"Philosophie des Radfahrens" Ein Buch wie ein Energieriegel

Aus dem Essayband "Die Philosophie des Radfahrens" kann man lernen, warum es in Island kein geeigneteres Verkehrsmittel gibt und warum das Fahrrad die Welt zu einem besseren Ort machen könnte.

Roberta Schneider

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Eigentlich ist es mit dem Fahrradfahren ja so wie mit dem Atmen oder dem Laufen: Man macht es einfach, ohne groß darüber nachzudenken. Wenn man aber dann doch einmal anfängt, darüber nachzudenken, kann dabei etwas so Großartiges herauskommen wie der Essayband "Die Philosophie des Radfahrens", der in diesem Frühjahr im Mairisch Verlag erschienen ist. Ein Buch wie zwei Energieriegel und ein Dutzend Bananen für den Geist. Mit 15 ganz unterschiedlichen Aufsätzen darüber, was es eigentlich bedeuten kann, Fahrrad zu fahren, von ganz unterschiedlichen Autoren.

Da ist ein isländischer Professor, der beim Mittagessen solange mit den Uni-Kollegen debattierte, warum es entgegen aller Vorurteile das perfekte Verkehrsmittel sei, um jeden Tag zur Arbeit zu gelangen, bis er schließlich die Theorie hinter sich ließ, sich ein Fahrrad kaufte und schließlich verstand, was Nietzsche meinte, als er riet, "keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung - in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern". Oder Heather L. Read, eine amerikanische Philosophieprofessorin, die Radrennen fährt, sich zweimal fast für die Olympischen Spiele qualifiziert hätte und den wunderbaren Satz schreibt: "An der Startlinie sind wir alle Philosophen." Denn an der Startlinie ist niemand frei von Zweifeln, und das ist der Ausgangspunkt aller Philosophie.

Oder Raymond Angelo Belliotti, der selbst nach eigener Aussage nie ein Fahrrad besaß und ganz wundervoll leichtfüßig und unterhaltsam darüber schreibt, was die Dopingkarriere Marco Pantanis mit dem Gefangenendilemma zu tun hat.

Fortschrittsmittel, nicht Fortbewegungsmittel

Und obwohl einige der übrigen Essays so liebenswert überambitioniert sind wie die bierbäuchigen Herren, die sich für ihre Sonntagsfahrten in wurstpellenenge Trikots zwängen, ist gerade das gleichzeitig die große Leistung des Buches: Das Fahrrad ernst zu nehmen in all seinen Dimensionen. Nicht nur als Sportgerät oder Statussymbol. Dieses Buch versteht das Fahrrad als Fortschrittsmittel statt als bloßes Fortbewegungsmittel. Wie wäre es, in einer Welt zu leben, die nicht länger beherrscht ist vom Automobil? Einer entschleunigten Welt? In der Geist und Körper die Natur erfahren? In der der Mensch das Wetter spürt?

Nun, wahrscheinlich wäre es viel schöner. Steven D. Hales beschreibt jedenfalls die sechs philosophischen Lektionen, die man durch das Fahrradfahren lernen kann. Auf langen Touren über zu steile Berge mit zu schlechter Ausrüstung und zu wenig Kondition. Aber so versöhnlich wie all diese Touren meist dann doch in einem Biergarten enden, so versöhnlich endet auch Hales: "Die sechste Lektion, die ich gelernt habe, ist, dass Radfahren einen nach Delphi führen kann, mit dem Wunsch, sich selbst zu erkennen (...). Mit dem Glück, das einem das Radfahren geben kann, und der Stärke, die der Charakter daraus ziehen kann, findet man seinen Weg zurück."

Wir sind der Verkehr!

Zwei der Essays schauen dorthin, wo unsere Welt diesem Ideal am Nächsten kommt. Der SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Holger Dambeck schreibt vom Glück, in Kopenhagen Fahrrad zu fahren. Und erklärt es damit, dass die Stadtplaner von Kopenhagen sich nicht ausschließlich für Durchflussmengen, Fahrwegbreiten und Ampelschaltungen interessieren, sondern zusätzlich die Radfahrer nach ihren Empfindungen fragen: Wo fühlen sie sich sicher? Was stört? Und darum fahren die Einwohner Kopenhagens nicht nur lieber, sondern auch mehr Fahrrad als die Einwohner vieler anderer Städte: "Ein hohes subjektives Sicherheitsempfinden - das ist der entscheidende Faktor dafür, um mehr Menschen dazu zu bringen, aufs Rad zu steigen."

Und Zack Furness beschreibt das Phänomen der Critical Mass, einer Fahrrad-Fahr-Veranstaltung, die im Jahr 1992 in San Francisco zum ersten Mal stattfand und sich seitdem über die ganze Welt (auch bis nach Deutschland) ausgebreitet hat. Jeden letzten Freitag treffen sich seitdem Fahrradfahrer pünktlich zur Rushhour, um gemeinsam die Straßen zu erobern. Eine Demonstration, die keine eigentliche Demonstration ist, eine Party, die keine eigentliche Party ist. Ein großer Spaß mit einer ernsthaften Botschaft: "Wir behindern den Verkehr nicht, wir sind Verkehr!"


J. Ilundáin-Agurruza / M. W. Austin / P. Reichenbach (Hg.): Die Philosophie des Radfahrens. Aus dem Englischen von Roberta Schneider, Blanka Stolz u.a. Mairisch Verlag, Hamburg; 208 Seiten; 18,90 Euro.



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Seite 1
osjorsk 10.06.2013
1. Wow
Auch ungelesen kann ich dem absolut beipflichten! Jeder Weg, den man mit dem Rad zurücklegt wird zum Kurzurlaub. Nehme ich tatsächlich Mal das Auto, bin ich an der ersten Ampel genervt. Kaum sonst wo ist die Diskrepanz zwischen dem vorgegaukelten Image und der Realität größer als beim Auto. Fahrradfahren macht frei und glücklich - übrigens auch bei Regen und Minusgraden, einfach die richtige Kleidung. Viel Spass dabei.
solna 10.06.2013
2. Das Original lesen
Das Original gibt es schon ein Weilchen. "Cycling: A Philosophical Tour De Force (Philosophy for Everyone)". Ziemlich schlechtes Buch. Radfahren wiederum ist gut.
Laubhaeufer 10.06.2013
3. Radfahren als Allheilmittel
In deutschen Städten aber nur schwer möglich, meist mit enormer Gefährdung für den Radfahrer verbunden. Wer schonmal erlebt hat, dass man nicht mal auf einem geraden Radweg ohne Straßeneinmündung fahren kann, ohne von einem PWK geschnitten zu werden, der parken oder zurück auf die Straße fahren will, sieht Radfahren AUCH mit ganz anderen Augen!
auweia 10.06.2013
4. Na wunderbar.
Zitat von sysopRoberta SchneiderAus dem Essay-Band "Die Philosophie des Radfahrens" kann man lernen, warum es in Island kein geeigneteres Verkehrsmittel gibt und warum das Fahrrad die Welt zu einem besseren Ort machen könnte. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/das-buch-die-philosophie-des-radfahrens-a-904433.html
Zitat aus dem Text: "Und erklärt es damit, dass die Stadtplaner von Kopenhagen sich nicht ausschließlich für Durchflussmengen, Fahrwegbreiten und Ampelschaltungen interessieren, sondern zusätzlich die Radfahrer nach ihren Empfindungen fragen: Wo fühlen sie sich sicher? Was stört?" Wieso werden denn die Kfz-Lenker nicht in ähnlicher Weise befragt? Kann es sein, dass man sich vor den möglichen Ergebnissen fürchtet? Wann wird ein ähnlich hymnisches Buch über das Autofahren geschrieben? Wieder ein Beispiel dafür, dass die Fahrradfahrer mit dem Gestus der verfolgten Unschuld und einem ökologisch korrekten Erziehungsanspruch langsam die Deutungsmacht in den Medien gewinnen. Ich wünsche den Fahrradfahrern alles Gute und unterstütze sie gerne bei Ihren Bemühungen, sichere Verkehrswege zu erreichen. Allerdings lehne ich eine derartige ideologische Überhöhung des Radlertums ab. Die Welt wird nicht am Fahrradwesen genesen. A propos: Wenn alles erfolgreich auf Pedalbetrieb umgestellt ist, wird der Staat sich nach Finanzierungsquellen außerhalb der Autowelt umsehen müssen ;-).
mr.ious 10.06.2013
5. Weltgenesungsbuch ?
Zitat von auweiaZitat aus dem Text: "Und erklärt es damit, dass die Stadtplaner von Kopenhagen sich nicht ausschließlich für Durchflussmengen, Fahrwegbreiten und Ampelschaltungen interessieren, sondern zusätzlich die Radfahrer nach ihren Empfindungen fragen: Wo fühlen sie sich sicher? Was stört?" Wieso werden denn die Kfz-Lenker nicht in ähnlicher Weise befragt? Kann es sein, dass man sich vor den möglichen Ergebnissen fürchtet? Wann wird ein ähnlich hymnisches Buch über das Autofahren geschrieben? Wieder ein Beispiel dafür, dass die Fahrradfahrer mit dem Gestus der verfolgten Unschuld und einem ökologisch korrekten Erziehungsanspruch langsam die Deutungsmacht in den Medien gewinnen. Ich wünsche den Fahrradfahrern alles Gute und unterstütze sie gerne bei Ihren Bemühungen, sichere Verkehrswege zu erreichen. Allerdings lehne ich eine derartige ideologische Überhöhung des Radlertums ab. Die Welt wird nicht am Fahrradwesen genesen. A propos: Wenn alles erfolgreich auf Pedalbetrieb umgestellt ist, wird der Staat sich nach Finanzierungsquellen außerhalb der Autowelt umsehen müssen ;-).
Geht's evtl. eine Nummer kleiner, denn sowas lese ich da auch nicht.
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