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Neues von Daniel Kehlmann: Fegefeuer der Halbwahrheiten

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Neuer Roman von Daniel Kehlmann F wie Firlefanz

Krise von Kirche, Kunst und Kapital: Mit seinem neuen Buch "F" hätte Daniel Kehlmann den großen Roman unserer Zeit schreiben können. Doch statt seinem Thema zu vertrauen, setzt er auf alberne Effekte.

Offenbar verfolgt Daniel Kehlmann die Nachrichten - und hat dabei ein besonderes Faible für Krisen und Kriminalfälle: In seinem neuen Roman "F" finden sich Anspielungen auf den Tod Dominik Brunners, auf die Affäre um den Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi, auf die Situation der katholischen Kirche und ihrer Priester, auf die Finanzkrise 2008.

Nach dem Welterfolg seines historischen Romans "Die Vermessung der Welt", von dem allein in Deutschland fast drei Millionen Exemplare verkauft wurden, und dem im Jahr 2009 folgenden schmaleren Werk "Ruhm", skizziert Kehlmann ein ganzes Panorama: Die Welten von Klerus, Kunst und Finanzwirtschaft - den Überbau und die Basis unserer Gesellschaft. Dazu das menschliche Streben nach Erfolg, die damit mitunter einhergehenden Täuschungsmanöver. Und die Familie, zumindest in Sonntagsreden noch immer Keimzelle der Bundesrepublik.

Doch das ist alles nicht das Wahre: Schon im Titel seines Buchs bezieht sich Daniel Kehlmann auf "F - wie Fälschung", Orson Welles' letzten vollendeten Film. Im Buch geht eine der Figuren ins Kino, um sich eben diesen Film anzuschauen - Kehlmann liebt es offenbar, seinen Lesern Hinweise zu geben. An anderer Stelle deutet der Erzähler "F" als Abkürzung für "Fatum", das lateinische Wort für Schicksal. Zuletzt aber ist "F", auch das macht der Verfasser deutlich, ein Familienroman um eine Familie, deren Familienname - wie könnte es anders sein - mit F beginnt.

Haarsträubende Ausflüchte

Im ersten Teil des Buchs, der anders als die folgenden in einem irritierend schnurrigen, an Heinz-Rühmann-Filme erinnernden Tonfall erzählt ist, begibt sich Arthur Friedland, ein in den Tag hinein lebender Gelegenheitsphilosoph, mit seinen drei Söhnen Mitte der achtziger Jahre in die Hypnoseshow eines Varietékünstlers. Und so, wie der Hypnotiseur auf der Bühne seine Effekte im Grenzbereich zwischen Suggestion und Autosuggestion erzielt, werden Arthur Friedland und seine Söhne im weiteren Verlauf des Romans zu Illusionisten.

Noch auf der Heimfahrt von der Hypnosevorstellung lässt Arthur Friedland seine Familie sitzen. Was aus dem verschwundenen Vater geworden ist, erfahren die Kinder schließlich aus den Medien: Mit schlichten Lebensweisheiten und Geschichten im Stil Paulo Coelhos bringt er es in die Bestsellerlisten.

Auch seine Söhne bauen ihre Laufbahn auf Täuschung. Martin, der Älteste, wird Priester. Aber er glaubt nicht an Gott. Sein Bruder Eric macht Karriere als Anlageberater. Bereits vor der Pleite der Lehman Brothers und der damit einhergehenden Finanzkrise hat er die Übersicht über das Lügengebäude seiner Transaktionen verloren. Seinen wichtigsten Klienten hält er mit haarsträubenden Ausflüchten ebenso hin, wie seine Frau, seine Tochter und seine Geliebte. Am konsequentesten lebt der dritte Sohn, Iwan, in einer dreisten Fiktion: Als Galerist und Biograf zehrt er von einem künstlerischen Werk, das eigentlich gar nicht existiert.

Höllenschlund unter der Villa

Noch viel schärfer als der alte, an die Moderne gerichtete Vorwurf, dass Abstraktion keine Kunst sei, ist der Argwohn mancher Zeitgenossen, beim gesamten Kunstbetrieb handele es sich um eine einzige, dubiose Blase. Kehlmann greift diesen Verdacht lustvoll auf - so, wie er sich auch der populären Meinung bedient, dass der Finanzsektor in der Hand von Hochstaplern sei, und Religion ein leerer Ritus, an den nicht einmal die Geistlichkeit selbst noch glaubt.

Dass eine Gesellschaft der ihr ursprünglich zugrunde liegenden Werte, seien sie materieller oder immaterieller Art, nicht mehr vertraut, wäre tatsächlich ein hervorragender Stoff für einen Roman, vielleicht sogar das Thema für den großen Roman unserer Zeit.

Doch wie man am Stammtisch oder im Internetforum je nach Erregungsgrad fast alles für Betrug hält, scheint auch Kehlmann von einem generellen Misstrauen erfüllt. Dass er - zumindest in diesem Buch - dem Kunstbetrieb, der Finanzwirtschaft oder dem Klerus nicht traut, ist dabei völlig nebensächlich. Entscheidend für "F" ist, dass Kehlmann seiner eigenen Geschichte nichts zugetraut hat.

Nachdem er das Buch mit der - gerade wegen ihrer offensichtlichen Anspielungen auf Thomas Manns "Mario und der Zauberer" - albernen Vorgeschichte des Hypnotiseurs eröffnet hat, lässt er sich auch in allen folgenden Kapiteln zu erzählerischen Zirkustricks hinreißen: Die für den Verlauf der Geschichte eigentlich unnötige Verschränkung von Handlungssträngen, illusionistische Spielereien mit der Wahrnehmung der Romanfiguren - der Leibhaftige tritt in der Straßenbahn auf, unter der Villa des Finanzberaters gähnt ein Schlund wie aus Dantes "Hölle". Krönender Varieté-Effekt ist die Nummer mit den verwechselten Geschwistern: Eric und Iwan sind Zwillinge und sehen sich derart ähnlich, dass man sie kaum auseinanderhalten kann. Das muss ja übel ausgehen.

Hätte Kehlmann die Themen und die Figuren seines Buchs ernst genommen, "F" wäre der Roman einer ausgehöhlten Gesellschaft geworden. So wirkt das Buch wie die missglückte Fingerübung eines Schriftstellers, der auf der Suche nach der besonderen Form vor lauter Spielereien den Inhalt aus den Augen verloren hat - und zudem erst im letzten der drei großen Kapitel über die Brüder Friedland in Fahrt kommt.

Man könnte auch sagen: Dieses Buch ist Firlefanz. Ein Wort mit "F", immerhin.