Comics Vom Nutzen und Nachteil der Historie für den Helden

Der Marvel-Verlag schickt seine altgedienten Helden zur Frischzellenkur in die Welt des Krimi Noir. Das Ergebnis: Oft originelle Geschichten und großartige, grottenfinstere Bilder. Doch leider lässt sich auch diese Idee zu Tode kopieren.
Von Jörg Böckem
Marvel-Noir-Reihe: Figuren vom Ballast der Geschichte befreit

Marvel-Noir-Reihe: Figuren vom Ballast der Geschichte befreit

Manchmal ist die Geschichte eine Last. Der Marvel-Verlag, immer noch einer der weltgrößten Comicverlage, trägt seit Jahren mitunter schwer an dieser Bürde. Auch wenn er die Filmstudios zuletzt verlässlich mit Lizenzen für Blockbuster-Material versorgt: Die Heimat von Spider-Man, den X-Men, Iron Man und Thor taumelt in den vergangenen Jahren oft am Rande der Insolvenz und auch mal darüber hinaus. Probleme macht unter anderem die Historie, die Verlag und Kreativen wie ein Mühlstein am Hals zu hängen scheint.

So hat Spider-Man, ersonnen 1962, knapp 50 Jahre auf dem Buckel, nebst vielfältiger, teils absurder Wendungen in der Lebensgeschichte, sechs Arme, Klondoppelgänger und lebendes Symbiontenkostüm inklusive. Die X-Men, rund ein Jahr jünger, starteten ihre Abenteuer zu sechst, zwischendurch wuchs ihre Zahl auf das gefühlt Hundertfache, Tod und Wiedergeburt, Mutationen und Manipulationen, alternative Universen, Weltraumabenteuer und zahlreiche mehr oder weniger gelungene Modernisierungsversuche machten das Wirrwarr komplett. Die Geschichte der Marvel-Helden ist mittlerweile so unübersichtlich wie das Sexleben von Silvio Berlusconi und die Korruption innerhalb der Fifa. Unregelmäßige oder gar neue Leser verlieren da schnell die Orientierung und das Interesse.

Düstere Helden in einer düsteren Welt

Kein Wunder, dass der Verlag zahleiche Versuche unternommen hat, die Figuren vom Ballast der Geschichte zu befreien. Mit der Serie "Marvel Noir" ist das zum Teil gelungen. Sinnigerweise suchen und finden die Kreativen die Rettung aus der Historienfalle in der Historie: Die klassischen Marvel-Helden werden aus ihrem Kontext herausgelöst und im Geist der Krimis von Raymond Chandler und Dashiell Hammett, des Film Noir und der Pulp-Literatur, neu erfunden, ohne oder mit modifizierten Kräften - düstere Helden in einer düsteren Version der Welt der dreißiger Jahre, geprägt von organisiertem Verbrechen, allgegenwärtiger Korruption und dem Schatten des Zweiten Weltkriegs.

Dass der Superhelden-Comic vom Hardboiled-Krimi, Film Noir und den Pulps profitieren kann, haben Autoren wie Brian Michael Bendis und Ed Brubaker in der jüngeren Vergangenheit bewiesen, und auch die Idee Marvel Noir ging zunächst auf. Die ersten Miniserien, "Spider-Man" und "X-Men", waren zu Recht ein großer Erfolg - originelle Geschichten und großartige, grottenfinstere Bilder, ein frischer, facettenreicher Blick auf die Charaktere.

Leider offenbart der Marvel-Verlag aber auch bei der Noir-Serie wieder eine seiner größten Schwächen: Jedes Erfolgskonzept wird bis zum Erbrechen kopiert und weitergeführt, die Qualität bleibt dabei irgendwann auf der Strecke. Auch das Noir-Gewand wurde den Figuren scheinbar wahl- und oft ideenlos übergestülpt, das Ergebnis ist immer seltener überzeugend. "Punisher", bisheriger Tiefpunkt der Serie, war von erschütternder Beliebigkeit, das Noir-Label dreister Etikettenschwindel.

Auch der Anfang des Jahres erschienene zweite Band der X-Men-Reihe "Das Kainsmal" offenbarte deutliche Schwächen in der Geschichte, die die großartigen Zeichnungen von Dennis Calero kaum zu überdecken vermochten. Und der aktuelle Titel "Iron Man" ist nicht mehr als ein läppisches Abenteuergeschichtchen, lieblos zusammengeschusterte Versatzstücke in uninspirierten Bildern. Neben dem Umgang mit der Geschichte seiner Figuren plagt den Marvel-Verlag offensichtlich ein anderes Problem: Die Verantwortlichen scheinen nicht zu begreifen, dass jede noch so gute Idee zu Tode kopiert werden kann.


Marvel-Noir-Reihe:
Fred Van Lente (Autor)/Dennis Calero (Zeichnungen): X-Men - Das Kainsmal.
Panini Comics, Stuttgart; 140 Seiten; 14,95 Euro.
Scott Snyder (Autor)/Manuel Garcia (Zeichnungen): Iron Man. Panini Comics, Stuttgart; 100 Seiten; 14,95 Euro.

Außerdem auf Deutsch bei Panini Comics erschienen:
Marvel Noir: Spider-Man 1-2;
Marvel Noir: Wolverine;
Marvel Noir: Daredevil;
Marvel Noir: Punisher.

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