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Comicfestival Angoulême: Grand Prix für Hermann

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Streit um wichtigen Comicpreis Angoulême sieht nur Strichmännchen

Das berühmteste Comcifestival Europas beginnt, doch diesmal stand Angoulême schon vorher im Fokus: Es nominierte 30 Männer und keine Frau für den Grand Prix, beugte sich dann dem Protest der Künstler. Am Ende gewann doch wieder ein Mann.

Das beschauliche südfranzösische Städtchen Angoulême beherbergt jedes Jahr das prestigeträchtigste Comicfestival Europas . Im Mutterland der Bandes dessinées versammelt sich alles, was in der Szene Rang und Namen hat unter anderem, um den Grand Prix an die Besten ihres Genres zu verleihen.

Die Liste der bisherigen Preisträger  liest sich wie ein Who's who der Comicgeschichte - wenn man die zeichnenden Frauen fast komplett aus dem Gedächtnis streichen würde: Nur eine weibliche Künstlerin gewann den Preis für das Lebenswerk bisher, dazu kommt noch ein Jubiläumspreis für Claire Bretécher.

In diesem Jahr ging die Festivalleitung noch einen Schritt weiter und nominierte nicht einmal mehr eine Frau für die Shortlist . Daraufhin folgten deutliche Reaktionen aus der Comicszene. Der nominierte syrisch-französische Zeichner Riad Sattouf erklärte als erster, nicht mehr am Wettbewerb teilzunehmen, danach zog Joann Sfar ("Die Katze des Rabbiners") seinen Namen von der Liste aus Protest zurück. Auf die beiden folgten zehn weitere Nominierte, die ihre Namen zurückzogen. Darunter durchaus prominente Zeichner wie Daniel Clowes, Chris Ware oder Charles Burns. Eine Gruppe von Comiczeichnerinnen  rief ebenfalls zum Boykott des Preises auf.

Widersprüchlichkeiten aus der Festivalleitung

Der künstlerische Festivalleiter Franck Bondoux machte das Debakel nicht gerade besser, indem er gegenüber "Le Monde" äußerte: "Wir finden bei unseren Preisträgern eine gewisse Reife und ein gewisses Alter. Leider gibt es wenige Frauen in der Comicgeschichte. Wenn man in den Louvre geht, findet man dort auch nur ganz wenige Künstlerinnen."

In weiteren Interviews verstrickte sich Bondoux in Widersprüchlichkeiten, um die Entscheidung zu verteidigen. Man habe sich an die Statuten des Festivals gehalten, nach denen nur aktive Künstler ausgezeichnet würden, was schon bei einem Blick in die jüngste Vergangenheit nicht mehr zutrifft. 2014 wurde der lange schon nicht mehr aktive "Calvin und Hobbes"-Erfinder Bill Watterson ausgezeichnet.

Das Festival "möge Frauen", sagte Bondoux, man könne aber die Geschichte nun mal nicht umschreiben. Diskussionen, die einem aus anderen Kunstbereichen durchaus bekannt vorkommen, zuletzt öffentlich geführt beim Filmfestival in Cannes. Dabei übersieht Bondoux, dass es eben auch die Aufgabe eines Festivals sein sollte, die Fehler einer männlich dominierten Kunstgeschichte in der Gegenwart zu vermeiden. Florence Cestac, die den Grand Prix 2000 als bisher einzige Frau regulär gewonnen hatte, reagierte dementsprechend heftig  auf die Aussagen und nannte den Festivalleiter "einen Vollidioten".

Dabei bedarf es keiner großen Mühe, auszeichnungswürdige Künstlerinnen zu finden. Die offensichtlichen Kandidatinnen wie Marjane Satrapi oder Alison Bechdel fallen einem sofort ein, auch Zeina Abirached oder Roz Chast wären würdige Preisträgerinnen. Unter dem Hashtag #WomenDoBD  wurden auf Twitter weitere Vorschläge gesammelt. Der Rückzug der Shortlistkandidaten bewirkte immerhin eine Reaktion des Festivals, schade nur, dass es erst dieser publikumswirksamen Aktion der männlichen Nominierten bedurfte, um das Prozedere zu ändern.

Offene Wahl - mit einem Mann als Sieger

Zunächst ruderte das Angoulême-Komitee zurück und versprach, einige Frauen in die Liste aufzunehmen, schließlich entschied man sich sogar, den Preis nach einer komplett offenen Wahl  zu vergeben, die es den Wahlberechtigten ermöglichte, eigene Kandidaten vorzuschlagen. Bei der Wahl für den Grand Prix sind etwa 3000 in Frankreich veröffentliche Künstler stimmberechtigt, 85 Prozent davon sind Männer.

Unter den drei Zeichnern, die die meisten Stimmen auf sich vereinigen konnten, war dann immerhin eine Frau, die 48-jährige Französin Claire Wendling. Doch sie teilte schnell auf ihrer Facebookseite  mit, wer ihr eine Freude machen wolle, möge doch bitte nicht weiter für sie abstimmen.

Als dann am Vorabend des Festival der Preisträger verkündet wurde, war Wendling ebenso wie dem Briten Alan Moore ("Watchmen") ein sehr typischer Grand-Prix-Gewinner  vorgezogen worden - ein Mann aus Belgien: der 1938 nahe der deutschen Grenze geborene Hermann  Huppen, von dem in Deutschland vor allem die Endzeit-Serie "Jeremiah"  bekannt geworden ist.

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