Comicautor Ed Brubaker Herr der hartgekochten Helden

Gutmenschen in Strampelanzügen sucht man in seinen Comics vergeblich, Happy Ends ebenso. Wenn Ed Brubaker aus dem Kosmos der gescheiterten Helden berichtet, tun sich Abgründe voll Sex und Gewalt auf - kein Wunder: Der erfolgreichste Autor der US-Comic-Szene schöpft aus eigenen Traumata.

Von Jörg Böckem


Ed Brubakers Helden sind abgehalfterte Privatdetektive, Kleinkriminelle oder verbitterte Kriegsveteranen, die versuchen, in einer gewalttätigen Welt zu überleben und daran meistens scheitern: Ein ehemaliger Schwerverbrecher, der seinen Neuanfang versaut, ein Doppelagent, der die Grenze zwischen Gut und Böse lange aus den Augen verloren hat. Brubakers Figuren sind desorientiert, vom Leben geschunden, sie leiden unter Identitätsproblemen und einem ausgeprägten Hang zur Selbstzerstörung.

Artwork aus Ed Brubakers Comic "Incognito": Schwerverbrecher als Held
Marvel Comics

Artwork aus Ed Brubakers Comic "Incognito": Schwerverbrecher als Held

Auch die etablierten Superhelden bekommen Probleme, wenn der amerikanische Autor sie in die Finger bekommt. Dem Übervater der X-Men, Professor Xavier, schrieb Brubaker dunkle Flecken in die bis dahin allzu altruistische Lebensgeschichte. Den patriotischen Saubermann Captain America ließ er kurzerhand erschießen und drückte seinem Nachfolger eine Knarre in die Hand. Den New Yorker Superhelden Daredevil steckte er in den Knast und schickte ihn anschließend auf einen brutalen Rachefeldzug.

Brubakers "Batman"-Run war ebenso ein Erfolg wie die von ihm geschriebenen "X-Men"-Ausgaben. Die schwere Nachfolge von Brian Michael Bendis als Autor von "Daredevil" gelang ihm meisterhaft, und "Captain America" wurde unter seiner Regie gar zur derzeit erfolgreichsten Marvel-Heftserie. Doch auch wenn Ed Brubaker seit Jahren zu den profiliertesten und populärsten Autoren im Superhelden-Genre gehört, ganz bei sich und in Höchstform ist er in den Serien, die er sich selbst ausgedacht hat.

Seine grandiose Krimi-Noir-Reihe "Criminal" erzählt in locker miteinander verbundenen Episoden aus einer Welt, die man sonst nur aus der Pulp-Literatur kennt: Kleine Gauner auf der Jagd nach dem großen Ding, korrupte Polizisten, ehemalige Kriminelle, die erkennen müssen, dass es für sie kein richtiges Leben nach dem falschen geben kann. Es ist eine Welt voller Sex, Gewalt und menschlicher Abgründe, die Brubaker in seinem Comic abbildet; eine Welt, in der nie die Sonne scheint. "Criminal" wurde jüngst mit zwei Eisner-Awards, dem wichtigsten Preis der Branche, ausgezeichnet.

Verzweifelte Suche nach Identität

In "Sleeper" erzählt Brubaker vom Doppelagenten Holden Carver, der im Auftrag des Geheimdienstes ein internationales Verbrecherkartell infiltriert. Carver, seit dem Kontakt mit einem mystischen Artefakt mit der Fähigkeit gesegnet - oder eher verflucht - schmerzunempfindlich zu sein und die ihm zugefügten Schmerzen auf andere übertragen zu können, steigt in der Organisation immer weiter auf, findet dort eine Art Ersatzfamilie und verliert Stück für Stück seine Identität. Eine Hollywood-Verfilmung ist in Vorbereitung.

"Incognito", Brubakers aktuelle Serie, die vor kurzem in den USA gestartet ist, hat gar einen Schwerverbrecher als Helden: Der ehemalige Superschurke Zack Andersen hat im Zeugenschutzprogramm der amerikanischen Regierung Zuflucht und eine neue Identität gefunden. Doch Andersen, ein zynischer Soziopath, ist kurz davor, den Verstand zu verlieren - er hasst sein neues, belangloses Leben, verachtet seine Nachbarn und sehnt sich in die alten, gesetzlosen Zeiten zurück.

Wie kaum einem anderem Comicautor gelingt Brubaker die Verschmelzung des Superhelden-Genres mit dem ruppigen Charme des Hardboiled-Krimis und einem romantisch verklärten Realismus. Seine Geschichten sind spannend, kunstvoll gebaut, und besitzen eine erzählerische Tiefe, die man im Helden-Genre selten findet. Er arbeitet sich ab an großen Themen wie Schuld und Sühne, Familie, Moral und Verantwortung - und vor allem an der verzweifelten Suche nach Identität. Brubakers Helden werden oft von ihren früheren Leben heimgesucht. Die Frage, ob es ein Entkommen vor den Schatten der Vergangenheit gibt, ob es möglich ist, sich neu zu erfinden, ist tief in seinem Werk verankert.

Kein Wunder, denn Ed Brubaker ist selbst ein Mann mit zweifelhafter Vergangenheit. Seine düsteren Krimidramen speisen sich nicht zuletzt auch aus eigenen Erfahrungen. Brubaker, geboren 1966 in Maryland, wuchs als Sohn eines Berufssoldaten auf. Es war eine traumatische Kindheit: "Als Kind war ich sehr einsam und deprimiert," sagt er im Interview. "Mein Vater war bei der Marine und ständig auf See, meine Mutter war Alkoholikerin. Es gab eine Menge Gewalt in unserem Haus."

Früh entdeckte Brubaker seine Leidenschaft für Punkmusik, die Underground-Comics von Harvey Pekar ("American Splendor"), die Bücher von Jack Kerouac und vor allem für Drogen. Aus dem deprimierten Kind wurde ein süchtiger, krimineller Teenager. "Ich habe massenhaft Drogen genommen und eine Menge dumme Dinge getan," sagt er. "Mein bester Freund und ich waren totale Speedfreaks. Einmal haben wir einen Laden ausgeraubt, um an Geld für die Droge zu kommen." Sein Freund wurde erwischt, Brubaker kam davon. "Ich hatte großes Glück, dass mich niemand erkannt hat und mein Freund nicht gegen mich ausgesagt hat. Wer weiß, wie mein Leben sonst verlaufen wäre."

Die Erfahrung, zusammen mit 50 Typen in Untersuchungshaft zu sitzen und sich mit ihnen um ein paar Sandwiches prügeln zu müssen, sagt er, habe ihn als 18-Jährigen dazu veranlasst, sein Leben neu zu überdenken. "Noch heute plagen mich regelmäßig Alpträume, in denen ich in einer Zelle sitze," sagt er. Seine Angsträume haben ihn gar klaustrophobisch werden lassen, sagt er.

Zu seinen Haupteinflüssen zählt er die Pulp-Werke von Ross McDonald, Jim Thompson, David Goodis und Jason Starr, mit dem er auch privat befreundet ist. "Noir-Krimis haben mich schon immer angesprochen," sagt er. "Geschichten über Menschen, die so verzweifelt sind, dass sie dumme Risiken eingehen - dass erinnert mich an mich selbst."

Vielleicht sind die Comics von Ed Brubaker deshalb etwas Besonderes - weil man als Leser immer auch den Autor hinter den Figuren erahnen kann. Und, möglicherweise, einen kleinen Teil von sich selbst.


Sleeper: Ed Brubaker, Sean Phillips, Band 1 - 2, 19,80 Euro, Cross Cult
Criminal: Ed Brubaker Sean Phillips, Band 1 - 3, 14,95 Euro, Panini



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keats 03.04.2009
1. Tod allen Langweilern und Heuchlern wie Captain America
Zitat von sysopGutmenschen in Strampelanzügen sucht man in seinen Comics vergeblich, Happy-Ends ebenso. Wenn Ed Brubaker aus dem Kosmos der gescheiterten Helden berichtet, tun sich Abgründe voll Sex und Gewalt auf - kein Wunder: Der erfolgreichste Autor der US-Comic-Szene schöpft aus eigenen Traumata. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,616788,00.html
Cool der scheint es drauf zu haben. Erschießt ganz einfach den Langweiler Capt. America. Auch scheint "Sleeper" eine interessante Figur zu sein, auf dem Papier. Wenn ich aber lese: "Eine Hollywood-Verfilmung ist in Vorbereitung." weis ich nicht was ich davon halten soll. So einen Charakter und äusserst zwiespältige und damit um so interessantere Figur will Hollywood wirklich verfilmen. Hollywood heisst auch immer gleich Geschäft gleich Massenwirksam und damit muss es also Mehrheitskompatibel sein. Nun Ar..och Bush ist Gott sei Dank nicht mehr, trotzdem habe ich Schwierigkeiten mir vorzustellen, wie es so ein echter "Ed Brubaker", ausgestattet mit einem Zynismus wie ätzende Säure und diverser anderer so genannten "Charakterdefekte", auf die Leinwand schaffen sollte und nicht weichgespült und ohne die erforderliche tiefe spannungsgeladene Charakterisierung dieser Figur des "Sleeper", als "netter Onkel" im Familienprogramm enden wird. Gewalt ist dabei sicher nicht das kritische Element, zumindest nicht in den USA, da können sie alle formen der Gewalt und Morde sehen, problemlos und wohl eher aus formalen Gründen gilt dann am 16. Viel kritischer ja "schlimmer" wird es gesehen, sobald es eine Liebesszene gibt (von Küssen zwischen Männern will ich gar nicht erst anfangen), dazu evtl. gar mit nackten Titten, was völlig unmöglich ist und falls überhaupt gedreht entweder herausgeschnitten werden muss, gleich und sofort oder der Film gilt dann erst am 21 weil eben Halbpornographisch. Gewalt ja gerne, aber Liebe Zärtlichkeit nur bedingt und ohne nackte Haut. Ich hoffe Ed Brubaker lässt sich seinen Helden nicht abkaufen und weichspülen, dann könnte es ja vielleicht einen interessanten Film geben.
Frusciante 03.04.2009
2. Dank
Danke für den Artikel. Jeder Text, der sich ernsthaft mit amerikanischen Comics auseinandersetzt, ist eine feine Sache. Brubaker gehört wirklich zu den lesenswerten US-Comic-Autoren. Da ich Marvel eigentlich nicht verfolge, habe ich in den letzten Jahren leider nicht viel von ihm gelesen. Aber seine Stories sind doch immer eine Verlockung, DC untreu zu werden. Momentan freilich lese ich Incognito. Noch ist es zu früh, die Geschichte zu beurteilen, aber sie lässt sich gut an. Und Sean Phillips' pencils sind natuerlich eine Augenweide.
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