Märchen-Mangas Dornröschen als Massenvernichtungswaffe

Nein, es ist immer noch nicht Schluss mit den Neuinterpretationen der Grimmschen Märchen: Auch japanische und US-amerikanische Zeichner erzählen ihre Versionen von Rotkäppchen und Schneewittchen - manche mit viel Phantasie, andere mit Sex und Gewalt.

Tokyopop

Von Jörg Böckem


Das 200-jährige Jubiläum der Grimmschen Märchen war zwar im vergangenen Jahr, aber mit den Verarbeitungen des Stoffes ist immer noch nicht Schluss: Der Action-Reißer "Hänsel und Gretel: Hexenjäger" belegt die Spitze der Kinocharts. Darin massakrieren die Geschwister, ausgerüstet mit großen Knarren und gewandet in schwarzes Leder, Hexen. Auf Vox läuft seit kurzem die Serie "Grimm", deren Protagonist Ermittler der Mordkommission in Portland und ein Nachkomme der Gebrüder Grimm ist. Er erkennt in seinen Mitmenschen Abbilder von Figuren aus den Erzählungen seiner Vorfahren und bringt Woche für Woche mörderische Märchenbiester zur Strecke.

Die deutschen Märchensammler und ihr Werk haben jedoch auch Comic-Schaffende in aller Welt immer wieder zu aufregenden und durchgeknallten Geschichten inspiriert, in denen die klassischen Märchenfiguren modernisiert werden und sich neuen Herausforderungen stellen müssen. Kürzlich erschienen ist ein Sonderband und Fanbuch von "Grimms Manga". Es basiert auf den Märchenadaptionen der japanischen Zeichnerin Kei Ishiyama. Sie verbindet die vertrauten Figuren kunstvoll mit japanischen Mythen und Erzähltraditionen. So rettet ihr Rotkäppchen einen Wolfsjungen, der eigentlich vorhatte, sie zu fressen, vor einem Jäger. Daraufhin verliebt sich der Wolf in das junge Mädchen. Hänsel ist ein narzisstischer Schönling, der eine kaltherzige reiche Frau verführt.

Im "Grimms Manga Sonderband" führen deutsche Manga-Zeichnerinnen die Tradition auf originelle Weise fort. Die japanische Zeichnerin Ayumi Kanou geht noch einen Schritt weiter, sie holt die Märchenfiguren in die Gegenwart und entstellt sie teilweise bis zur Unkenntlichkeit. In "Grimms Monster" erzählt sie die Geschichte des jungen Otomi Grimm, der nach dem Tod seiner Mutter erfährt, dass er ein Nachfahre der Gebrüder Grimm ist und sich mit bösartigen Märchendämonen herumschlagen muss - seine Vorfahren haben eben jenen Dämonen, die ihnen ihre Geschichten anvertraut haben, als Gegenleistung das Leben eines ihrer Nachfahren versprochen. Ein charmantes Werk mit oft überraschenden Neuinterpretationen der altbekannten Figuren.

Geschlechterverwirrung und Masochismus

Besonders brutal geht es in dem US-amerikanischen Comic "Grimm Fairy Tales" zur Sache. Die Macher verschmelzen Märchenmotive mit Elementen des modernen Splatter- und Horrorfilms. Der große böse Wolf ist ein blutrünstiger Werwolf, der Jagd auf psychisch gestörte junge Frauen (mit eindrucksvoller Oberweite) macht; eine Armee von Märchendämonen will die Welt erobern. Allerdings geraten hier die märchenhaften Vorbilder immer mehr in den Hintergrund, sie sind vor allem Staffage für eine eher konventionelle Horrorgeschichte, gewürzt mit reichlich Sex und Gewalt.

Es geht auch anders. Welche ungeheure Inspirationsquelle die Sagen, Märchen und Mythen der Welt sein können, beweist der US-amerikanische Autor Bill Willingham in seiner epochalen Serie "Fables" seit einigen Jahren. Seine Titelhelden, die Fables, sind Figuren aus eben jenen Volkserzählungen, die zu Beginn der Serie aus ihrer Heimat vertrieben wurden, und heute, verborgen vor den Menschen, auf der Erde leben.

Willinghams Epos besticht mit überbordender Phantasie, faszinierenden Charakteren und spürbarer Begeisterung für die Originale. Mühelos schafft er eine Verbindung zwischen dem Märchenhaften und dem Realen. So muss Rosenrot die schwierige Beziehung zu ihrer Schwester klären und nach einem tragischen Verlust ihre Depression überwinden. Cinderella ist eine schlagkräftige und gewitzte Geheimagentin, Goldlöckchen eine militante politische Aktivistin, und Dornröschen avanciert zur Massenvernichtungswaffe.

Ähnliche Qualität beweist Willingham auch in seiner gerade gestarteten Nebenserie "Fairest". Große Erzählkunst, die kongenial in Szene gesetzt wird von hochtalentierten Zeichnern, allen voran der großartige Mark Buckingham. Den Gebrüdern Grimm hätte es wohl gefallen.


Kei Ishiyama: "Grimms Manga Fanbuch". Aus dem Japanischen von Yuki Kowalski. Verlag Tokyopop, Hamburg; 176 Seiten; 14 Euro.
Anike Hage, Nina Werner u.a.: "Grimms Manga Sonderband Perfect Edition". Verlag Tokyopop, Hamburg; 224 Seiten; 14 Euro.
Ayumi Kanou: "Grimms Monster Perfect Edition 2". Aus dem Japanischen von Yohana Araki. Verlag Tokyopop, Hamburg; 200 Seiten, 14 Euro.
Ralph Tedesco, Raven Gregory, Sanchez Brusin: "Grimm Fairy Tales - Die Traumfresser-Saga Band 2" . Aus dem Amerikanischen von Sandra Kentopf. Panini Verlag, Stuttgart; 208 Seiten; 19,95 Euro.
Bill Willingham, Mark Buckingham u.a.: "Fables 17 - Wettkampf der Zauberer". Aus dem Amerikanischen von Gerlinde Althoff. Panini Verlag Stuttgart; 144 Seiten, 16,95 Euro.
Bill Willingham und Phil Jiminez: "Fairest 1 - Wachgeküsst". Aus dem Amerikanischen von Gerlinde Althoff. Panini Verlag Stuttgart; 160 Seiten; 16,95 Euro.



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aldamann 11.03.2013
1. Neil Gaiman
brachte einst (ich glaub' es war in den 90ern, jedenfalls lange vor Snowwhite and the Huntsman) eine Neuinterpretation von Schneewittchen heraus, in der Schneewittchen der Bösewicht (eine Vampirin), die böse Stiefmutter eine Vampirjägerin, die Zwerge räuberisches, teufelsanbetendes Waldvolk und der Prinz nekrophil war. Eine durchaus schlüssige Neuinterpretation, wenn auch nur für die Augen und Ohren von aufgeklärten Erwachsenen gedacht. Neuinterpretationen von Märchen und Sagen sind gute Unterhaltung, wenn sie gut gemacht sind und ihren Charakter behalten. Leider bietet da sowohl Hollywood als auch Japan mehr Schund als Gutes. Eine ganz andere Frage - um wieder auf ein altes Thema zurückzukommen: darf man ein verfremdetes Märchen immer noch mit seinem Titel benennen und es "Neuinterpretation" nennen, sich aber dennoch darüber aufregen, wenn in Pipi Langstrumpf (und anderen) der Negerkönig zum Südseekönig gemacht wird?! Besteht da ein Unterschied oder sind beide Verfremdungen legitim/illegitim?
kalumeth 11.03.2013
2.
Zitat von aldamannbrachte einst (ich glaub' es war in den 90ern, jedenfalls lange vor Snowwhite and the Huntsman) eine Neuinterpretation von Schneewittchen heraus, in der Schneewittchen der Bösewicht (eine Vampirin), die böse Stiefmutter eine Vampirjägerin, die Zwerge räuberisches, teufelsanbetendes Waldvolk und der Prinz nekrophil war. Eine durchaus schlüssige Neuinterpretation, wenn auch nur für die Augen und Ohren von aufgeklärten Erwachsenen gedacht. Neuinterpretationen von Märchen und Sagen sind gute Unterhaltung, wenn sie gut gemacht sind und ihren Charakter behalten. Leider bietet da sowohl Hollywood als auch Japan mehr Schund als Gutes. Eine ganz andere Frage - um wieder auf ein altes Thema zurückzukommen: darf man ein verfremdetes Märchen immer noch mit seinem Titel benennen und es "Neuinterpretation" nennen, sich aber dennoch darüber aufregen, wenn in Pipi Langstrumpf (und anderen) der Negerkönig zum Südseekönig gemacht wird?! Besteht da ein Unterschied oder sind beide Verfremdungen legitim/illegitim?
In vor-monotheistischer Zeit waren Märchen vor allem auch ein spirituelles Kulturgut. Sie dienten ganzheitlich der lebendigen Archetypenbeschreibung. Natürlich dürfte man sie prinzipiell auch neu interpretieren. Doch ohne eine Hommage an ihren ursprünglichen Sinn, redet man nur der allgemeinen Verflachung das Wort sowie (gewesener) gewaltsamer Kulturunterdrückung durch die neueren Weltreligionen. Zum Beispiel Dornröschen vergleiche hier aus Astrologie, Claus Riemann (http://www.vantastik.de) zu den Planetenprinzipien: ".. Wie du das Prinzip lernst, ist dem Prinzip egal: Du kannst sehend dein Schicksal erfüllen oder blind dein Schicksal erleiden. Wenn du nicht bereit bist, Freundschaft mit diesen inneren Familienmitgliedern zu schließen, dann wird ein Problem entstehen. Sehr schön ausgedrückt ist dieses Problem im Märchen von Dornröschen. Das Dornröschen-Drama beginnt ja damit, dass beim großen Festessen kein Gedeck für die dreizehnte Fee vorhanden ist. Für zwölf Feen ist der Tisch gedeckt, die dreizehnte wird ausgesperrt und nach dem Motto "Was du abspaltest wird böse" wird die dreizehnte Fee zur Giftmischerin. Sie ist gekränkt, sie ist beleidigt und sie verhängt diesen Fluch, dass Dornröschen sich an der Spindel stechen soll. Was bedeutet dieses Dornröschen-Motiv? Die Zahl 12 kann dem männlich-sonnenhaften Prinzip zugeordnet werden – es gibt ja die zwölf Sonnen-Monate, unsere Tierkreiszeichen eben, die Zahl 13 hingegen, die wir so gerne als verflixte 13, als Unglückszahl betrachten, entspricht dem Mond, dem Weiblichen, denn es gibt dreizehn Mondumläufe im Jahr. So könnte man sagen, dass dieses Märchen in genialer bildhafter Form kollektiv gesehen über die Aussperrung des Weiblichen in der patriarchalen Welt erzählt. Das ist ja seit Jahrtausenden in unserer Welt passiert – auch in unseren Gottesbildern wird das Weibliche längst nicht gleichwertig behandelt, wir haben ja nicht Mutter, Tochter und Heiliger Geist. Das ist also der kollektive Aspekt dieses "Dreizehnte-Fee-Motivs", aber man kann das Motiv auch ohne Probleme auf das Individuum übersetzen. Gerade in astrologischer Hinsicht könnte man sagen: Wenn du für einen Planetengott nicht bereit bist, den Tisch zu decken, dann wird dieser Gott, diese Göttin ein Problem für dich..." Mehr in Claus Riemanns kulturhistorisch-interpretierendem Sachbuch 'Der tiefe Brunnen' - Märchen und Astrologie
dr.joe.66 11.03.2013
3. Kultur ? Horror - Splash - Sex ??
Zitat von aldamannbrachte einst (ich glaub' es war in den 90ern, jedenfalls lange vor Snowwhite and the Huntsman) eine Neuinterpretation von Schneewittchen heraus, in der Schneewittchen der Bösewicht (eine Vampirin), die böse Stiefmutter eine Vampirjägerin, die Zwerge räuberisches, teufelsanbetendes Waldvolk und der Prinz nekrophil war. Eine durchaus schlüssige Neuinterpretation, wenn auch nur für die Augen und Ohren von aufgeklärten Erwachsenen gedacht. Neuinterpretationen von Märchen und Sagen sind gute Unterhaltung, wenn sie gut gemacht sind und ihren Charakter behalten. Leider bietet da sowohl Hollywood als auch Japan mehr Schund als Gutes. Eine ganz andere Frage - um wieder auf ein altes Thema zurückzukommen: darf man ein verfremdetes Märchen immer noch mit seinem Titel benennen und es "Neuinterpretation" nennen, sich aber dennoch darüber aufregen, wenn in Pipi Langstrumpf (und anderen) der Negerkönig zum Südseekönig gemacht wird?! Besteht da ein Unterschied oder sind beide Verfremdungen legitim/illegitim?
Mangas als Kultur ? In Tokyo hatte ich mehrere Monate das Vergnügen, als Pendler die Mangas zu sehen, die sich der japanische Durchschnitts-Bankangestellte morgens und abends in der U-Bahn so reinzieht. Neben der gezeigten Brutalität würde ich 80% davon als pädophil bezeichnen - gesellschaftlich akzeptierte Pädophilie, wohlgemerkt! Vielleicht sollte Herr Brüderle seinen blöden Spruch als künstlerischen Ausdruck bezeichnen. Dann wäre es SPON-fähige Kultur und kein böser Sexismus mehr! Sorry, SPON, bitte auch bei hippen Themen nicht die Reflexionsfähigkeit abschalten!
carstenmeissner 11.03.2013
4.
Schön, dass popkulturelle Themen wie "Märchen im Comic" bei Euch stattfinden. Das freut uns sehr. Noch mehr gefreut hätten wir uns, wenn der Autor, nachdem er sich scheinbar von zwei unserer Beiträge inspirieren ließ nahezu wörtlich zitiert, uns auch genannt hätte. 1.) aus unserem Beitrag über "Grimms Manga" bei 1:20min unter http://www.myvideo.de/webstars/watch/8977409/J_Mag_LIVE_Stream_1_1_3_13_02_13 und 2.) aus unserem Beitrag über "Fables", zu sehen unter http://www.myvideo.de/watch/8683619/Feature_Fables_aufgezeichnet_tv. Hätte er uns gefragt, dann hätte er sogar unser Bewegtbildmaterial einbinden können :-) Na ja, vielleicht beim nächsten Mal. Carsten Meißner - Produzent von J-MAG "Aufgezeichnet.tv" -
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