Shida Bazyar

Corona und die eigene Herkunft "Dich hätte ich so jetzt nicht erwartet - so abgesichert"

Shida Bazyar
Ein Gastbeitrag von Shida Bazyar
In einem idyllischen Landhaus erlebt unsere Autorin die Isolation - und das Glück, eine Wahl zu haben. Wäre das Coronavirus in ihrer Kindheit ausgebrochen, wäre es ihr schlecht ergangen.
Ländliche Idylle (Symboldbild)

Ländliche Idylle (Symboldbild)

Foto: Sonja Filitz/ Getty Images
Geschlossene Gesellschaft

Was macht Corona mit dem Leben? In dieser Reihe schreiben Künstler, Autorinnen und Denker über die großen Fragen in der Krise.

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Ich bin dem Coronavirus begegnet. Zwar nicht persönlich - zumindest nicht, dass ich wüsste - aber dennoch intensiv. Ungesehen und schleichend, Zellen manipulierend und nervtötend hat es sich mir als blanke Idee auf die Schulter gesetzt und mit mir gemeinsam in den Spiegel geguckt. Wir waren beide überrascht von dem, was wir sahen.

Das Virus befällt das, was es vorfindet. Es befällt nicht das, was war, es ist nicht fair. Jemand, der vor Kurzem noch Geld, eine Absicherung und ein soziales Netz hatte und all das aus irgendeinem Grund kurz vor Ausbruch der Pandemie verloren hat, steht genauso nackt vor ihm wie jemand, der noch nie eine gesicherte Existenz hatte.

In meinem Fall ist es umgekehrt. Das Virus sitzt auf meiner Schulter, schaut mit mir in den Spiegel und sagt: "Nanu? Dich hätte ich so jetzt nicht erwartet." "Wie denn?", frage ich. "So abgesichert", sagt das Virus und ist schon wieder verschwunden. Es hat gegrinst, als hätte es gewonnen, ohne mich befallen zu haben. Ich gehe in zwei Meter Mindestabstand zu mir selbst und stelle fest: Das Virus hat recht.

In dieser aktuellen Stunde der Pandemie geht es mir gut - finanziell, privat, beruflich, alles prima. Glückliche Umstände, liebevolle Beziehungen und ein großer Topf Vertrauen erlauben es mir sogar, die Zeit der Isolation nicht in der Stadt verbringen zu müssen, sondern mit meiner Familie ein idyllisches Landhaus inmitten eines kleinen Dorfes zu beziehen.  Die gesundheitlichen Gefahren des Virus sind hier genauso weit entfernt wie die existenziellen, für die es gerade allerorts verantwortlich ist. Pittoresk schwingt die Holzschaukel im wild bewachsenen Garten, die Schafe grasen nebenan und in der Ferne kräht, wie zu erwarten, ein Hahn.

Meine Familie und ich sind aber nicht hier, weil es hier schön ist, sondern weil es uns hier gerade besser geht. Wir dürfen das nämlich: Entscheidungen treffen. Wir verfügen über Optionen, unter denen wir abwägen können; unsere Kreativität, Ressourcen und Netzwerke helfen uns dabei. Später werden wir die Zeit der Isolation als eine zwar harte, irgendwie aber auch ganz gemütliche Zeit erinnern. Wie wir als Familie zusammenrückten und wie sich manche Dinge entschleunigten. Damals, in der ländlichen Idylle.

"Die Romantisierung der Quarantäne ist eine Frage der Klassenzugehörigkeit", geht es in den sozialen Netzwerken viral. Man kann das nicht treffender formulieren. Wenn Corona während meiner Kindheit ausgebrochen wäre, wie hart hätte es mich getroffen?

Seit das Virus mich dazu gezwungen hat, mir meinen Status quo näher anzuschauen, höre ich seine Fragen leise raunen: "Seit wann gehörst du denn zu denen, die alles haben? Wann ist das passiert?" Statt einer Antwort finde ich nur eine andere Frage, die mich viel härter umtreibt: "Wo warst du vorher?"

Die Frage des eigenen Wohnortes ist eindeutig politisch. Ich war mal ein Kind in einer Siedlung, in der man seine Kinder nicht allzu gern zu Kindergeburtstagen abliefert. Diese Siedlungen werden immer von den gleichen Attributen geprägt, egal ob in ländlichen oder städtischen Gefilden. Laute Musik, laute Streitereien in unterschiedlichen Sprachen, prügelnde Menschen, weinende Menschen, kaputte große und kleine Menschen.

Eingewanderte Menschen unterschiedlicher sozialer Milieus treffen auf nicht eingewanderte Menschen aus generationenlanger Armut. Die Sorgen um den Arbeitsplatz wohnen Tür an Tür mit den Sorgen um den Aufenthaltsstatus. Kinder spielen auf der Straße, als gäbe es keine Unterschiede. Als gäbe es keine existenziellen Nöte, keine Schläge, keine Exzesse in den Wohnungen. Während all dies in meinem Elternhaus, das ich als arm und liebevoll, bildungsnah und aufopfernd bezeichnen darf, keine Rolle spielte, sah die Situation in den Wohnungen über und unter und neben uns radikal anders aus.

Diese Tatsache aber wird mir erst jetzt bewusst. In den vergangenen Jahren habe ich wenig über mein Kindheitsumfeld gesprochen. Ohne es zu merken, habe ich diese Herkunft verschwiegen, denn sie wäre in meinem jetzigen Umfeld aus der Reihe gefallen. Das allein war aber nicht der Grund. Ich hatte diese Herkunft nachträglich schöner gefärbt, als sie war; ich hatte sie tröstlicher, gesünder, reicher gemacht. Also gab es nichts mehr, was ich hätte erzählen können. Die Probleme der anderen waren hinter ihren Türen versteckt, ich konnte sie negieren, weil es mir damit besser ging.

Die Romantisierung der sozialen Herkunft aber ist eine Frage des eigenen Aufstiegs. Wäre das Virus während meiner Kindheit ausgebrochen, wäre es mir und meinen ehemaligen Spielkameraden elendig schlecht ergangen. In Wohnungen, die auch ohne Ausgangsbeschränkungen zu klein für zu viele Menschen sind, hätten wir keine neuen Spielzeuge und Bücher zur Ablenkung bekommen können und durch die Wände das Schicksal der anderen erahnt, bei denen mangelnde Grundversorgung, seelische sowie körperliche Gewalt und die Angst um die eigene Existenz auch ohne Pandemie zur Tagesordnung gehören. 

Durch die Wände wäre das gedrungen, was wir unter dem Begriff "Armut" fassen würden, wenn wir uns die Mühe machen würden, es zu benennen. Wenn wir nicht so tun würden, als sei Armut ein Phänomen, das das Privatfernsehen zu unserer Belustigung inszeniert hat. Wenn wir nicht damit beschäftigt wären, die Landluft zu genießen, den Vögeln zuzuhören - und war das dahinten nicht sogar ein Hahn?

Aber Armut in Deutschland ist real, genau wie die verheerenden Auswirkungen der Pandemie auf Kinder armer Haushalte real ist. Dass zur Stunde in diesen Wohnungen Dinge passieren, die wir eher erahnen als wissen können, liegt nicht zuletzt daran, dass die Lobby dieser Menschen kapitalismusgemäß winzig ist. Und die Türen dieser Wohnungen wegen des Virus verschlossen bleiben müssen.

Ich blicke dem Virus wütend nach. Was mache ich jetzt mit diesen Erkenntnissen?

Ich mache das, was ich immer tue und was seit der Pandemie einen noch höheren Stellenwert eingenommen hat. Ich lese.

Die Lobby meiner ehemaligen Spielkameraden ist zwar kaum vorhanden, aber ihre Stimmen sind in der Literatur der Gegenwart eindeutig zu hören. Hier finde ich das, was ich wiederzuerkennen glaube, aufgereiht in den Worten der anderen. Ich lese Christian Baron und Paula Irmschler, ich lese Didier Eribon, Édouard Louis und Annie Ernaux, ich bestelle weitere Bücher und suche und suche, um in den Büchern das zu finden, was ich in meinem eigenen individuellen Gedächtnis so erfolgreich revidiert und vergessen habe.

Veranstaltungshinweis

Shida Bazyar spricht bei dem Festival "Und seitab liegt die Stadt: I. Herkunft" des Literarischen Colloqiums Berlin, das am 23. und 24. April als Livestream stattfindet. Zu sehen über lcb.de/seitab , Facebook  und Twitter .