für Sie einen einschneidenden Moment, an dem sich die Filme von reiner Popcorn-Unterhaltung zu tiefsinnigerer Ware wandelten?

Miller: Richard Donners "Superman" in den Siebzigern - denken Sie an den Slogan "You will believe a man can fly!"; oder an den Eröffnungssatz: "This is no Fantasy." Außerdem gehört dazu "Star Wars", ein Film, der das große, freihändige Abenteuer zurück auf die Leinwand brachte. Und natürlich "Indiana Jones".

SPIEGEL ONLINE: Wenn Will Eisner, der 2005 gestorben ist, Ihren Spirit sehen könnte, was würde er wohl sagen?

Miller: Er würde vermutlich murmeln: gute Arbeit, gute Arbeit. Und dann würde er anfangen, mit mir darüber zu diskutieren, dass eine Chirurgin niemals ihr Skalpell in eine Tür werfen würde, weil sie es damit verbiegen könnte. Er war ein sehr spitzfindiger Mann.

Das Interview führte Nina Rehfeld

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.