Comicpreis Sondermann Ein Strich, wie stolz das klingt!

Endzeit-Western, Prinzen auf großer Fahrt, Hotelpagen in Kriegswirren: SPIEGEL ONLINE präsentiert den "Sondermann", Deutschlands wichtigsten Publikumspreis für Comics. Stimmen Sie mit ab über die Wahl des besten internationalen Comics 2009!

Inzwischen ist er eine Tradition in der Tradition. Zum zehnten Mal organisiert die Frankfurter Buchmesse ein eigenes Comiczentrum auf dem Messegelände - zum sechsten Mal wird dort der Sondermann verliehen, der wichtigste Publikumspreis für Comics im deutschen Sprachraum.

Nominiert werden Werke in fünf verschiedenen Kategorien: Bester Comic International, Bester Comic National, Bester Cartoon, Bester Manga International und Bester Manga National. Dazu kommen zwei Sonderpreise: Der Preis für den deutschsprachigen Newcomer des Jahres und der Bernd-Pfarr-Sonderpreis für komische Kunst runden die Leistungsschau der Comicszene ab. Diese Auszeichnungen werden nicht vom Publikum, sondern exklusiv von zwei prominent besetzten Jurys vergeben, der neben Gabriele Roth-Pfarr, Witwe Bernd Pfarrs, auch Redakteure von "Frankfurter Rundschau", "FAZ" und SPIEGEL ONLINE angehören.

Der 2004 verstorbene Bernd Pfarr ist nicht nur Namenspatron des nach ihm benannten Preises - sondern Schutzgeist des gesamten Sondermann. Der ist nämlich nach einer von Pfarrs kreativen Schöpfungen benannt. Das Buchhalterlein Sondermann trieb ab 1987 in ganzseitigen Witzen und Comics im Satiremagazin "Titanic" sein Unwesen. Bis zum Tode von Pfarr schuf dieser ein unvergleichliches Erzähluniversum, in dem er nach Belieben mit der Realität Schindluder treiben konnte - den Bildern die Realität austreiben, wie Pfarr selbst das nannte. Mit den permanent vor dem Betrachter wegkippenden Linien und Horizonten, mit obskuren Figuren wie Negerradio oder dem dynamitgeilen Nachbarn Schulze, mit seinen Ausflügen nach Afrika und in den Weltraum hatte Pfarr dieses wunderbare Ziel mustergültig erreicht.

Es ist ein wunderbarer Scherz im Scherze, dass gerade ein Buchhalter, wenn auch ein so kapriziöser wie Sondermann, Preispatron eines äußerst vielseitigen und lebendigen Mediums ist. Das vergangene Jahr hat wie kaum eines zuvor bewiesen, dass Comics keine tote Kunst sind. Zwischen Manga und Graphic Novel, Geschichtsaufarbeitung und dem Nachdruck klassischer, beinahe in Archiven vergessener Werke, zwischen "The Dark Knight" und "Watchmen" waren Comics in aller Munde.

Wie läuft nun aber das Procedere der Preisesvergabe ab? Immerhin erscheinen jährlich mehr als 1000 Comic-Neuveröffentlichungen in Deutschland. Aus diesem Grund wird anhand der Verkaufszahlen eine Vorauswahl getroffen. 50 Buch- und Comicläden aus ganz Deutschland geben in einer Vorrunde ihre erfolgreichsten Comics des vergangenen Jahres an. Bedingung: die genannten Titel müssen zwischen dem 1. Juli des Vorjahres und dem 30. Juni des laufenden Jahres erschienen sein. Die von den Läden genannten Bücher werden dann in die einzelne Kategorien eingeteilt - und die jeweils drei Erfolgreichsten jeder Kategorie kommen in die Publikumswahl.

SPIEGEL ONLINE stellt in dieser Woche die nominierten Titel vor. Von Montag bis Freitag wird jeweils eine Kategorie ausführlich und mit Leseproben präsentiert. Die Nominierten finden sich auch bei allen anderen Medienpartnern: der Frankfurter Buchmesse, der "Frankfurter Rundschau" und dem Fanportal "Comicforum".

Die Wahl findet vom 7. bis 25. September 2009 statt. Teilnehmen kann man direkt auf der Frankfurter Buchmesse, mit dem Abstimmungsbogen in der "Frankfurter Rundschau" vom 10. September - und natürlich via Internet.

. Die Wahl erfolgt anonym und erfordert keine Voranmeldung. Wer seine E-Mail-Adresse angibt, kommt jedoch automatisch in einen Auslosungspool, aus dem fünf umfangreiche Pakete mit sämtlichen nominierten Comics verlost werden.

Und hier sind die Nominierungen in der Kategorie "Bester Comic International":

Stephen King/Jae Lee: Der Dunkle Turm

Ein Lebenswerk: von 1970 bis 2004 schrieb Stephen King, sonst für sein unbändiges Tempo beim Verfassen von Romanen bekannt, an der siebenbändigen Saga "Der dunkle Turm". Nicht nur wegen der langen Entstehungszeit ist es das ungewöhnlichste Werk im Schaffen des Autors. Auf knapp 4000 Buchseiten vermengt King Elemente des Westerns mit Fantasy und Science Fiction. Das Ergebnis ist eine Art Sergio Leone in Endzeitstimmung: Finstere, schmutzige Revolvermänner reiten durch eine komplett aus den Fugen geratene Ödlandschaft, aus der jeder Zeit ein Monster hervorbrechen kann.

Die Bilder dazu lieferte Jae Lee in seinen Comics zum "Dunklen Turm". Die sind nicht nur simple Adaptionen der Bücher, sondern von King genehmigte Erweiterungen der Geschichten. Verfasst von Marvel-Autor Peter David und King-Kumpanin Robin Furth, vertiefen die Comics die Erlebnis- und Gefühlswelt des einsamen Reiters Roland, der sich aufmacht, mit einem Pferd und zwei Revolvern die Welt vor dem Untergang zu retten, indem sie Erzählungen vom Wegesrand aufgreifen, die in den Romanen keinen oder kaum Platz fanden.

Es ist ein schauderhafter Ritt, für den Jae Lee stets die richtigen Bilder findet. Zahnlose Hexenmuhmen mit schaurigen schwarzen Katzen, zerlumpte Farmer, denen die Verzweiflung in den Augen steht und sadistische Sheriffs, die mit wildem Blick die Bürger terrorisieren. Kein Licht, nirgends: in einem grandiosen Spiel aus schwarzen, braunen und roten Tönen erschafft Lee eine Welt aus Dreck und Dämmerung, durch die Roland reiten muss, um sein Ziel, den "Dark Tower", zu erreichen.

"Der Dunkle Turm" ist ein bleierner und blutiger Horrorwestern, eine beklemmend schöne Augenweide und deshalb nicht von Ungefähr einer der erfolgreichsten Comics der letzten Jahre, bei dessen erstmaligem Erscheinen die Fans nachts vor den Comic-Shops kampierten. Auf Deutsch erscheint die Reihe in zwei Editionen: als preiswerte Taschenbuchausgabe für den Alltagsgebrauch bei Heyne, und als edle gebundene Schwarte im Überformat für Connaisseure. Inhaltlich sind beide Bücher identisch.



Taschenbuch: Heyne, 240 Seiten, 19,95 €
Luxusausgabe: Splitter, 240 S.; 39,80 €

Hal Foster: Prinz Eisenherz

1946 hätte die "Prinz Eisenherz"-Serie eigentlich gut enden können. Die barbarischen Hunnen waren besiegt, der Held endlich unter der Haube der wunderschönen Aleta, für die er um die halbe Welt gereist war. So sind klassische Happy Ends. Was sollte denn da noch kommen?

Ein ganzes Leben! Von Anfang an hatte Hal Foster sich den Kopf zerbrochen, wohin er mit seiner 1937 gestarteten Serie wollte. Nach den Flegel- kamen nun die Erwachsenenjahre. Und hoben die Qualität dieses alle Grenzen sprengenden Abenteuercomics noch einmal auf ein ganz neues Level.

Denn Foster schickte seinen Helden zunächst auf unfreiwillige Hochzeitsreise. Ab 1947 verfolgt Eisenherz einen Widersacher, der Aleta entführt hat, bis an die Gestade des fernen Nordamerikas. Und da kannte der passionierte Landschaftsmaler Foster sich aus: Während Aleta ihren Entführer austrickst, und Eisenherz mit den Indianerstämmen der Gegend um die heutigen Großen Seen Freundschaft schließt, kann Foster ganz und gar in wunderschönen Impressionen von einer Gegend schwelgen, die er durch eigene Reisen nur zu gut kannte.

Die im sechsten Band abgedruckten Erlebnisse der jungen Familie Eisenherz sind weniger Abenteuer- als vielmehr Naturerzählungen im Sinne James Fenimoore Coopers, des Autors der "Lederstrumpf"-Romane. Nicht nur mit unbändiger Begeisterung sondern vor allem mit grafischer wie inhaltlicher Akkuratesse schildert Foster, wie Eisenherz und seine Mannen sich am Huronsee niederlassen, eine Siedlung errichten, jagen und fischen gehen.

Nie zuvor und nie wieder danach wurde im Comic eine Landschaft so berauschend, begeistert und elegisch gefeiert wie in den großformatigen Seiten der "Prinz Eisenherz"-Erzählungen jener Jahre, nie wieder gab es im Comic ein so umfangreiches wie prachtvolles Hohelied auf die unverfälschte Natur zu sehen. Nebenbei sprengt Foster die Erzählkonventionen seiner Zeit. Denn Aleta ist eine junge, emanzipierte Frau, die ebenso gut ohne ihren Gatten in der Wildnis Nordamerikas überleben kann.

Ein in jeder Hinsicht außergewöhnlicher Comic.


Bocola, je 116 S.; je 20,00 €

Émile Bravo: Spirou Spezial 8. Porträt eines Helden als junger Tor

Dass mit dem neuen "Spirou"-Abenteuer etwas im Busch war, wusste man spätestens, seit der französische Verlag Dupuis im März 2008 einen Videotrailer  auf seiner Web-Site gepostet hatte. Nicht nette Comicfiguren begrüßten hier den Neugierigen, sondern unverfälschte Wochenschau-Aufnahmen: Hitler, marschierende Wehrmacht, Bombenflieger. Spirou und die Nazis?

Auf gerade mal 64 Seiten bricht Émile Bravo, Autor und Zeichner von "Porträt eines Helden als junger Tor" mit quasi allen Tabus der Traditionsserie, die in der Regel als weltferne Abenteuerserie konzipiert ist. Nicht nur bindet Bravo die Serie in einen realen historischen Kontext ein - die Monate vor der Besetzung Belgiens durch die deutschen Invasoren -, er verändert auch den Charakter des Helden. In den früheren Comics war der legendäre Franquin-Charakter stets als optimistisch-zupackender beschrieben worden. Hier nun ist er unsicher, verwirrt nicht nur durch die Weltpolitik, sondern auch durch die Frauen, deren Reizen er sich als Pubertierender nur schwer entziehen kann.

Nun ist dieser Band alles andere als eine Adoleszenzkomödie. Zwischen Hormonen und Bomben schreibt Bravo das Drama eines Teenagers, der bei aller Naivität durch ein paar simple Ideen in der Lage wäre, den düster heraufziehenden Zweiten Weltkrieg zu verhindern, schlicht, indem er als einfacher Hotelpage zwischen einer hoffnungslos zerstrittenen polnischen und einer deutschen Diplomatendelegation vermittelt. Mit kräftigem Strich und satten Farben erzählt Bravo die Geschichte eines Scheiterns auf menschlicher wie globaler Ebene: Spirou verliert sein Mädchen und bekommt den Krieg.

Das ist wie die Einlösung eines über siebzig Jahre lang im Raum stehenden Versprechens. Der Page ist Mensch geworden, das Abenteuer Roman. Weitere "Spirou"-Geschichten von Bravo sind angeblich in Vorbereitung. Man freut sich drauf.



Carlsen Comics, 80 S., 10,00 €

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