Paolo Giordano über die Coronakrise "Wir sollten auch zu normalen Zeiten mehr auf Wissenschaftler hören"

Paolo Giordano ist Italiener, Physiker und Autor des Bestsellers "Die Einsamkeit der Primzahlen". Hier erklärt er, warum er jetzt "In Zeiten der Ansteckung" schreiben musste - das erste Buch eines Schriftstellers über die Coronakrise.
Ein Interview von Felix Bayer
Autor Giordano: "Grenzschließungen sind Irrsinn"

Autor Giordano: "Grenzschließungen sind Irrsinn"

Foto: Leonardo Cendamo/ Getty Images
Zur Person

Paolo Giordano wurde 1982 in Turin geboren, wo er Physik studierte und in theoretischer Physik promoviert wurde. Anschließend arbeitete er als Journalist. Sein erster Roman "Die Einsamkeit der Primzahlen" (2008) war ein internationaler Bestseller, der in über vierzig Sprachen übersetzt und verfilmt wurde; Giordano erhielt dafür den angesehensten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega. 2018 erschien sein Roman "Den Himmel stürmen". Giordano lebt in Rom, wo wir ihn telefonisch erreichten.

SPIEGEL: Herr Giordano, "In Zeiten der Ansteckung" ist das erste Buch eines bekannten Autors zur Coronakrise. In tagebuchartigen Kapiteln mischen Sie wissenschaftliche Erkenntnisse, Anekdoten und philosophische Überlegungen. Warum haben Sie das Buch schon jetzt publiziert?

Giordano: Ich hatte zwei Beweggründe. Zum einen wollte ich den Leuten dringend helfen, besser zu verstehen. Anfangs gab es ja einige Verwirrung über verschiedene Szenarien. Ich kenne mich aus mit Zahlen, und einer der besten Wege, die Situation zu verstehen, war über die Mathematik.

SPIEGEL: Im Buch erklären Sie zum Beispiel die Basisreproduktionszahl  - der statistische Wert, wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt. Sie analysieren auch Graphen und Gleichungen.

Giordano: Am Anfang brauchte es ein wenig abstraktes Denken, um sich vorzustellen, was passieren würde. Ich spürte, dass ich das sehr schnell aufschreiben muss, denn ich wollte, dass das Buch nützlich ist - nicht bloß in Italien, sondern auch anderswo. Es war ja schnell klar, dass es anderen Ländern ähnlich ergehen würde, mit etwas Verspätung.

SPIEGEL: Und was war der andere Grund?

Giordano: Da geht es um etwas Langsameres: Um ein paar Ideen, über die nachzudenken wir uns gerade jetzt die Zeit nehmen sollten, weil sie auch nach der Krise wirken könnten - zum Beispiel über die Rolle des Menschen im Ökosystem.

SPIEGEL: Man merkt dem Buch Ihre besondere Rolle an: Einerseits ist da Ihr mathematisches Verständnis im Umgang mit Daten. Andererseits gehen Sie - mit der Empathie des Romanautors - auf Gefühle wie Verwirrung oder Fatalismus ein.

Giordano: Eines der Probleme dieser Krise ist die Menge an Wissenschaft, die wir brauchen, um sie zu verstehen. Ich meine nicht nur die Mathematik. Es gibt so viel zu lernen über Medizin, Virologie, Epidemiologie, Umweltfragen. Man hat das Gefühl, von all dem weggeblasen zu werden. Es muss auf eine Weise kommuniziert werden, die nicht verängstigt und nicht verwirrt. Denn Information ist gerade wirklich von herausragender Bedeutung, sie ist die erste Instanz der Prävention. Gut informierte Bürger verhalten sich auf schlüssige Weise - und die Epidemie kann gestoppt werden. Wenn sie nicht informiert sind, funktioniert es nicht.

SPIEGEL: Manche Wissenschaftler tauchen derzeit so oft im Fernsehen auf, dass sie zu Stars geworden sind. Gelingt es ihnen Ihrer Meinung nach, die wichtigen Informationen rüberzubringen?

Giordano: Auch da gab es etwas Verwirrung in den ersten Wochen. Aber ich würde sagen, das ist normal. Wissenschaft lebt von der Debatte, davon, Dinge zu beweisen und von Zweifeln. Das Problem ist eher: Wir sollten auch zu normalen Zeiten mehr auf Wissenschaftler hören. Nicht erst jetzt, da wir in einer Krise sind und es irgendwie zu spät ist. Aber das ist nicht unsere Grundhaltung. Denn die Wissenschaft gibt uns oft Antworten, die komplexer sind als das, was wir hören wollen. Insbesondere die Politik stellt sich öfters taub, auch in normalen Zeiten.

SPIEGEL: Darüber schreiben sie im Buch: "Während die Wirklichkeit immer komplexer wird, sind wir immer weniger bereit, Komplexität zu akzeptieren."

Giordano: Wir wollen unsere Informationen schnell und einfach. Aber es gibt Sachverhalte, die sind nicht einfach. Die sind komplex und müssen auch in ihrer Komplexität erzählt werden.

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[Giordano, Paolo]

In Zeiten der Ansteckung: Wie die Corona-Pandemie unser Leben verändert

Aus dem Italienischen übersetzt von: Barbara Kleiner
Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Seitenzahl: 69
Download: Kindle Ausgabe
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SPIEGEL: In diesem Zusammenhang zitieren Sie den Physik-Nobelpreisträger Philip Warren Anderson, der gerade verstorben ist , mit seinem berühmten Satz "More Is Different": Der Gesamteffekt unserer einzelnen Handlungen auf das Kollektiv sei etwas anderes als die Summe der einzelnen Effekte. Aber wie kann man als Einzelner sein Handeln darauf ausrichten?

Giordano: Richtig, wir sind daran gewöhnt, als Individuum zu handeln. Als Individuen haben wir alle unsere Projekte, unsere Pläne. Wir haben unsere Ziele im Sinn und den Gewinn daraus.

SPIEGEL: Ist das denn grundsätzlich falsch?

Giordano: Nein, ich meine das nicht in einem moralischen Sinne, bloß als Erklärung. So funktioniert ja unsere Gesellschaft, sie ist produktiv, wenn wir uns alle auf unsere Projekte fokussieren. Als dann die Pandemie begann, haben wir realisiert, dass wir viele unserer Projekte stoppen müssen, dass wir Verzicht üben müssen. Denn wir müssen etwas schützen, was größer ist als wir selbst.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das konkret?

Giordano: Ich glaube nicht, dass wir die Ausgangsbeschränkungen so gut befolgen, weil wir selbst Angst haben, krank zu werden. Einige Leute schon, klar. Aber insbesondere die Jungen werden gedacht haben: Lasst mich mein Leben weiterleben! Dann haben sie verstanden, was auf dem Spiel steht - der mögliche Zusammenbruch unseres Gesundheitssystems, das Schicksal der Verletzlicheren: Ältere, Menschen mit Vorerkrankungen, und sogar Leute, die weit von uns entfernt sind. Ich habe einen 15-Jährigen zu Hause und ich bin sehr erstaunt über die Reife, mit der er mit der Situation umgeht. Er hat sie sehr früh verstanden und verhält sich korrekt. Und was mich am meisten überrascht: Er beschwert sich kaum! Das finde ich sehr stark.

SPIEGEL: In dem Buch beschreiben Sie die Ausbreitung der Pandemie auch als Effekt der Globalisierung. In der Reaktion darauf gibt es Ansätze der Renationalisierung, Grenzen werden geschlossen.

"Diese Sache ist nicht in zwei oder in vier Wochen vorbei."

Paolo Giordano

Giordano: Ich denke: Es ist sinnlos, im Jahr 2020 darüber zu reden, ob die Globalisierung eine gute oder schlechte Sache ist. Das hätte man vielleicht vor 30 Jahren machen können. Aber heute: Die Globalisierung ist da. Nur: Gehen wir richtig mit ihr um? Man kann mit Globalisierung nur auf eine globalisierte Weise umgehen. Jeder Versuch einer rein nationalen Strategie ist nicht nur falsch, sondern auch nicht effektiv.

SPIEGEL: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Giordano: Aus irgendeinem Grund dachten wir, dass diese Sache auf China begrenzt sein könnte und dass wir in Sicherheit wären. Als das Virus dann schon in Italien war und die Situation ziemlich übel, verhielten sich unsere Nachbarn in Europa noch eine Zeit lang, als könnte es ihnen nicht genauso ergehen. Und das Schlimmste jetzt ist, dass wir immer noch nicht in der Weise und in der Tiefe zusammenarbeiten, wie sie dieser Ausnahmezustand erfordert. Es gibt die gesundheitliche Pandemie, aber es beginnt auch eine ökonomische Pandemie. Wie sollen wir uns der entgegenstellen ohne sehr starke Kooperation? Die EU sollte damit beginnen, aber die Zusammenarbeit sollte darüber hinausgehen. Bisher war das ziemlich enttäuschend.

SPIEGEL: Wir wissen zwar nicht wann, aber es gibt ja die Hoffnung, dass wir in eine Normalität zurückkehren. Gibt es diese Diskussion in Italien, wo mehr Opfer zu beklagen sind, auch?

Giordano: Nein, wir sind in Italien schon etwas spät dran damit, die nächste Phase vorzubereiten. Denn es wird keine Möglichkeit geben, zur Normalität zurückzukehren, solange nicht einige Maßnahmen klar definiert und in Kraft gesetzt sind.

SPIEGEL: Welche meinen Sie?

Giordano: Weitgehende Tests, die Nachverfolgung und das Erkennen möglicher neuer Hotspots der Ansteckung. Denn diese Sache ist nicht in zwei oder in vier Wochen vorbei. Und wir können uns auch nicht leisten, zwei weitere Monate in einem Lockdown zu bleiben. Wir brauchen also eine Strategie, wer wann wie zurückkommen kann. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Regierung daran arbeitet. Aber bei der Kommunikation gibt es da zu viel Schweigen.

SPIEGEL: Warum soll so eine Strategie unbedingt öffentlich gemacht werden?

Giordano: Weil wir in eine weitere komplizierte Phase eintreten: Bisher waren die Leute äußerst motiviert, zu Hause zu bleiben, weil wir die schockierenden Bilder aus dem Norden unseres Landes gesehen haben - und weil wir die Sanktionen gefürchtet haben. Diese Phase war die des Wartens auf den Höhepunkt der Ansteckungskurve. Nun nähern wir uns dem, aber es ist nicht vorbei an diesem Punkt! Wir müssen vorsichtig bleiben, noch längere Zeit drinnen bleiben. Ich fürchte, dass die Motivation nachlassen und die Anspannung ansteigen wird. Deshalb sollten wir uns mehr darauf konzentrieren: Welches sind die nächsten Schritte der Öffnung, wann können wir was machen - und warum. Wieder gilt: Richtig informierte Leute sind wahrscheinlich eher bereit zu warten.

SPIEGEL: Wie sehen Ihre persönlichen nächsten Schritte aus? Wann, glauben Sie, werden Sie als Schriftsteller wieder das "magische Denken" zulassen, von dem Sie im Buch schreiben, dass es derzeit ein Fehler sei?

Giordano: Es wird sicher kommen. Aber im Moment kann ich nicht aufhören, auf die Realität zu starren. Ich versuche so viel wie möglich zu wissen, so viel wie möglich zu verstehen. Außerdem sollten wir als Romanautoren keine Angst vor der Realität haben. Wir werden viel Zeit haben, um all das zu verdauen und es zu vertiefen. Doch im Moment gibt es sehr Dringliches zu tun!