Roman über Hochhaus-Slum Die Lumpenarmee stürmt den Wolkenkratzer

In Caracas steht der riesige "Torre de David" leer, jahrelang wurde er von Obdachlosen bewohnt. Der Schriftsteller JJ Amaworo Wilson erzählt in seinem Debüt-Roman vom Leben im höchsten Slum der Welt.
Hochhaus "Torre de David" in Caracas: "Wirklichkeit gewordener Mythos"

Hochhaus "Torre de David" in Caracas: "Wirklichkeit gewordener Mythos"

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Anadolu Agency/ Getty Images

Der "Torre de David" im Geschäftszentrum von Caracas galt lange Zeit als höchster Slum der Welt. Ursprünglich war er geplant als Bürokomplex für eine Großbank. Mit seinen 192 Metern ragt sein Rumpf noch heute über die Glasfassaden der benachbarten Banco Mercantil. Als der Investor starb, wurden die Bauarbeiten eingestellt. Nach mehr als zehn Jahren Leerstand zogen erste Bewohner ein: Arme und Obdachlose. Oben unfertige Wände. Darunter der Staub der Avenida Andrés Bello.

Luxus war in dem unfertigen Hochhaus nicht zu erwarten. Einige Wände fehlten. Als die venezolanische Armee den "Torre de David" im Juli 2014 räumte, gab es in den 45 Stockwerken noch Strom, manchmal zumindest. Eine Google-Rezension zu dem Hochhaus liest sich wie der Verriss eines billigen Motels: "Der Zimmerservice war langsam. Die Matratzen waren Pappe über Beton. Das war nicht besonders bequem, aber so konnte man sie leicht verbrennen und sich um die Bettwanzen kümmern." Im Juli 2014 lebten auf jenen Betonböden mehr als 1000 Familien.

Der Torre: für die einen ein in Stein gehauenes Zuhause. Für die anderen ein Schandmal der Stadt, das ungewollte Maßstäbe setzt. "Babel in Black", so nennt der Autor JJ Amaworo Wilson den Torre. In seinem Debütroman "Damnificados" schreibt er über das Innenleben jenes Turms. Wie ein "Monolith" erhebt er sich hier mit der "Aura eines Schulhoftyrannen" über die fiktive Stadt Favelada. Grundlage ist der historische Torre. Wilson gelingt es in seinem Roman allerdings, den Turm auf oft surreale Weise zu überzeichnen.

Im "Bjuty & Herrsalong" wird mit Sex bezahlt

Der historische Torre hat 45 Stockwerke. Bei Wilson übertrumpft er mit 60 Stockwerken sogar noch den Trump Tower. Der historische "Torre de David" ist benannt nach dem Investor David Brillembourg. Im Roman heißt der Investor schlichtweg Torres. Der Turm wird damit zum "Torre de Torres", zum Superlativ eines "Turm der Türme". Seine Ruine steht als narzisstische Lachnummer im Zentrum der Stadt. Vor diesem Setting entwickelt sich bei Wilson ein Mikrokosmos - mit eigener Geschichte.

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[Wilson, JJ Amaworo]

Damnificados: Roman

Übersetzt von: Conny Lösch
Seitenzahl: 320
Herausgeber: Edition Nautilus GmbH
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04.02.2023 17.51 Uhr

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Einst soll eine "Lumpenarmee" aus den Shantytowns der Hügel in den Turm gestürmt sein. Jene "Damnificados" - übersetzt: Geschädigte - vertrieben wilde Tiere und begründeten ihr eigenes Reich. Hierarchien bemessen sich bald nach Stockwerken. Gesetze gelten nicht mehr. Im dritten Stockwerk backt eine Bäckerei Brote – das Mehl stammt aus geplünderten Häusern. In Stockwerk sechs lassen sich Frauen im "Bjuty & Herrsalong" die Haare machen – bezahlt wird mit Gratis-Sex. Im fünften Stockwerk schieben Männer Wache – an den Fenstern sind Gewehre auf die Straßen von Favelada gerichtet.

Draußen zieht sich ein Teppich aus Papphütten über die Randbezirke der Stadt. Gebaut ist der Torre auf einem Müllberg. Ein Fundament, das jederzeit nachzugeben droht. In der Luft liegt der modrige Geruch der Bewohner, "eine moschusartige Anthologie aus altem Essen, Schweiß, Pisse und Abfall". In der Regenzeit steht die Stadt regelmäßig unter Wasser. Neue Bewohner fliehen in den Torre. Die Ruine wird zur "aufrechten Arche, die sich nicht bewegen lässt, aber auch kein Fundament auf Grund und Boden hat".

Der "Turm der Türme" wird zum fantastischen Konstrukt

Biblische Anspielungen wie diese finden sich in dem Roman immer wieder. Meistens überdreht Wilson sie so skurril, dass sie zum Beweis kompletter Gottlosigkeit im Torre werden. Die Schöpfung des Torre ist von Anfang an unvollendet. Die Bewohner sind "Nicht-Menschen". Der Heiland der Geschädigten ist kein Wundertäter – Anführer ist Nacho Morales, selber ein Krüppel, halbseitig gelähmt. Als Baby wird er zwar noch wie Mose ausgesetzt an einem Fluss. Sein Finder rettet ihn allerdings mehr aus Kalkulation: "Bringt er das Kind zur Polizei, landet es direkt auf dem Müllhaufen. Er nimmt es mit nach Hause. Er hat keine andere Wahl."

Wilsons Sprache ist einfach – und gerade deshalb genial. Er schafft es, dass beim Lesen weniger Worte plastische Bilder im Kopf aufscheinen. Dafür verwendet er teilweise recht provokative Beschreibungen: Ein "totes, aufgedunsenes Schaf hüpft wie ein angestochener Ball hangabwärts", als die Stadt überflutet wird. Den Tod mehrerer Menschen betitelt er als "Große Reinigung".

Dadurch entsteht eine sprachliche Distanz zum historischen Torre, die zweierlei möglich macht: Zum einen bleibt so trotz des schwierigen Themas Raum für komische Elemente. Zum anderen wird der Torre im Roman unabhängig von seiner historischen Vorlage in Caracas zum fantastischen Konstrukt, "Wirklichkeit gewordener Mythos", schreibt Wilson. Der historische Torre gilt bezeichnenderweise seit einem Erdbeben 2018 als einsturzgefährdet . Seit seiner Räumung 2014 steht er leer.

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