Comicpreis Sondermann 2010 Vorsicht, freilaufende Frisuren!

Schwere Zeiten für Schalke-Fans und Christdemokraten: Deutschlands Superhelden wohnen in Dortmund. Außerdem stehen in der Kategorie Bester Web-Comic 2010 zur Abstimmung: die Angst in rosa, News aus der Nerdosphäre und Haarschnitte, die sich selbstständig machen.

Arne Schulenberg und Jens Sundheim: "Union der Helden"

Ein Superheldencomic mit der Anmutung einer "Bravo"-Foto-Love-Story, kann das gut gehen?

Offensichtlich, denn schon seit 2007 erzählen Arne Schulenberg und Jens Sundheim ihre Superheldengeschichten nicht mit Bleistift und Farbtopf, sondern mit Digitalkamera und Photoshop. "Union der Helden" ist ein Unikat: ein Superheldencomic mit richtigen Menschen, angesiedelt im Ruhrgebiet. Fotografiert mit Freunden und Bekannten, in Parks, Büros und Hochschulräumen.

Man muss ein Herz für das Genre haben, um die langen Episoden über Schurkenkämpfe und Heldentragik zwischen Dortmund und Essen nachvollziehen zu können. Mit Hauptfiguren wie dem Ewigen Opfer (deren Superkraft darin besteht, dauernd anstelle anderer Leute zu sterben) oder dem Sozialwissenschaftler Marc, der nach Unischluss als Erzengel in Dortmund kämpft, schrammt die Serie nahe an der Parodie entlang.

"Union der Helden": Superheldencomic mit der Anmutung einer Foto-Love-Story

"Union der Helden": Superheldencomic mit der Anmutung einer Foto-Love-Story

Foto: Arne Schulenberg & Jens Sundheim

Aber das soll sie nicht sein. Die ausufernden Handlungsbögen, in denen sich die Figuren an realen Ruhrgebietsschauplätzen bekämpfen, sind Hommage und Liebeserklärung an die Superheldencomics, deren verwickelte Abenteuer oft ebenso abstrus sind wie die Abenteuer der "Union der Helden".

Was den Strip vor knallbunten Spandex-Peinlichkeiten bewahrt, ist zum einen die Tatsache, dass die Macher sich weniger an Hollywoods schriller Superheldenästhetik à la "Iron Man" orientieren und mehr an bodenständigen TV-Serien wie "Heroes", deren Helden in Jeans und Sneakern die Welt retten.

Zum anderen geht der Strip weiter, als die "Bravo" sich das je getraut hätte. Geschickt spielt "Union der Helden" mit den Klischees des Mediums, wenn zwar die Welt der Dortmunder Helden fotorealistisch exakt abgebildet wird, Nachrichtensendungen und ähnliches aber als gezeichnete Comics eingeschoben werden. Vorteile des Web: Auch animierte Sequenzen finden Eingang in die Erzählung. Ebenso durchbrechen Figuren und Macher regelmäßig die "vierte Wand" und reden direkt mit ihren Lesern.

"Union der Helden" wird mehrmals wöchentlich als fortlaufende Erzählung mit neuen Folgen aktualisiert.


Arne Schulenberg und Jens Sundheim: "Union der Helden" 

Ulf Salzmann: "Flausen"

Die Angst kommt immer wieder. Die Angst ist klein und rosa und hat riesige schwarze Augen. Die Angst ist Bestandteil von Ulf Salzmanns Comicstrip "Flausen" und man muss sie einfach gern haben.

"Flausen" ist, wie das Gros der deutschen Webcomics derzeit, autobiografisch orientiert. Familienvater Salzmann berichtet in launig-krakeligen Bildern aus seinem Alltag. Er dokumentiert Träume, Phantasien, den Gang zum Supermarkt oder das Entstehen seines jüngsten Buches ebenso wie die Auseinandersetzung mit der Angst (die vor allem viel Pflege braucht).

"Flausen": Launig-krakelige Bilder

"Flausen": Launig-krakelige Bilder

Foto: Ulf Salzmann

Erfunden wurde das Format des autobiographischen Webcomics mit fixer Struktur - jeweils vier zum Quadrat angeordnete Bilder - von dem Amerikaner James Kochalka. Inzwischen hat es weltweit unzählige Nachahmer gefunden. In Deutschland war es der Recklinghausener Zeichner Kurt Schalker, der erstmals mit der Form experimentierte. Derzeitiger Star der Szene ist der Berliner Zeichner Felix Görmann alias Flix, dessen Tagebuchcomic lange Zeit auf SPIEGEL ONLINE erschien.

Während Flix' Strip jedoch Bestandteil seines Berufslebens ist und in professioneller Anmutung täglich erscheint, haben die "Flausen" von Ulf Salzmann deutlich privateren Charakter. Das scheinbar Unausgereifte der Zeichnungen, die mitunter schwer lesbare Schrift in den Sprechblasen, deuten direkt auf den Ursprung der Form als kleine tägliche Improvisation hin. Neben den Alltags-Momentaufnahmen haben sich im Lauf der Zeit auch kürzere, komplett spinnerte, eben flausenhafte Comics mit wiederkehrenden Themen und Figuren entwickelt. Wie eben jene um die rosafarbene Angst, die viel Pflege und Aufmerksamkeit braucht.

"Flausen" wird mehrmals in der Woche mit neuen Mini-Comics aktualisiert, die in der Regel unabhängig voneinander lesbar sind.


Ulf Salzmann: "Flausen" 

Sarah Burrini: "Das Leben ist kein Ponyhof"

Blockflöte war das Schlimmste. Blockflöte war das Gegenteil von Rock, ein Instrument, das keinerlei Aussicht auf Ruhm, Partys und Sex versprach. Wer Blockflöte spielte, war verloren.

Wie Sarah Burrini, die ihre Kindheitserlebnisse mit dem unsexyesten aller Musikinstrumente bereits vor einigen Jahren zu einem schreiend komischen Comic verarbeitet hat. Das ist vielleicht die höchste Kunst: Aus einer nerdigen Kindheit mit Blockflötenunterricht einen unbeschwerten, ironischen Comic zu machen.

"Das Leben ist kein Ponyhof": Meterdicke Schichten aus Charme und Verschrobenheit

"Das Leben ist kein Ponyhof": Meterdicke Schichten aus Charme und Verschrobenheit

Foto: Sarah Burrini

Was zu "Das Leben ist kein Ponyhof" führt, dem Webcomic der Kölner Zeichnerin. Darin kommen zwar keine Blockflöten vor (bis jetzt). Dafür ein feingeistiger Elefant, ein pöbeliger Pilz und ein stummes Pony, mit denen sich das Alter Ego der Zeichnerin eine Wohnung teilt. Autobiografisch? Na ja. Burrini erzählt ihre durchaus real wirkenden Erfahrungen aus der Dating-Hölle und als mäßig bekannte Comiczeichnerin auf Comicmessen ganz genau so wie obskure Geschichten über freilaufende Frisuren, die zum Rockstar mutieren, oder Witze über Pferde mit Mafiavergangenheit - so, als könnte es wirklich geschehen sein. Diese Comics mit ihrem oft unvorhersehbarem Verlauf sind das Gegenteil von Blockflöte: anything goes.

Johannes Kretzschmar: "Beetlebum"

Aber unter dem Aberwitz stecken immer wieder die Dramen der Kindheit: das Uncoolsein von damals, das Bewusstsein, die falsche Frisur getragen zu haben - einfach nicht genug gerockt zu haben als Kid. So liegt unter den meterdicken Schichten aus Charme und Verschrobenheit, die diese bizarren WG-Episoden vor allem dann entwickeln, wenn man sie fortlaufend liest, ein wahrer Kern: Das Leben ist kein Ponyhof. Selbst wenn man ein Pony hat.


Sarah Burrini: "Das Leben ist kein Ponyhof"  Das muss man auch erstmal lernen: Informatik-Nerds können niedlich sein.

"Beetlebum" ist der Beweis. Der Comic erzählt (fast täglich) aus dem Leben seines Zeichners Johannes Kretzschmar, und der ist Informatiker in Jena. Das klingt so gar nicht spannend: Wenn Kretzschmar in ein neues Büro zieht, zeichnet er das. Wenn es Netzwerkprobleme gibt, dann auch. In seinen schlimmsten Momenten ist "Beetlebum" voll mit Techsprech, mit bizarren Begebenheiten, die sich nur Computerfreaks vollständig erschließen (Natürlich entstehen die Comics auch nicht auf Papier, sondern gleich am digitalen Zeichenbrett).

Und das soll witzig sein? Ja, sogar sehr. Denn bei aller Versunkenheit in das Dasein als Nerd bewahrt sich Kretzschmar einen Blick aus der Außenperspektive. Neben Kretzschmars Comic-Alter-Ego, mit schwarzem Shirt und Knubbelnase gibt es noch Nadini, die Freundin, die ihn immer wieder in die Realität zurück holt - oder gerade dorthin schickt, zum Joggen etwa, um abzunehmen.

Nadini kümmert sich nicht nur um die Erdung ihres Mannes, sondern sorgt auch dafür, dass Kretzschmars Comicmännlein selbst dem Braten nicht recht traut. Etwa wenn ein Bekannter die ersten sechzig Stellen von Pi nach dem Komma auf Klingonisch rezitiert, oder wenn Typographie-Freaks sich über die verwendete Schriftart auf Fahrkartenautomaten streiten.

Und wie dann Kretzschmar staunend daneben steht bei diesen Nachrichten aus der Nerdosphäre, die selbst ihn verblüffen, das ist komisch - und niedlich.


Johannes Kretzschmar: "Beetlebum" 

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