Daniel Anselmes "Adieu Paris" Fronturlaub in der Hauptstadt des Dramas

Fast 60 Jahre nach dem Original erscheint "Adieu Paris" erstmals auf Deutsch. Die Geschichte eines Heimkehrers aus dem Algerienkrieg ist auf unheimliche Weise mit der Gegenwart verbunden.

Französischer Kontrollpunkt im Algerienkrieg: Reden von "inneren Unruhen"
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Französischer Kontrollpunkt im Algerienkrieg: Reden von "inneren Unruhen"


Drei Soldaten auf Fronturlaub, Pause vom Algerienkrieg, aber was heißt Krieg? Die Regierung zog es während des von 1954 bis 1962 andauernden Waffengangs stets vor, von "inneren Unruhen" in Algerien zu sprechen. Und so ist es eine doppelt hilflose Situation, in die Lachaume, Valette und Lasteyrie geraten, als sie zu Weihnachten nach Frankreich zurückkehren und ein indifferentes Paris vorfinden - niemand, der nicht im Krieg war, versteht ihn, und nun nennt man ihn nicht einmal so.

Sie lassen ihre Jugend in jenem Krieg, in dem Frankreichs koloniale Größe ein letztes Mal aufleben soll, stürzen sich voller Lebenshunger, aber auch tiefliegender Skepsis in die wenigen Tage, die ihnen abseits brennender Dörfer, schlammiger Pfützen und der sengenden Sonne Algeriens bleiben. Daniel Anselme lässt seine Helden in dem Roman "Adieu Paris" - von denen ihn besonders der Unteroffizier Lachaume interessiert, im Zivilleben ein angehender Englischlehrer - mit beißendem Sarkasmus auf "die Rückeroberung Afrikas" schimpfen.

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Und er lässt sie, die durch ein imposantes, aber abweisendes Paris wanken - es erscheint als ein ganz anderes als dasjenige des Flaneurs Patrick Modiano. An der Grandiosität Frankreichs lässt er sie nicht mehr teilhaben, sie sind ausgeschlossen von den nationalen Aufwallungen ("Es gibt nichts Besseres auf der Welt als die Franzosen"), von der identitätsstiftenden französischen Esskultur, vom romantischen Glück. Adieu, Paris, das heißt im Moment des Ankommens schon wieder wegzumüssen.

Man merkt der schmalen, meist aus der Sicht Lachaumes geschilderten Handlung an, in welchem geistigen Klima sie spielt. Das Zeitalter des Absurden und Sinnlosen gibt der Geworfenheit der Soldaten ihre spezielle Prägung. "Adieu Paris" ist ein wiederentdecktes Kleinod, das auch eine unheimliche Verbindung zur furchtbaren Pariser Gegenwart zieht. Dass sie aktuell die Hauptstadt des Dramas ist, hat auch mit Frankreichs kolonialer Vergangenheit zu tun.

Eine Vergangenheit, die die Gegenwart ist in Anselmes bei Erscheinen 1957 wenig wahrgenommenem Debüt. Die Soldaten irren trunken und verzweifelt über die Boulevards ihrer Hauptstadt, die ihren Tages- und Nachtgeschäften nachgeht, ohne den fundamentalen Überdruss der Soldaten wider Willen wahrzunehmen. Sie wollen auf sich aufmerksam machen, irgendein Zeichen senden.

"Du bist Pariser. Sag uns, wo wir zuschlagen sollen. Wo es wirklich weh tut", sagt Lachaume zu Lasteyrie. Der antwortet, Lachaume solle sich seine Mühe sparen, "Paris hat einen dicken Panzer".

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