Zum Tod von Dario Fo Der Possenreißer, vor dem die Politik zitterte

Dario Fo hat den Kulturbetrieb gespalten, die Politik verspottet, die Mafia verärgert - der singende, springende, spielende Literaturnobelpreisträger war eine permanente Ein-Mann-Revolution.

REUTERS

Ein Rückblick von , Rom


Eigentlich war es immer so: Die Vorstellung soll gleich beginnen und Dario Fo, Autor, Hauptdarsteller, Kostüm- und Bühnenbildner, verschiebt die Kulissen, versetzt die Requisiten, feilt am Text und übt einen Scherz, der ihm gerade eingefallen ist. "Was meinst Du, Franca?" Franca Rame, seit 1954 Fos Ehefrau, ewige Bühnenpartnerin und Kritikerin, verdreht die Augen. Sie ist genervt, er bester Laune. So geht für ihn Theater.

So hat er angefangen, gleich nach dem Krieg, in der Künstlerbewegung "piccoli teatri", deren Mitglieder in der Tat auf den ganz kleinen Bühnen Italiens spielten, weil die größeren sie nicht wollten. Er spielte improvisierte Einpersonenstücke, nicht nur auf der Bühne, sondern auch an Bushaltestellen oder vor Supermärkten als "verstecktes Theater". Die Stücke waren bunt, die Sprache derb, die Späße heftig.

So blieb es auch, als er mit Stücken wie "Erzengel spielen nicht am Flipper" Anfang der Sechzigerjahre über Italien hinaus von sich reden machte. Der Fernsehsender RAI bot ihm eine Show, aber die Verbindung hielt nicht lange. Einer, der provozieren und polarisieren will, passt nicht ins Staatsfernsehen. Dario Fo verprellte einfach zu viele Mächtige. Die Mafia schickte Morddrohungen, die RAI schloss ihn und Franca Rame für 15 Jahre von weiteren Fernsehaktivitäten aus.

Nobelpreis für den Clown

Auf der Bühne lief es ähnlich. Das Publikum amüsierte sich, die Obrigkeit nahm übel, schickte die Polizei. Mehrmals wurde Dario Fo noch im Kostüm verhaftet. Für ihn war das eine Art Bestätigung, dass sein Spott trifft. Denn die Macht fürchtet nichts mehr als das Lachen, das Lächeln, den Spott, sagte er 1997 in Stockholm, als ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde. Deshalb wolle er auf der Bühne "nicht Hamlet, sondern Clown" sein, wolle "lachen, spotten, grotesk, vulgär und possenhaft" sein.

Der Nobelpreis für Fo traf das Establishment in Kultur und Politik, nicht nur in Italien, hart, galt vielen als großes Fehlurteil. Auch den linken Intellektuellen war Fo, der Hampelmann, der Politik nicht ernst nahm, sondern immer nur veralberte, alles andere als genehm. So empörte sich etwa der Autor und Filmemacher Pier Paolo Pasolini, Fo sei "eine Art Pest, die das italienische Theater befallen hat".

"Dario Fo steht in der Nachfolge mittelalterlicher Gaukler. Er geißelt die Machtlosigkeit und richtet die Würde der Schwachen wieder auf", begründete die Stockholmer Jury ihre Entscheidung. Sein Lieblingsobjekt in jener Epoche ist Silvio Berlusconi, der Medienzar, der Milliardär, der Italien in den Griff seiner Interessen nimmt. Dario und Silvio, das ist - wie Fo es nennt - "der Wettstreit zweier Berufskomiker". Auf der Bühne gewinnt immer Dario, und Silvio wird ausgelacht.

Putins Hirn rettet Berlusconi

Im surrealen, völlig verrückten Stück "L'Anomalo bicefalo" (auf Deutsch etwa: "Der anomale Doppelköpfige") zum Beispiel überlebt Silvio nur, weil ihm das Hirn von Putin implantiert wird. Da "aus zwei negativen eine positive Ladung wird" (Fo), erkennt Silvio plötzlich, wie er mit Lug und Trug sein Imperium aufgebaut hat, wie er sich mit Sondergesetzen zu seinen Gunsten immer wieder vor der Justiz rettete. Er bereut und beschimpft seine Helfer und seine Wähler, weil ihn niemand gestoppt hat.

Ja, er ist sogar bereit, ins Gefängnis zu gehen. Freilich hat er zuvor alle Gefängnisse des Landes gekauft und in Fünf-Sterne-Hotels umbauen lassen. Fo, eigentlich 1,83 Meter groß, schrumpft auf der Bühne zum dicken Zwerg von 1,20 Meter, versteckt seine Beine im Bühnengraben, scheint auf den Händen zu Laufen. Er hüpft herum, schreit, lacht, reißt Possen - eine umwerfende Show, über die der Zuschauer noch lacht, wenn er das Theater längst verlassen hat.

Seine kurzen Ausflüge in die Politik - ob sie ernst gemeint waren oder auch eher Schabernack, ist nicht ganz klar - laufen dagegen ins Leere. Bei der Bürgermeisterwahl in Mailand schafft es der "Hanswurst" (Fo über Fo) als Kandidat einer Mitte-Links-Koalition im Jahr 2006 zwar auf immerhin 23 Prozent der Stimmen, verlor aber gleichwohl. Eine Weile engagiert er sich auch im "MoVimento 5 Stelle", der Fünf-Sterne-Protestbewegung des Komiker-Kollegen Beppe Grillo, aber lange hält ihn auch das nicht.

Seine Welt ist die Bühne. 2012 braucht er für sein neues Stück "Picasso desnudo" (Picasso nackt) Bilder des Malers, doch dessen Sohn fordert "übertriebene Summen" für die Bildrechte, wie Dario Fo findet. Da malt er sie eben selbst - denn natürlich kann er nicht nur schreiben und spielen und singen, sondern auch malen.

2013 ist seine Ehefrau Franca Rame gestorben, jetzt Dario Fo.

Nun endlich kann das politische Establishment ihn rühmen, ohne sich vor dessen womöglich derb-spöttischer Reaktion fürchten zu müssen. Italien habe einen "großen Vertreter des Theaters, der Kultur und der Zivilgesellschaft verloren", meldete sich Roms Regierungschef Matteo Renzi umgehend. Aber, nun ja, da hat er ja Recht.



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