Starkes Romandebüt Und der Vater? Ist mal wieder nicht da

Die Suche nach ihrem Hippie-Vater führt eine junge Frau zu sich selbst: "Dad" ist ein ebenso kluger wie melancholischer Roman, der vom Leben in der Provinz handelt - und von der Flucht aus ihrer Enge.
Hippie-Ausflug in Griechenland

Hippie-Ausflug in Griechenland

Foto:

Rainer Binder/ ullstein bild

Einmal sollte Dad zum Basteln in den Kindergarten mitkommen. Es ist ein Vater-Kind-Basteln, jedes Kind hat einen männlichen Begleiter. Wenn’s nicht der Vater ist, hat eben der Opa oder der Partner der jeweiligen Mutter Zeit. Nur Marlene sitzt allein da, ihr Vater hat den Termin vergessen, vielleicht ist es ihm auch egal, die Grenzen verschwimmen da. Während sie also am Tisch sitzt und stur am Tonpapier entlangprickelt, bohrt ein anderer Junge so lange in dieser Wunde, bis Marlene ihm die Nadel, die sie zum Basteln verwendet, in die Beine rammt.

"Durch Haut zu stechen, ist fast wie durch Tonpapier: Wenn man erst mal durch die Jeanshose durch ist, geht es ganz leicht. Luis hat sich nicht mal gewehrt." Der Vater kommt dann doch noch, viel zu spät. Die halbfertige Bastelarbeit, einen Brontosaurus, schmeißt er aus dem Autofenster.

In Nora Gantenbrinks erstem Roman "Dad" erlebt Marlene eine Vielzahl solcher Anekdoten – zusammengenommen ergeben sie eine zunächst ziemlich traurige Geschichte.

Hier die Eltern. Der Vater ist der Hippie geblieben, der er war, als ihn die Mutter auf einer Demonstration kennenlernte, irgendwann, Anfang der Siebzigerjahre. Als das Kind stolz sein erstes Schulzeugnis präsentiert, zerreißt er es. Man solle sich bloß nicht von der Leistungsgesellschaft terrorisieren lassen.

Da die Großeltern, sie betreiben einen Handel für Därme und Fleischereizubehör. Dass der Sohn samt Familie wieder zurück zu ihnen kommt, zurück in die Kleinstadt, ist gerade für den Großvater ein später Sieg. Viel hat er nicht davon, die Ehe zerbricht früh. Der Vater nimmt alle Drogen der Welt, schläft sich nicht nur durch die Betten der Kleinstadt, sondern geht auch auf große Tour; Marokko, Indien, Thailand. Er infiziert sich mit HIV, liegt lange im Krankenhaus, stirbt schließlich. Bei der Beerdigung sagt der Trauerredner, es sei Krebs gewesen.

Zwölf Jahre später möchte Marlene wissen, wer dieser Mann war, was ihn umtrieb. Sie begibt sich auf eine Suche nach dessen alten Weggefährten. Die führt sie aus ihrem Wohnort Hamburg nicht nur zurück in die Stadt ihrer Kindheit, wo einer der früheren Freunde des Vaters, mittlerweile paranoid und hoffnungslos verlottert, immer noch an Heranwachsende Drogen verkauft. Sie reist auch nach Marokko, nach Goa, nach Thailand, wo sie schließlich auf die Schwester des Mädchens stößt, bei der sich der Vater damals ansteckte. 16 Jahre alt war die.

"Dad" ist ein Buch, dem etwas ziemlich Seltenes gelingt. Es ist schnell: Gantenbrink montiert Gegenwart und Vergangenheit, Anekdote und innere Einkehr, Spaß und Verzweiflung so versiert, dass man sehr gern dranbleibt.

Doch gleichzeitig meidet sie jedes Klischee. So bunt die Charaktere gezeichnet sind, so groß sind die Brüche, die sie ausmachen. Vor allem ist interessant, wie sie ihrer Protagonistin ein Umfeld schneidert, das einerseits geprägt ist vom Leben neben den Konventionen: Marlene wohnt auf dem Hamburger Kiez, am Transenstrich, mit großer Zärtlichkeit beschreibt Gantenbrink die kleinen und großen Katastrophen, die da passieren, berichtet vom (eher unangenehmen) Duft, den dieser Teil der Stadt verströmt, von Abenden am Tresen, von Süchtigen und Prostituierten. Ihr bester Freund: ein Außenseiter, der in leerstehende Gebäude einbricht und Motorräder aufmotzt.

Den Rest muss man sich selbst denken - und tut es gern

Andererseits bietet genau dieses Umfeld eine erstaunliche Verbindlichkeit: Man kümmert sich umeinander. Marlene fühlt sich aufgehoben, sie hat sich ihre eigene Familie geschaffen. Selbst der Lover aus der Bar, der eigentlich nicht für eine größere Rolle in ihrem Leben vorgesehen ist, aber trotzdem beharrlich klammert, wird mit der gebotenen Zärtlichkeit abserviert. Da, wo ihr Vater scheiterte, ist Marlene stark.

Die Autorin, die zu Beginn ihrer Laufbahn Redakteurin bei SPIEGEL.de war und seit 2013 als Reporterin für den "Stern" arbeitet, schöpft dabei die Eckdaten aus ihrer Biografie. Auch sie wuchs größtenteils ohne Vater auf, auch sie verlor ihn durch die Krankheit. Es ist im höchsten Maße beeindruckend, wie sie ihre eigene Geschichte als Ausgangspunkt für eine viel größere nimmt, für eine, die nicht nur von der Sehnsucht nach etwas Vergangenem berichtet, sondern auch von tiefer Freundschaft und der Suche nach Liebe. All das findet vor einer Kulisse statt, die viel über das provinzielle Deutschland der Neunzigerjahre erzählt – ohne zu Nostalgie zu verleiten.

Gantenbrinks Sprache ist lakonisch, die Sätze sind kurz. Sie meidet die große Ausschmückung. "Mein Vater arbeitete in einer Frankfurter Punkkneipe. Meine Mutter wohnte in einem besetzen Haus. Ihren ersten Urlaub verbrachten sie zusammen in einer Höhle in Griechenland. Meine Mutter sagt, sie trugen nur am Tag der An- und Abreise Kleidung", heißt es über das Kennenlernen der Eltern. Den Rest muss man sich selbst denken.

Das Ende wiederum dröselt sie auf jene Art auf, die man aus Filmen kennt. Quasi aus dem Off erzählt Marlene, was all die, mit denen man da über 230 Seiten gebangt, gelitten und gelacht hat, jetzt so machen.

Sie selbst ist da schon wieder ganz woanders. Repariert ein Kanu, fährt auf einen See raus. Lernt fischen. "Ansonsten passiert nicht viel", steht gegen Ende im Buch. Das ist schon ganz richtig so, es ist ja schon genug passiert.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.