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Comic "Der Ursprung der Welt": Das verbannte Geschlecht

Foto: Liv Strömquist/ Avant

Comic der Schwedin Liv Strömquist Wir müssen über die Vulva reden

Allein beim Wort "Vulva" stockt der Durchschnittsmann. Die schwedische Comiczeichnerin und Autorin Liv Strömquist rehabilitiert es nun - als Zentrum weiblichen Lustempfindens.
Von Jan-Paul Koopmann

Vaginas kommen später dran, vorher ist die Vulva an der Reihe. Der Unterschied klingt vielleicht nach einer Spitzfindigkeit, ist aber keine. Denn während biologische Fortpflanzung und männliche Lust nun beide eher um das Innenleben der weiblichen Beckenregion kreisen, verschwindet ausgerechnet das sichtbare Außen im Nebel der Ahnungslosigkeit. Das gilt von Unterhaltungsmedien bis in die biologische Forschung.

Schon das Wort, "Vulva", lässt den Durchschnittsmann mindestens kurz innehalten und in verblassenden Erinnerungen an den Sexualkundeunterricht kramen. Dabei geht es doch immerhin um das Zentrum weiblichen Lustempfindens, um sexuelle Selbstbestimmung und um das Leben mit dem eigenen Körper.

Die schwedische Zeichnerin und Radiomoderatorin Liv Strömquist hat einen Comic darüber gemacht: "Der Ursprung der Welt", eine Kulturgeschichte der Vulva. So allgegenwärtig nackte Haut heute auch sein mag, die primären Geschlechtsorgane sind es nicht. Insbesondere die weiblichen wurden und werden vorsätzlich aus der öffentlichen Bilderwelt verdrängt.

Der Schlitz zwischen den Beinen

Ein Beispiel: Als die NASA 1972 ihre Pioneersonde Nummer 10 ins All schoss, hatte sie Bilder von Menschen an Bord, eine Art Weltraumflaschenpost an mögliche außerirdische Nachbarn. Das waren zwar nur schematische Zeichnungen in Schulbuchoptik, aber trotzdem zu viel für den leitenden NASA-Wissenschaftler John E. Naugle. Die Frau hatte da nämlich einen Schlitz zwischen den Beinen, der ihre Schamlippen erahnen ließ. Naugle ließ den kleinen Strich, mehr war das gar nicht, entfernen und den Schambereich so in ein ebenes, mehr oder weniger dreieckiges Stück Haut verwandeln - wie bei einer Schaufensterpuppe, während am Mitmenschen zur Rechten ganz ungeniert ein Penis baumelt.

Der Zensurakt ist eine Kuriosität, klar. Und gerne würde man die Episode als prüde Peinlichkeit von damals abhaken. Dumm nur, dass Strömquist unzählige weitere solcher Geschichten ausgegraben hat. Und allein schon die Masse ihrer Recherchefunde, die sie als Foto oder historisches Bildmaterial in ihren Comic eingearbeitet hat, macht es schwer, ihr da zu widersprechen: Wir müssen reden über die Vulva.

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Comic "Der Ursprung der Welt": Das verbannte Geschlecht

Foto: Liv Strömquist/ Avant

Mit Strömquist anlegen möchte man sich dabei aber nicht: Sie führt ihre Gegner vor, entlarvt sie als verklemmte Sexisten - macht sie als Trottel lächerlich. Und das mit beachtlicher Schlagfertigkeit und im Comic geschickt inszeniertem Wortwitz: Denn während Strömquists eigene Zeichnungen neben dem collagierten Bildmaterial eher als ungelenk-cartoonige talking heads in Erscheinung treten, ist ihr Schriftbild geradezu aufregend. Beim Umblättern haut sie einem Pointen in gefetteten Riesenlettern um die Ohren, redet sich dann wieder seitenlang in Kleinstbuchstaben in Rage - und garniert ihren Vortrag auch visuell mit flapsigen Randbemerkungen. Natürlich weiß die Radiomoderatorin Strömquist, dass Sprache eben auch klingen muss.

Es geht dabei aber um noch mehr: Strömquist bringt den Text in Stellung, weil das Entscheidende eben doch nur im Kopf passiert. Da sitzt eine Frau auf einem Sofa und blickt runter zu dem roten Fleck auf dem Polster zwischen ihren Oberschenkeln. Das Bild ist zweimal auf der Seite, fast identisch. Nur heißt es einmal: "Ein lähmendes Gefühl der Scham ergreift mich", das andere mal "Kein lähmendes Gefühl..." Ein einzelner Buchstabe macht den Unterschied zwischen der verrutschten Binde und einem umgekippten Rotweinglas.

Von diesem teils widersprüchlichen, teils bekräftigenden Verhältnis zwischen Text und Bild lebt Comic. Und Strömquist treibt das in ihren Analysen von Alltagssituationen, Kunstwerken und Wissenschaft noch auf die Spitze. Einer Handlung folgt "Der Ursprung der Welt" dabei allerdings nicht: Es geht um universelle Irrtümer und ihre Geschichte.

Das männergemachte Programm

Was interessanterweise auch nicht vorkommt ist Pornografie. Denn natürlich ist das Internet voll von nackten Geschlechtsteilen. Im Mittelpunkt steht aber gerade diese Verdrängung weiblicher Sexualität unter die (virtuelle) Ladentheke. Und die ist historisch eben nicht einfach so passiert, wie Strömquist nachweist, sondern folgte einem männergemachten Programm.

Es ist kulturgeschichtlich eine verhältnismäßig junge Idee, weibliche Sexualität auf eine Körperöffnung zu reduzieren, in die erst ein Penis passt und aus der später ein Kind heraus kommt. Ausgerechnet die Aufklärung fing an, weibliche und männliche Orgasmen als grundverschiedene Angelegenheiten zu betrachten. Frühe Forscher dachten noch, zur Empfängnis wären zwei Orgasmen nötig. Mit der richtigen Erkenntnis aber, dass nun doch einer ausreicht, hat die Aufklärung den anderen eben wegrationalisiert.

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Strömquist, Liv

Der Ursprung der Welt

Verlag: avant-verlag GmbH
Seitenzahl: 140
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Wissenschaftskritik ist das, ja. Strömquist sagt auch, die Männerwelt von Aristoteles bis Freud hätte sich bislang eher zu viel als wenig um das weibliche Geschlecht gekümmert. Das heißt aber nicht, dass sie zurück wollte in Zeiten dumpfen, vorwissenschaftlichen Ahnens.

Dass die australische Ärztin und Wissenschaftlerin Helen O'Conell etwa herausfand, dass die Klitoris nicht wie bis dahin angenommen wenige Millimeter groß ist, sondern rund zehn Zentimeter ins Körperinnere reicht - dagegen hat auch Strömquist nichts. Ganz im Gegenteil. Dass diese Entdeckung allerdings bis 1998 auf sich warten ließ, steht dann doch eben auch für "Tausende von Jahren wirklich grottenschlechter Forschung" (in strömquistschen Riesenbuchstaben).

Mehr als wütende Anklage

Die bittere Pointe ist übrigens, dass es O'Conells Erkenntnis auch in den folgenden zwei Jahrzehnten längst nicht in alle Schulbücher geschafft hat. Darum ist "Der Ursprung der Welt" nicht nur wütende Anklage und humorvolle Abrechnung, sondern funktioniert nebenbei sogar noch als Bio-Sachcomic.

Strömquist ist Feministin und ihre Radikalität wird sie hier und da Zuspruch kosten. Dass sie grundsätzlich an Zweigeschlechtlichkeit zweifelt etwa, daran, dass Menschen zwingend entweder Mann oder Frau sind. Ihre Kritik mag inzwischen Szenekonsens sein, die bürgerliche Mehrheit dürfte den Gedanken aber immer noch als Spinnerei abtun. Das macht allerdings nichts: Der öffentliche Diskurs um weibliche Sexualität ist offenkundig so dermaßen verkorkst, dass man Strömquist gar nicht überall hin folgen muss, um Skandalöses und Erhellendes in ihrem Buch zu finden. Und auch wirklich Lustiges.

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