Architekten-Comics Kunst am Bau

Ist es ein Trend? Oder bloß Zufall? Gerade gibt es eine Menge Comics von Architekten - oft auch noch über Architekten. Was taugen die Bildergeschichten vom Bauen? Die Analyse zeigt: Häuser sind nicht immer ihre Stärke.

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Zum Autor
    Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Auch sein zweiter Roman "Die Hungrigen und die Satten" schaffte es auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.
  • Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Jaja, 100 Jahre Bauhaus. Deswegen kommen jetzt zwei Comics raus, die sich mit Architekten befassen: Le Corbusier und Mies van der Rohe. Die sind, nicht ganz überraschend, gezeichnet von Leuten, die auch Architekten sind. Aber - da war doch noch was, gerade erst: "Der Magnet", über eine Therme von Stararchitekt Peter Zumthor, gezeichnet von Lucas Harari, der vor seiner Comic-Karriere was studiert hat? Genau. Architektur.

Ist das ein Zufall? Oder ein Trend? Wenn man die Verlagsprogramme durchblättert, stellt man jedenfalls fest: Zeichnende Architekten gibt's noch einige mehr. Und das sind keine kurzlebigen Immobilien-Blasen. Wenn Verlage etwas von denen veröffentlichen, geben sie meist auch noch weiteren Titeln von ihnen eine Chance. Weil sie besser sind als andere?

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Architektur-Comics: Das ist nicht das Haus vom Nikolaus

Überraschenderweise scheinen schon bei "Der Pavillon" von Andreas Müller-Weiss Häuser nicht die Stärke zu sein. Müller-Weiss dröselt einen realen Krimi auf: um Le Corbusier, eine Villa an der Côte d'Azur und deren Nachbesitzer. Inhaltlich reichlich verwickelt, obwohl Müller-Weiss sich tapfer um Entflechtung müht. Auch die Optik ist zwiespältig, Menschen sind keine Hingucker. Sehr anregend ist hingegen, wie Müller-Weiss die Doppelseiten konzipiert.

Preisabfragezeitpunkt:
05.11.2019, 15:23 Uhr
Ohne Gewähr

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Andreas Müller-Weiss
Der Pavillon: Mord an der Promenade Le Corbusier

Verlag:
Edition Moderne
Seiten:
72
Preis:
EUR 29,00

Neben der Handlung verbindet die schlichten, kräftigen Farbkompositionen jeweils eine über beide Seiten gehende Tier-Ebene: Da macht sich etwa ein Rabe über die Zeichnungen her, und Müller-Weiss baut die Rabenfedern in seine Panels so unterhaltsam ein, dass man vergisst, nach dem Sinn zu fragen. Absolut sehenswert -aber so hatte ich mir Architektencomics natürlich nicht vorgestellt.

Sondern mehr wie François Schuiten und Benoît Peeters. Die Belgier sind prima im Geschäft, preisgekrönt und mit ein bis zwei Zehen im Filmgeschäft. Architektenkind (Mama und Papa) Schuiten liefert die Bilder, fürs Szenario hat er Peeters. Das Resultat ist mal solide, mal umwerfend, und die Schwankungen liegen nicht an Schuiten. Der zeigt verlässlich gigantische Städte, Gebäudeschluchten wie weiland Winsor McCay, mitunter mit einem Hauch Steampunk. Weniger zuverlässig ist die Qualität von Benoîts Szenarien. Rundum empfehlenswert finde ich die Internet-Parabel "Fieber in Urbicand", die Wüstenfabel "Jenseits der Grenze" oder das Luftschiff-Abenteuer "Der Weg nach Armilia".

Preisabfragezeitpunkt:
05.11.2019, 15:30 Uhr
Ohne Gewähr

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François Schuiten, Benoît Peeters
Der Weg nach Armilia (Die geheimnisvollen Städte)

Verlag:
Schreiber & Leser
Seiten:
112
Preis:
EUR 24,80

Auch "Salzhunger" von Mattias Gnehm überzeugt optisch mehr als erzählerisch. Gnehm ist ebenfalls etabliert, hat Ausstellungen, Preise und veröffentlicht schon fast 25 Jahre, seit 2003 ohne Szenarist. Diesmal gibt's einen Krimi über und aus Nigeria: Eine Umwelt-Organisation versucht, Öko-Verbrechen zu beweisen. Könnte ein straighter Thriller sein, aber Gnehm will noch jede Menge Politik erklären, Intrigen innerhalb der Umweltschützer unterbringen und vor lauter Wollen geht die Geschichte verloren. Was bleibt, sind überzeugende Splashes, ein sicheres Gespür für die richtige Atmosphäre, sein Nigeria ist hier durchaus vergleichbar mit Matthias Schultheiss' "Haien von Lagos".

Preisabfragezeitpunkt:
05.11.2019, 15:32 Uhr
Ohne Gewähr

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Matthias Gnehm
Salzhunger

Verlag:
Edition Moderne
Seiten:
220
Preis:
EUR 32,00

Verglichen mit dem unbequemen Gnehm ist Agustin Ferrer Casas' "Mies" deutlich konventioneller, ein Produkt ohne Ecken und Kanten. Casas schildert das Leben von Ludwig Mies van der Rohe weitgehend chronologisch, und damit es einen Grund dafür gibt, lässt er den gealterten Star in einer Rahmenhandlung mit seinem Enkel reden, als höre der die Geschichten zum ersten Mal. Das ist arg routiniert, wie überhaupt vieles in "Mies": Gediegene Seitenaufteilung, das Gewagteste sind zwei zum centerfold-artigen Hochformat genutzte Doppelseiten.

Preisabfragezeitpunkt:
05.11.2019, 15:33 Uhr
Ohne Gewähr

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Agustín Ferrer Casas
MIES - Mies van der Rohe: Ein visionärer Architekt

Verlag:
Carlsen
Seiten:
176
Preis:
EUR 20,00

Die Figuren sind statisch, leicht uncharmant porträtiert und wickeln brav ihre Dialoge ab, aber der Stoff bleibt gut: man kriegt einen umfassenden Einstieg in Mies' Leben und Lieben, seine Rolle in der NS-Diktatur und seine berühmtesten Bauten. Doch ein Comic hat größere Möglichkeiten, gerade auch für einen Architekten. Das weiß ich aber auch nur, seit ich den Japaner Tsutomo Nihei in die Finger gekriegt habe und seine Serie "Blame".

Preisabfragezeitpunkt:
05.11.2019, 15:34 Uhr
Ohne Gewähr

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Tsutomu Nihei
BLAME! Master Edition 1

Verlag:
Cross Cult
Seiten:
400
Preis:
EUR 28,00

François Schuitens Panoramen sind oft atemberaubend, aber Nihei setzt noch einen drauf. Wenn er den Blick des Lesers in die Tiefe seiner garstig-verrotteten Technikwelten öffnet, in die Schluchten zwischen endlos zusammengeschraubten Maschinenwänden lenkt, dann ist man besser schwindelfrei. Zusätzlich hat Nihei ein bewundernswürdiges Händchen für Action: schnell geschnitten, immer wieder geschickt zwischen brutalen Details und gewaltigen Totalen wechselnd.

Regelrecht herzen möchte man ihn allerdings für den Mut zur Stille: Nihei weiß, dass Ungewissheit fesselnder ist als seitenlange Erklärungen. Also sind seine Helden schweigsam und treffen Leute, die genauso wenig sagen. Wozu sollen sie reden? Für den Leser? Sieht Nihei gar nicht ein! Wie geschickt das war, sieht man an seiner neuen Serie "Aposimz".

Preisabfragezeitpunkt:
05.11.2019, 15:35 Uhr
Ohne Gewähr

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Tsutomu Nihei
Aposimz - Land der Puppen 1

Verlag:
Cross Cult
Seiten:
192
Preis:
EUR 10,00

Die gigantische Maschinen-Planetenwelt ist vergleichbar, aber Niheis Zeichenstil ist jetzt nicht mehr kalt und schmerzhaft klar, sondern sempéhaft sanft. Das wird durch einige Splattermomente noch gut ausbalanciert, aber aus der Schweigsamkeit ist inzwischen Geschwätzigkeit geworden: in dieser bizarren Welt gelten unendliche, ständig ausgebreitete Regeln.

Und jetzt?

Wenn Sie bei Comics nicht mögen, dass es zu sehr nach verkünstelter Kunst aussieht, machen Sie beim Architekten selten was verkehrt. Bei der Story gilt: Das kann so oder so gehen.



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Horst aus Wien 07.11.2019
1. Schuiten
Endlich eine Erwähnung des Belgiers den ich und der sein Brüssel (Brusel) so liebt. Hinzuzufügen bleibt ein Hinweis auf das aktuelle Werk "Der Letzte Pharao", wo Francois Schuiten mit 3 Szenaristen den klassischen Werken von Edgar P. Jacobs "Blake und Mortimer" ein wunderbares Steampunk Denkmal setzt. Hauptakteur der sehr gewagt futuristisch ägyptischen Storyline ist der klassizistische Brüsseler Justizpalast, der zur Darstellung bis in den letzten Winkel erkundet und vermessen wurde. Ein Fest für Auge und Hirn. Carlsen Comics, 19,99€, fest gebunden.
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