Reisebuch »Die Raststätte« Mal wieder auftanken

Der Schriftsteller Florian Werner hat ein Sehnsuchtsbuch geschrieben für Zeiten, in denen alle nur noch miteinander fern verkehren: eine Hymne auf die Autobahnraststätte.
Autor Florian Werner: Er fühlt sich fremd an diesem Ort

Autor Florian Werner: Er fühlt sich fremd an diesem Ort

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Christian Werner

Die Pandemie weckt sonderbare Sehnsüchte. Ganz offenbar infiziert das Virus nicht nur unsere Körper, sondern auch unser Denken, unsere Gefühle. Und so kann es passieren, dass man sich dieser Tage von der Couch ins Büro wünscht – oder, noch verwegener, auf eine Autobahnraststätte. Wenn man schon nirgendwo mehr ankommen darf, so wäre man wenigstens gerne mal wieder unterwegs.

Der Schriftsteller Florian Werner , 49, hat nun eine Liebeserklärung an die Raststätte veröffentlicht, ein Sehnsuchtsbuch über einen Ort, von dem sich in normalen Zeiten alle nur weg sehnen. Die Raststätte: Das ist die Unterbrechung im Ablauf, ein Ort der Notwendigkeiten. An Raststätten halten wir uns auf, weil wir müssen, aufs Klo zum Beispiel. »Es gibt Gaststätten, die nie 'nen Gast hätten, es sei denn, sie sind Autobahnraststätten«, sangen die Gebrüder Blattschuss , eine Blödeltruppe, schon in den Achtzigerjahren.

Etwa 430 Autobahnraststätten gibt es heute in Deutschland. »In einer bekennenden Autofahrernation wie Deutschland sind sie vielleicht die wichtigsten Bauwerke überhaupt«, schreibt Werner und behauptet, der Besuch einer Raststätte könne uns mehr erzählen über die Kultur dieses Landes und seiner Bewohner als eine Besichtigung des Kölner Doms.

Vierzigtonner und andere Dinosaurier

Zuletzt hat Werner ein Buch über Elternschaft als philosophisches Abenteuer geschrieben, gemeinsam mit seiner Frau, der Philosophin Svenja Flaßpöhler . Nun steigt er tagelang im Motel der Raststätte Garbsen Nord ab, gelegen an der A2 nahe Hannover, »ein Ort von hinreißender Durchschnittlichkeit, ein Traum in Nullachtfünfzehn, asphaltgewordene Normalität.« Bilder des Fotografen Christian Werner illustrieren die Tristesse sehr schön.

Tankstelle an der Autobahnraststätte Garbsen Nord

Tankstelle an der Autobahnraststätte Garbsen Nord

Foto: Christian Werner

Draußen dieseln Vierzigtonner vor sich hin, drinnen im Foyer hängt ein Münzfernsprecher der Telekom, und so ist für Werner schnell klar, dass die Raststätte, diese Weihestätte des motorisierten Individualverkehrs, ein Ort im gestern ist. Wie passend, dass auf dem Dach des Rasthauses ein künstlicher Vogelbeckensaurier thront.

Werner, der Berliner Schriftsteller, der ehemalige Waldorfkindergartenbesucher und Absolvent eines humanistischen Gymnasiums, der Gesinnungsvegetarier, macht keinen Hehl daraus, dass er sich fremd fühlt an diesem Ort. Aber wer fühlt sich schon heimisch an einem Nicht-Ort wie diesem? Die Raststätte ist ein Ort des Transits, an den fast alle gekommen sind, um zu gehen.

Mit dem Fahrrad auf dem Beschleunigungsstreifen

Werner trifft den Mann, der die Ausnahme darstellt: Marc Münnich, Franchisenehmer der Anlage. Er ist Autobahngastronom in dritter Generation und daher auf der Raststätte aufgewachsen. Als Sechsjähriger heizte er mit dem Kinderfahrrad über den Beschleunigungsstreifen, machte seine Hausaufgaben in der Kinderspielecke des Raststätten-Restaurants. An anderen Kindern mangelte es nie, blöd nur, dass sie alle nach einer Dreiviertelstunde weiter mussten.

Werners Buch ist über weite Strecken eine Raststätten-Reportage. Er spricht auch mit einem Brummifahrer, mit einem Notfallseelsorger und einem Autobahnpolizisten, mit einem Flaschensammler. Er wirft einen Blick ins Gästebuch von Garbsen Nord. »Im Falle solchen Falles heißt’s: Dankeschön für alles«, dichtet Uwe Seeler dort. Und der höfliche Fernsehkoch Alfred Biolek bekundet, kulinarisch auf seine Kosten gekommen zu sein: »Danke für den guten Pudding!«

Als wäre die Raststätte aus der Welt gestanzt

So richtig auf Touren aber kommt Werner erst in den philosophischen Kapiteln, in denen er sich an Denker wie den französischen Anthropologen Marc Augé anlehnt, der einst eine Theorie sogenannter Nicht-Orte entwickelt hat. »Wenn der Reisende seinem Auto entsteigt, befindet er sich mit einem Bein noch in seinem privaten Fahrzeug«, schreibt Werner. »Man ist dort und doch wieder nicht, man ist abgeschlossen von der Realität drumrum.« Als wäre die Raststätte aus der Welt gestanzt. Und so recken und strecken sich die Menschen nach dem Aussteigen, als wären sie allein. »Die sonst üblichen Regeln des Zusammenlebens sind hier außer Kraft gesetzt.«

Recherchiert hat Werner im Sommer 2019, also im Sommer vor Corona. Die Reise ist seither weitergegangen, Ausfahrt ungewiss. Sein Projekt aber macht das noch reizvoller: ein Sehnsuchtsbuch für Zeiten, in denen kaum noch wer mit irgendwem verkehren darf, für Zeiten, so könnte man kalauern, in denen alle nur noch miteinander fern verkehren.

Zur Natur der Raststätte gehört es, die Menschen auszubremsen. Die Raststätte ist eine Nische nur in Raum und Zeit, »das ist kein Da und auch kein Schon, das ist die Raststation«, hat Ferdinand Schmalz mal gedichtet, der österreichische Theaterautor und Bachmannpreisträger.

Es klingt wie eine Umschreibung des Corona-Gefühls.