Comics in Leipzig Was zählt, ist der Spaß

Wenn die Leipziger Buchmesse so etwas wie die kleine Schwester der Frankfurter Messe ist, dann ist die Comicabteilung in Leipzig der Kindergarten. Wie schon in den Jahren zuvor präsentiert man sich hier wesentlich jugendorientierter als am Main. Comics in Leipzig, das heißt in erster Linie Entertainment.


Verkleidete Manga-Fans auf der Leipziger Buchmesse (2002): Typisches Comic-Fantreffen
Stefan Pannor

Verkleidete Manga-Fans auf der Leipziger Buchmesse (2002): Typisches Comic-Fantreffen

Angefangen hat alles vor drei Jahren. Nahm sich die Comic-Ecke auf der Leipziger Buchmesse damals noch eher bescheiden aus, verdoppelte man ein Jahr später bereits die Ausstellerfläche für Comics. Mit dem Carlsen Verlag holte man sich einen ebenso finanz- wie PR-starken Partner dauerhaft ins Boot. Letzterer verlagerte dann sogar seinen Internet-Forums-Auftritt nach Leipzig, so dass wer immer in Kontakt mit Carlsen Comics treten wollte, früher oder später auf die Leipziger Buchmesse traf.

Ein cleverer Schachzug für die Buchmesse, um neues, vor allem jugendliches Publikum anzulocken. Carlsen ist der stärkste Vertreter in Sachen Manga, einem der (wenigen) Boom-Themen im deutschen Verlagsgeschäft, das vor allem Käufer unter 18 Jahren anspricht.

Natürlich ging das nicht ohne Kinderkrankheiten ab. Peinlich etwa, dass die Buchmesse im Jahr 2002 über mehrere Monate ihre Comic-Aktionen mit einem urheberrechtlich nicht eindeutig geklärten Motiv des US-Verlages Wildstorm bewarb - die blonde Heroin "Danger Girl", inoffizielles Wildstorm-Maskottchen, erschien in Anzeigen, auf Postkarten und im Internet, sogar einen Ähnlichkeitswettbewerb rief man aus. Inzwischen geht man wohl lieber auf Nummer Sicher und hat den Carlsen-Star-Artist Dirk Schulz das diesjährige Logo entwerfen lassen.

Auch der im Sommer 2002 lancierte Internet-Auftritt www.Comicsinleipzig.de - in dem sich unter anderem das offizielle Carlsen-Forum befindet - erinnerte zu Anfang eher an ein Spießrutenlaufen: Wer kritische Fragen stellte, fand seine Beiträge schnell gelöscht und den Zugang verwehrt. Auch wenn sich dieser Zustand inzwischen entspannt hat, können weite Teile der Leipzig-HP nicht ohne vorherige Anmeldung betreten werden. Eine im Internet eher unübliche Praxis, die wohl einzig dazu dient, die Zahl der angemeldeten Nutzer in die Höhe zu treiben.

Plaka-Comic "Prussian Blue": Wie ein echter Star
Christina Plaka/ Carlsen Verlag

Plaka-Comic "Prussian Blue": Wie ein echter Star

Neben dem nach wie vor boomendem Schwerpunkt Manga hat man in Leipzig dieses Jahr den Themenbereich Fantasy erweitert. Nach dem insgesamt eher nicht so gloriosen Durchstart des neuen Carlsen-Fantasy-Comic-Programms vor anderthalb Jahren sicher ein Thema, dass eines kräftigen Pushs bedarf. Deshalb dürfen sich diesmal jede Menge Fantasy-Rollenspieler auf der Buchmesse tummeln und das Veranstaltungsprogramm verspricht diverse öffentliche Rollenspielrunden während aller Messetage. Dazu passend sind auch einige Comicschwergewichte aus dem Fantasy-Bereich eingeladen, wobei die zwei vielleicht wichtigsten inzwischen abgesagt haben: Jeff Smith ("Bone") und Charles Vess ("Sandman"), die im Herbst 2002 ihr Gemeinschaftswerk "Rose" bei Carlsen vorlegten, werden wegen der verschärften Situation im Irak nicht anreisen.

Hauptattraktion aber ist und bleibt das Manga-Programm, insbesondere der Zeichenwettbewerb. Wer hier gewinnt, kann ein Star werden und natürlich greift Carlsen den Betreffenden kräftig unter die Arme. Wie etwa Christina Plaka. Die 19-Jährige wurde im Vorjahr aus knapp 1200 Einsendungen zur Siegerin erwählt und veröffentlicht seit Januar ihren Manga "Prussian Blue" in Carlsens neuem Mädchen-Manga-Magazin "Daisuki". Inzwischen wird sie auf Grund des großen Erfolges bei "Daisuki"-Leserinnen nicht nur auf Signiertour geschickt, sondern auch gegen Interviewanfragen fast hermetisch abgeschirmt. Wie ein echter Star eben.

In diesem Jahr sind über 2200 Einsendungen für den Wettbewerb eingegangen - trotz deutlich erhöhtem Schwierigkeitsgrad bei den Teilnahmebedingungen: Sowohl Seitenzahl als auch Format, Leserichtung und Thema der Beiträge war fest vorgegeben. Trotzdem: "Das Niveau der Arbeiten ist höher als letztes Jahr", verspricht jedenfalls Carlsen-Comics-Chef Joachim Kaps. Zu dem Erfolg trägt sicher auch bei, dass man dieses Jahr erstmals den mangafreundlichen Fernsehsender RTL 2 als Kooperationspartner gewinnen konnte.

Neben der Preisverleihung findet man im Programm auch erstmals einen der berühmt-berüchtigten Cosplay-Wettbewerbe, in denen sich die Fans wie ihre Lieblings-Figuren kleiden, sowie das bereits im letzten Jahr erfolgreiche Anime-Kino. Zusammen mit den Signierterminen verschiedenster Künstler entsteht so eher der Eindruck eines typischen Comic-Fan-Treffens: Schwerpunkte für "reifere" Comic-Leser sind nur äußerst gering vorhanden.

Immerhin widmet man dieses Jahr einen größeren Stand dem sonst eher stiefschwesterlich behandelten Thema Cartoon und es wird eine Ausstellung zum Thema DDR-Comics gezeigt. Diskussionsrunden oder Vorträge, die sich ambitioniert mit dem Medium auseinander setzen, sucht man hingegen vergeblich im Programm. Beides gehört im Comicbereich der Frankfurter Buchmesse allerdings zum Alltag. Eine umfangreiche Auseinandersetzung mit der Vielfalt des Mediums bleibt damit in Leipzig wohl außen vor. Was zählt, ist der Spaß.

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